Politik

Münchens OB und Bayerns Ministerpräsident, jeweils mit Gattin, beim Bierkrug-Schwenken – muss das sein? (Foto: dpa)

29.05.2015

Bayern bleibt ein Bierland

Ausgerechnet die CSU will jetzt dem Saufen den Kampf ansagen – zumindest ein bisschen ...

"Ein g’standener Politiker muss doch saufen können!" Diesen Spruch musste sich CSU-Mann Bernhard Seidenath schon öfter anhören. Denn der Vize-Chef des Gesundheitsausschusses im Landtag stößt regelmäßig auf blankes Unverständnis, wenn er ein Bier ablehnt. „Am Ende haben mich die Leute aber trotzdem gewählt“, sagt Seidenath und lacht. Tatsächlich aber dürfte es für viele Wähler eine überraschende Erfahrung gewesen sein, auf einen Abstinenzler im bayerischen Bierzelt-Wahlkampf zu treffen.
Noch überraschender allerdings ist, dass jetzt ausgerechnet die CSU dem Saufen den Kampf ansagen will. Die Partei, deren Politiker Cannabis als gefährliche Droge verteufeln, aber meist allzu gerne eine Maß Bier in die Kamera halten. Doch tatsächlich: Seidenath arbeitet gerade mit dem CSU-AK Gesundheit an einem Antrag, der die Staatsregierung auffordert, sich dafür einzusetzen, dass „Alkoholmissbrauch gesellschaftlich stärker missbilligt wird“. Er betont: „Alkoholabhängigkeit ist eine Volkskrankheit.“ Ebenfalls enthalten im Antrag, der in den nächsten Wochen in den Landtag eingebracht werden soll: Eine stärkere Verankerung des Themas Alkoholsucht in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Hausärzten.

Mindestens 270 000 Menschen im Freistaat sind alkoholabhängig

Die Zahlen sind in der Tat erschreckend: Mindestens 74 000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an den Folgen von Alkoholmissbrauch. Allein in Bayern gelten rund 270 000 Menschen als alkoholabhängig. Je geringer das Alter, umso höher die Rate der Betroffenen – an der Spitze liegen die 18- bis 24-Jährigen. Und erstaunlich: Laut Robert-Koch-Institut ist der Alkoholmissbrauch umso verbreiteter, je höher der soziale Status ist. Tatsächlich gibt es Firmen, die von einem Alkoholproblem berichten – gerade auf der Führungsetage.
„Noch immer gilt man als toller Hecht, wenn man viel trinken kann“, kritisiert Seidenath. Doch er betont auch: Die Dosis macht das Gift. Alkohol wie Cannabis per se verteufeln, das will auch er nicht. „Bayern ist ein Bierland, ein Weinland“, sagt er. Das gehöre einfach zum Freistaat dazu.
Genau diese Einstellung regt die Landtags-Opposition auf. „Warum sollte Bier deshalb weniger harmlos als Cannabis sein, nur weil es zum Kulturkreis gezählt wird“, ärgert sich der Grüne Ulli Leiner. Kathrin Sonnenholzner (SPD), Chefin des Gesundheitsausschusses, und der Mediziner Karl Vetter (FW) sehen das ähnlich. Letzterer sorgte kürzlich im Gesundheitsausschuss für große Erregung bei CSU-Politikern mit der Aussage, dass biertrinkende Politiker auf Volksfesten „kein Vorbild“ für junge Menschen seien. „Ich bin selbst kein Kind von Traurigkeit“, sagt Vetter. Seit zwei Jahren aber trinke er ausschließlich privat. „Muss ich denn als Ministerpräsident oder Oberbürgermeister zur besten Sendezeit auf der Wiesn den Maßkrug schwenken?“, fragt er. Sonnenholzner und Leiner möchten die Beantwortung der Frage jedem selbst überlassen. Aber sich volllaufen lassen oder das Trinkgelage auf Facebook posten – das gehe gar nicht.

Pauschal vor Bier und Wein warnen, wollen weder CSU noch Ministerin

Leiner fordert mehr Prävention an den Schulen. Die Aufklärung über Sucht sollte an ein bestimmtes Fach, etwa den Sozialkundeunterricht, angebunden werden. Im Kultusministerium sieht man indes keinen Handlungsbedarf. Das Thema Suchtprävention sei in den Lehrplänen bereits breit verankert, sagt eine Sprecherin. Über alle Jahrgangsstufen hinweg werde in den verschiedensten Fächern über Drogen gesprochen. Mit den jüngern Schülern vor allem über die legalen – Alkohol und Nikotin.
Auch das Gesundheitsministerium sieht sich gut aufgestellt – mit Präventionsprojekten wie „Hart am Limit – HaLT in Bayern“ zum Beispiel. Tatsächlich ging die Zahl der jugendlichen Koma-Trinker jüngst zurück. Eine Million Euro gibt der Freistaat insgesamt für Präventionsmaßnahmen gegen Alkoholmissbrauch aus. „Ein Skandal aber ist es, dass das Thema im Präventionsplan nicht vorkommt“, schimpft SPD-Frau Sonnenholzner. Den hatte Ministerin Melanie Huml vergangene Woche vorgestellt. Immerhin: Auch im CSU-Antrag will man hier eine Korrektur. Als Querschnittsthema komme das Thema Alkohol in allen Handlungsfeldern durchaus vor, kontert das Ministerium. Und für die CSU-Forderung, das Thema stärker in der Ärzteausbildung zu verankern, sei die Staatsregierung schlicht nicht zuständig. Das gehöre zum Kerngeschäft der Bayerischen Landesärztekammer.
Ziel der Missbrauchsprävention in Bayern sei es, verantwortlichen Umgang mit Alkohol zu fördern. Pauschal vor Bier und Weinkonsum zu warnen – das wolle man gar nicht, betont das Ministerium. Kein Wunder: Mehr als die Hälfte aller 1352 Brauereien Deutschlands haben ihren Sitz  im Freistaat. (Angelika Kahl)

