Politik

Wegen des zunehmenden Ärztemangels auf dem Land sollen in 20 Jahren Internet-Sprechstunden den Besuch in der Praxis ersetzen. (Foto: Getty)

20.06.2014

"Bayern darf nicht so weitermachen wie bisher"

Im Jahr 2032 werden im Freistaat laut statistischem Landesamt 2,8 Prozent mehr Menschen als bisher leben. Allerdings profitieren nicht alle Regionen gleichermaßen von dem Wachstum, wie der Soziologe Norbert F. Schneider erklärt. Er rät Staatsregierung und Kommunen daher dringend, ihre Planungspolitik zu ändern und sich nicht als Gewinner des demographischen Wandels zu begreifen.

BSZ: In Bayern steigt die Bevölkerung bis 2032 überraschend um 350 000 auf fast 13 Millionen Einwohner. Deutschland schrumpft – Bayern wächst?
Schneider: Selbst wenn man in 20 Jahren 350 000 Einwohner hinzubekommen sollte, ist das demographisch gesehen eher eine relativ stabile Bevölkerung. Bayern gehört zu den wenigen Bundesländern, bei denen man von einer konstanten Einwohnerzahl und nicht von einer Schrumpfung ausgeht.

BSZ: Im Jahr 2023 soll die bayerische Bevölkerung mit rund 12,94 Millionen Menschen ihr vorläufiges Maximum erreichen. Wie valide sind diese Daten?
Schneider: Die Bevölkerungsentwicklung per se ist etwas Pulsierendes. Fertilität, Sterblichkeit und Wanderung lassen sich nicht exakt vorhersagen. So hat vor zehn Jahren kaum jemand mit der jetzigen Zuwanderung gerechnet. Deswegen sind Vorausberechnungen über 15 bis 20 Jahre mit einer großen Unsicherheit belastet.

BSZ: Was sind die Gründe für das vorausgesagte Wachstum?
Schneider: Wenn die Zahlen stimmen, handelt es sich nicht um ein natürliches Bevölkerungswachstum, weil es weiterhin weniger Geburten als Sterbefälle geben wird. Sondern Bayern wird auch in den nächsten 15 bis 20 Jahren Wanderungsgewinne durch Binnenwanderung aus anderen Bundesländern und Zuwanderung aus dem Ausland verzeichnen.

BSZ: Während die Gruppe der unter 20-Jährigen bis zum Jahr 2032 um knapp fünf Prozent abnimmt, wird die der über 65-Jährigen um 39 Prozent anwachsen. Ein Grund zur Besorgnis?
Schneider: Das hohe Bevölkerungsalter gilt für nahezu alle Regionen Deutschlands. Das Kennzeichen der demographischen Entwicklung in Bayern ist die erhebliche regionale Spreizung. Außerdem gibt es eine sehr beträchtliche Dynamik von Schrumpfung und Alterung in Nordostbayern. Die Staatsregierung geht daher zu Recht davon aus, dass der demographische Wandel beträchtliche Herausforderungen darstellt.

BSZ: Durch die alternde Bevölkerung steigt das Durchschnittsalter der Bayern in den nächsten 20 Jahren von 43,3 auf 46,5 Jahre...
Schneider: Bayern altert aber weniger als Deutschland im Durchschnitt. Bayern hat heute sogar schon eine jüngere Bevölkerung als der Bundesdurchschnitt. Das wird auch voraussichtlich in den kommenden 20 Jahren so bleiben. Aber es gibt, wie gesagt, sehr erhebliche Spreizungen der regionalen Entwicklungen.

BSZ: Wie erklären Sie sich diese regionalen Unterschiede? Während die Bevölkerung in Nordostbayern zurückgeht, wird in Oberbayern in den nächsten 20 Jahren mit einer Zunahme von über zehn Prozent gerechnet.
Schneider: Große Teile Oberbayerns profitieren von den angesprochenen Wanderungsbewegungen. Die Region ist durch seine starke Wirtschaft sehr attraktiv. Im Nordosten Bayerns ziehen seit vielen Jahren mehr Menschen weg als zu. Dadurch geht die Geburtenrate noch weiter zurück, und den Regionen fehlen potenzielle Arbeitskräfte. Und mit einer Trendwende ist längerfristig nicht zu rechnen.

