Politik

Luftaufnahme des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld am Main bei Schweinfurt mit den beiden Kühltürmen, dahinter die Ortschaft Heidenfeld. (Foto: dpa)

22.06.2015

Aus für Grafenrheinfeld

Das Atomkraftwerk wird am 27. Juni abgeschaltet. Strommangel droht zwar nicht, doch die Abhängigkeit Bayerns von Stromimporten wächst

Die gute Nachricht: Nach der Abschaltung des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld am kommenden Wochenende wird voraussichtlich weiter Strom aus jeder bayerischen Steckdose kommen. Den ursprünglich befürchteten Engpass wird es nach Einschätzung des Wirtschaftsministeriums nicht geben. "Die Versorgungssicherheit in Bayern ist durch die Abschaltung von Grafenrheinfeld in keiner Weise bedroht", sagt Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU).
Mehr als 33 Jahre lang hat der unterfränkische Atommeiler Strom geliefert. Aigner ist sicher, dass die Abschaltung am 27. Juni keine Schwierigkeiten verursachen wird: "Die problemlose Abschaltung von Grafenrheinfeld zeigt, wie weit wir mit der Energiewende in Bayern und Deutschland bereits gekommen sind."  
Die wegfallende Strommenge könne durch neue Erneuerbare-Energien-Anlagen und konventionelle Kraftwerke in Deutschland und Europa ersetzt werden. Und zur Netzstabilisierung seien bereits "umfangreiche technische Maßnahmen" ergriffen worden. "Das ist ein guter Moment, um einmal positiv über die Energiewende zu sprechen", sagt Aigner.  

Bayerische Wirtschaft kritisiert das Fehlen eines umfassenden Energiewende-Plans

Etwas weniger sonnig ist die Einschätzung der bayerischen Wirtschaft. Vier Jahre nach dem Atomausstiegs-Beschluss gebe es "immer noch keinen umfassenden Plan, was bis wann passieren muss, um eine sichere Stromversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen auch über 2022 hinaus zu garantieren", kritisiert Bertram Brossardt, der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft. "Inzwischen läuft uns die Zeit davon."  
Brossardt beklagt "punktuelle Korrekturversuche und zähe Diskussionen" um einzelne Vorhaben. "Ein umfassender Energiewende-Plan ist überfällig."
Denn je weniger Strom in Bayern produziert wird, desto abhängiger wird Bayern von Stromimporten aus anderen Bundesländern und dem Ausland - insbesondere Österreich. Grafenrheinfeld allein produzierte nach den Daten der bayerischen Energiewirtschaft 2014 etwa ein Sechstel des bayerischen Stroms - 10 000 von insgesamt gut 60 000 Millionen Kilowattstunden.  
Dieses Sechstel wird künftig fehlen. Schon seit Jahren geht die bayerische Stromerzeugung kontinuierlich zurück. 2010 etwa waren noch 73 000 Millionen Kilowattstunden in Bayern produziert wurden. Grafenrheinfeld ist nach Isar I der zweite bayerische Reaktor, der abgeschaltet wird. In Betrieb bleiben Gundremmingen B und C sowie Isar II, die von 2017 bis 2022 vom Netz gehen werden.  

Von Jahr zu Jahr steigt daher der Aufwand zur Stabilisierung des Netzes

Doch das bundesweite Stromnetz ist noch nicht für die Verlagerung der Stromproduktion von süddeutschen Atomkraftwerken zu norddeutschen Windanlagen umgebaut - so ist zumindest die Struktur der Energiewende angelegt. Doch dafür fehlen die Leitungen. Von Jahr zu Jahr steigt daher der Aufwand zur Stabilisierung des Netzes - im Fachjargon "redispatch" genannt.  
Das bedeutet, dass der Stromtransport von Nord- nach Süddeutschland gedrosselt werden muss, um eine Überlastung des Netzes zu vermeiden. Stattdessen wird der Strom dann entweder in Süddeutschland in Reservekraftwerken erzeugt oder aus dem Ausland importiert.  
Für den kommenden Winter 2015/16 haben Bundesnetzagentur und Netzbereiter dafür eine Spanne zwischen 6 700 und 7 800 Megawatt Reservekraftwerksleistung verordnet, die zur Verfügung stehen muss. "Redispatch" bedeutet faktisch auch, dass eigentlich zur Verfügung stehender Windstrom aus Nord- und Ostdeutschland in Süddeutschland nicht verbraucht werden kann, weil das bestehende Stromnetz dafür nicht geeignet ist. Die Stromindustrie bekommt für den "redispatch" Sonderzahlungen vom Bund, die Kosten in alljährlich dreistelliger Millionenhöhe tragen die Bürger.  
Doch "Redispatch" ist nicht nur teuer, sondern auch technisch aufwendig - das Netz wird instabiler. "Damit die Versorgungssicherheit nach 2022 gewährleistet werden kann, ist außerdem der Netzausbau auf allen Spannungsebenen nötig", verlangt Brossardt. Doch das Gesamtkonzept für die Energiewende fehlt nach wie vor. (Carsten Hoefer, dpa)

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