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Kommentare (9)

  1. Karl am 29.05.2015
    Nein, bleibt es nicht, weil ständige Verkehrskontrollen druchgeführt
    werden ist in Deutschland der Bierumsatz zurück gegangen!
    Die gestiegenen Bierumsätze stammen aus Auslandsverkäufen.
    Außer dem werden die jährlichen Volksfeste mittlerweile als
    Förderung des Alkoholismus angesehen.
  2. cheeva am 01.06.2015
    Ist ja schön und gut. Trotzdem kiffe ich mir lieber ein.
  3. Kenny am 01.06.2015
    Wenn die Leute sich abends einfach mal gemütlich eine Tüte rauchen dürften, würden sie Menschen bestimmt weniger Bier trinken. Aber sowas will die CDU / CSU natürlich nicht hören, und Cannabiskauf ist ja auch nur um sich wegzuballern, anders als der 5€ Vodka, der noch immer von Discounter angeboten wird. Dieser ist natürlich ein Genussmittel, Cannabis kann ja auch nicht genossen werden. In diesem Sinne Prost liebe Union, auf den bleibenden Leberschaden!
  4. Matthias Pfahl am 01.06.2015
    Soso, generell vor Alkohol warnen will man nicht - aber jeden weiterhin mit dem schärfsten Schwert deutscher Rechtssprechung verfolgen, der mit einem Joint erwischt wird: erkennungsdienstliche Behandlung, Durchsuchung des mitgeführten Hab und Guts, Leibesvisite inkl. Untersuchung der Genitalbereiche, Durchsuchung von Haus und Hof. Und schlussendlich Zwangstherapie, Führerscheinentzug oder gar Freiheitsentzug. Sehr konsequent, liebe CSU.
  5. HKM33 am 01.06.2015
    2 kasten bier = nicht geringe menge = freiheitsstrafe nicht unter 2jahren bis zu 15 jahren möglich = ohne bewährung, das wäre doch mal was für die bayern, dann würden die sich endlich fühlen wie es die kiffer schon jahrzehnte aushalten müssen
  6. See Horsthofer am 01.06.2015
    der Alkoholtod ist teil der bayerischen Kultur, als Münchner kann man dann sogar im Himmel weitersaufen. da bleib ich doch lieber beim 100 mal gesünderen Cannabis. prost
  7. Puja am 01.06.2015
    Herr Seehofer und seine Bagage #AngelaMerkel, #MarleneMortler #usw.... sind die grösten Drogendaeler und Lobbyisten die es gibt!
    Meines Erachtens schwerstkriminell in jeder erdenklichen Form. Pfui Teufel.
  8. hardtoneselector am 01.06.2015
    Ein EHRLICHER Präventionsunterricht ist notwendig, bei dem über die wahren gefahren aufgeklärt wird und keine Lügen erzählt werden, welche die Jugendlichen in Sekunden mit dem Smartphone aufdecken können!
    Dazu gehört es ALLE Sucht- und Konsummittel EHRLICH und OFFEN zu bewerten, die Vorteile und Gefahren aufzuzeigen, kurzfristige und langfristige Wirkungen zu erläutern. Auf keinem Fall sollte man hier versuchen Jugendlichen Unsinn und Lügen zu erzählen bezüglich einzelner Substanzen, denn sonst ist der gesamte Präventionsunterricht unglaubwürdig und die Jugendlichen glauben den vermittelten Inhalt nicht mehr und glauben das ALLE Warnungen und Gefahren eine Lüge sind!
    Um das zu vermeiden ist es alternativlos und nicht zu vermeiden die wahren Gefahren von Hanf aufzuzeigen und nicht die die irgendein Lobbyist der Alkohol oder Pharmazie Lobby verfasst hat!
    Dann muss man auch den Jugendlichen erläutern, warum Ihre Eltern, Verwandten und Freunde Kriminelle sind wenn Hanf konsumiert wird aber die Eltern, Verwandte und Freunde die im Alkohol Gewalt verüben von der Landesregierung sogar subventioniert werden!!!
    Ich verstehe das Argument das Bayern als Marktführer in der Bierherstellung ein großes Interesse hat den Alkoholkonsum weiterhin zu erlauben und niemand will eine Prohibition von Alkohol und aus den zuvor genannten Gründen ist eine Prohibition von Hanf ebenso unsinning. Ausser man möchte als Landesregierung die Jugendlichen im Präventionsunterricht belügen was die dann als bald herausfinden werden und selbst Crsytal Meth für ungefährlich halten werden, wenn Hanf nicht legal wird!
  9. Dan am 01.06.2015
    Verkauf von Alkohol nur in dafür eingerichtete Fachläden. Verkauf an Personen unter 18 Jahren komplett verbieten. Zuwiderhandlung mit Strafe ahnden, nicht wie bisher als Ordnungswidrigkeit. Werbung komplett verbieten und die 0,0 Promille im Straßenverkehr einführen. Konsum in der Öffentlichkeit untersagen.
    Mit allen anderen Drogen gleich verfahren. Irgendwann werden diese Worte auch mal einer Bundesdrogenbeauftragten über die Lippen kommen... kann doch nicht schwer sein zu dieser Einsicht zu kommen!?

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