BSZ: Muss die Staatsregierung jetzt ihre Planungspolitik ändern?
Schneider: Ich würde dringend empfehlen, nicht so weiterzumachen wie bisher. Bayern muss sich zwar zusammen mit Baden-Württemberg in den nächsten 20 Jahren weniger Sorgen machen als alle anderen. Aber dafür ist der Freistaat von den regionalen Disparitäten ganz besonders betroffen.

BSZ: Was kann die Politik gegen den demographischen Wandel unternehmen?
Schneider: Wenn man vermeiden will, dass sich die Lebensqualität in den verschiedenen Landkreisen massiv auseinanderentwickelt, wird man sich mehr als bisher mit Fragen beschäftigen müssen, wie die Herstellung der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Bayern gesichert und wie die Daseinsvorsorge zur Erfüllung der Grundversorgung wie Infrastruktur, Wirtschaft oder Kultur im Schrumpfungsregionen aufrechterhalten werden kann. Das sind Punkte, mit denen sich Bayern genauso auseinandersetzen muss wie andere Bundesländer. Ich sehe den Freistaat daher nicht als Gewinner des demographischen Wandels.

BSZ: Dennoch sagten Sie kürzlich bei einem Fachgespräch im bayerischen Landtag, der Freistaat solle den demographischen Wandel als Chance statt als Bedrohung sehen.
Schneider: Ich denke, die demographische Entwicklung wird weiter dazu führen, dass Regionen zunehmend untereinander im Wettbewerb stehen. Man muss in diesem Wettbewerb besser werden, um die Einwohner zu halten oder für neu hinzukommende Einwohner attraktiv zu sein. Durch diesen Wettbewerb besteht aber die Chance, dass sich die Regionen neu aufstellen. Zum Beispiel, dass sie im Hinblick auf verschiedene Arten von Infrastruktur aktiv werden und das Angebot erweitern. Dies führt dann zur Verbesserung der Lebensqualität. Natürlich können nicht alle Kommunen das gleiche anbieten, sie sind gehalten, unter Beteiligung der Bürger vor Ort ein eigenständiges Profil zu entwickeln.

BSZ: Wie sieht so ein eigenständiges Profil aus?
Schneider: Dazu gehören attraktivere Angebote für jüngere Menschen ebenso wie für ältere. Gerade Bayern hat erhebliche Alterungsprozesse zu verzeichnen. Diese kommen dadurch zustande, weil sich betuchtere ältere Menschen in Südbayern ansiedeln. Ich glaube daher nicht, dass die Kommunen dort unter dem Alterungsprozess leiden, sondern davon profitieren.

BSZ: Um die Situation auf dem Land zu verbessern, schlugen Sie zum Beispiel vor, Busse durch Sammeltaxis zu ersetzen.
Schneider: Ja, in Schrumpfungsregionen kann das Prinzip der zentralen Orte helfen. Dort ist dafür zu sorgen, dass es Orte gibt, die die Daseinsvorsorge und Infrastruktur vollumpfänglich aufrechterhalten – auch in anderer Form als bisher. Manche Regionen haben daher Busse aus Kostengründen komplett abgeschafft. Menschen teilen sich jetzt ein Taxi und zahlen dafür den Nahverkehrstarif von 2,50 Euro. Das ist passgenau und wirtschaftlich günstiger. Davon profitieren alle. Es ist also ein Weg, den demographischen Wandel für Erneuerung zu nutzen.

BSZ: Eine weiterer Vorschlag war, die Konsultation von Ärzten über das Internet zu stärken. Glauben Sie, ältere Menschen sind für diese Idee überhaupt empfänglich?
Schneider: Davon bin ich überzeugt. Wir werden an dieser Entwicklung nicht vorbeikommen. Viele Orte haben aber noch langsame Netze. Hier gilt es anzusetzen. Zwar ist es klar, dass sich die heute 85-Jährigen damit schwertun würden, aber in 20 Jahren haben die Menschen ausreichend Erfahrungen damit. (Interview: David Lohmann)

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