Politik

Absolut top unter den Bundesländern: der Arbeitsmarkt in Bayern. (Foto: dapd)

14.09.2012

Bayern träumt jetzt von der Champions League

Bundesländer-Ranking: Wo der Freistaat spitze ist, wo er noch aufholen muss – und was von den Kriterien der Forscher zu halten ist

Nirgendwo ist die wirtschaftliche Lage in Deutschland so gut wie im Freistaat. Vor allem im Bereich des Arbeitsmarkts bescheinigt die aktuelle Studie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft Bayern die besten Werte aller 16 Bundesländer. Doch nicht überall kann der Freistaat punkten. Und Kritik an den Kriterien des Rankings kommt von der Landtags-SPD.

Die Goldmedaille geht an Bayern: Bei einem Bundesländervergleich hat der Freistaat den ersten Platz abgeräumt – mit deutlichem Vorsprung. Knapp 100 ökonomische und strukturelle Faktoren wurden vom Kölner Institut IW Consult im Auftrag der arbeitgeberfinanzierten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und der Zeitschrift Wirtschaftswoche im Dreijahreszeitraum (2008 bis 2011) untersucht. Diese reichen von der Arbeitslosenquote über das Bruttoinlandsprodukt und der Kaufkraft bis zu Einwohnerentwicklung und Quote der gemeldeten Straftaten. Das Ergebnis: Kein Land habe eine so gute wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Lebensqualität und soziale Ausgewogenheit wie Bayern, sagt INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr.


FDP-Minister Martin Zeil fühlt sich bestätigt


„Bayern ist das stärkste Bundesland.“ Mit dieser Äußerung fällt auch Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) in den Jubel-Chor ein. Nur allzu gerne nimmt er das Ergebnis der Studie zum Anlass, sich auf die eigene Schulter zu klopfen: „Das zeigt, dass wir uns mit unserem wirtschaftspolitischen Kurs ,Vollbeschäftigung durch Investitionen, Innovationen und Wachstum’ auf dem richtigen Weg befinden“, erklärt er.
 Bereits zum neunten Mal holte der Freistaat den Meister-Titel. INSM-Projektleiter Marc Feist betont: „Bayern ist beachtlich durch die Konjunkturkrise gekommen.“ Das Bruttoinlandsprodukt stieg  zwischen 2008 und 2011 um 3,4 Prozent. Das liegt weit über dem Bundesdurchschnitt von 1,3 Prozent und bedeutet Rang drei. Und nach Bremen hat Bayern die zweithöchste Exportquote. Mit einem Plus von 3,6 Prozent verzeichnen die Bayern das doppelte des bundesweiten Zuwachses. Auch bei der Kaufkraft von durchschnittlich 21 758 Euro pro Jahr und Einwohner (Bundesdurchschnitt: 20 014 Euro) belegt Bayern Platz zwei – hinter Hamburg.
Mit absoluten Spitzenwerten punktet der Freistaat aber vor allem am Arbeitsmarkt. Mit einer durchschnittlichen Jahresarbeitslosenquote von 3,8 Prozent und einer Arbeitsplatzversorgung von 80,7 Prozent lässt Bayern die anderen Bundesländer weit hinter sich. Einzig das zweitplatzierte Baden-Württemberg kommt mit einer Arbeitslosenquote von 4,0 Prozent an Bayern heran. Im Bundesdurchschnitt beträgt sie dagegen 7,1 Prozent.
Thomas Beyer, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, mag dennoch nicht jubeln. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, sagte er der Staatszeitung. Denn es gebe auch einige Bereiche, in denen der Freistaat seit Jahren schwächele, er seine Hausaufgaben aber einfach nicht mache. Bei der Kita-Betreuungsquote erreicht Bayern gerade einmal den 12. Platz. 20,6 Prozent der unter Dreijährigen werden dort in Kitas betreut. Bundesweit liegt die Quote bei 25 Prozent. „Da sehe ich keinerlei Fortschritt“, sagt Beyer. Der sei angesichts des Fachkräftemangels und hinsichtlich der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf allerdings dringend geboten.
Projektleiter Feist hingegen beurteilt die Standort-Bedingungen für Unternehmen und Fachkräfte in Bayern insgesamt als sehr gut. Ein Pluspunkt: Nirgends ist es so sicher wie im Freistaat. Im Jahr 2011 wurden dort 4969 Straftaten pro 100 000 Einwohner gemeldet. Im Bundesdurchschnitt waren es mit 7328 weit mehr. „Sicherheit ist ein wichtiges Standortargument für viele Unternehmen und auch begehrte Fachkräfte“, erklärt Feist.
Ausschlaggebend für die gute wirtschaftliche Lage Bayerns seien aber einige Faktoren, so Feist. „Bayern ist verhältnismäßig breit aufgestellt“, sagt Feist. Die Vielfalt pushe den Markt. Studienleiter Michael Bahrke von der IW Cosult ergänzt: Die Autoindustrie sei zwar einer der Treiber der Bayern-Offensive. „Aber eben nicht nur. Denn anders als Baden-Württemberg ist Bayern nicht allein auf Maschinen- und Fahrzeugbau angewiesen, sondern hat in Erlangen beispielsweise auch einen bedeutenden Medizintechnik-Standort.“
Dazu komme, dass in Bayern der Wissenschaftstransfer besonders gut gelinge. „Anders als zum Beispiel Nordrhein-Westfalen, das auch über bedeutende Technische Universitäten verfügt, schaffen es die Bayern in viel stärkerer Weise, Knowhow aus der Forschung in die Wirtschaft zu tragen.“ Feist lobt explizit die TU München, deren ehemalige Studenten in einer beachtlichen Anzahl erfolgreich kleinere Unternehmen gründen.
Etwas differenzierter betrachtet  das SPD-Mann Beyer: Gerade der Zugang der mittelständischen Industrie zu Forschung und Entwicklung müsse sich verbessern. „Bei der Zahl der Patentanmeldungen hinken wir – das zeigt die Studie auch – deutlich hinter Baden-Württemberg her.“


SPD-Mann Beyer: „Blick durch die rosarote Brille“


Auch die Bestwerte Bayerns am Arbeitsmarkt hinterfragt Beyer kritisch. Negative Entwicklungen würden sowohl die Studie als auch Zeil verschweigen. Die Zahl der Leiharbeiter habe sich in Bayern  seit dem Jahr 2009 um 40 000 erhöht. Doch die stetige Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse berücksichtige das Ranking nicht. „Ich möchte die wirtschaftliche Lage Bayern nicht schlecht- reden“, sagt Beyer. Aber dass man „manche Zustände mit der rosaroten Brille“ betrachte, sei unverantwortlich. Ein ausgewogenes Ranking sei das nicht.
„Die Studie ist keineswegs nur eine statistische Spielerei“, sagt dagegen Erwin Huber (CSU), Vorsitzender des Landtags-Wirtschaftsausschusses. Ganz klar zeige sie, dass die wirtschaftliche Entwicklung Bayerns sehr gut sei.
Allerdings benennt auch das Bundesländer-Ranking neben der schwachen Betreuungsquote in Kitas weitere Defizite. Die Arbeitskosten sind in Bayern mit 38 346 Euro pro Jahr und Arbeitnehmer überdurchschnittlich hoch (Rang 13). Und auch die Zahl der Staatsdiener liegt mit 30,9 pro 1000 Einwohner über dem Durchschnitt (29,4). Aber  die Bayern haben nach Sachsen auch den zweitniedrigsten Schuldenstand.
Das Bestands-Ranking mit dem Siegerland Bayern beleuchtet den wirtschaftlichen Ist-Zustand. Die INSM untersuchte aber auch die Dynamik. Hier erreicht der Freistaat lediglich den achten Platz. Die beste Entwicklung in den vergangenen drei Jahren legte Brandenburg hin. „Bayern lässt also nach“, sagt Beyer. „Umso höher man kommt, um so dünner wird die Luft“, kontert Erwin Huber. „Die letzten 1000 Meter sind immer die schwierigsten.“ Projektleiter Feist bestätigt: „Platz 8 ist ausgesprochen gut, die Ost-Länder kommen schließlich von einem viel niedrigeren Niveau.“ Sieger Brandenburg belegt im Bestands-Ranking den 13. Platz – vor den Schlusslichtern Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Berlin.


Erwin Huber (CSU): „Ziel ist es, Weltmeister zu werden“


Der Vorsprung Bayers sei so deutlich, dass sich daran auch in den nächsten Jahren nichts ändern dürfte, heißt es in der Studie. Zeil betont, dass dieser Erfolg auch Ansporn und Verpflichtung für die Zukunft sei: „Wir wollen unsere Spitzenposition weiterhin verteidigen.“ Doch Huber ist das nicht genug: Deutscher Meister zu sein, sei ja schön. „Aber statt die Hände in den Schoß zu legen, müssen wir jetzt auch Champions-League-Sieger und Weltmeister werden.“ Mit Blick auf die großen Wachstumsraten mancher Schwellenländer ergänzt er: „In anderen Teilen der Welt ist man uns hier aber noch weit voraus.“ (Angelika Kahl)

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