Politik

10 300 Energieberater waren Anfang Juli bei der DENA gemeldet. Foto: dpa

08.07.2011

Bei Anruf Abzocke

Weil sich jeder Energieberater nennen darf, fallen immer mehr Bayern bei der Haussanierung auf Betrüger herein

Wolfang Wulfes hat viel zu tun. Auf dem Schreibtisch und den Regalen seines Münchner Kellerbüros unweit der schicken Stadtvillen des Bavariarings stapelt sich neben Büchern mit kompliziert klingelnden Namen, auch eine Vielzahl von Kundenanfragen. Häufig klingelt in diesen Tagen sein Telefon. Denn Architekt Wulfes arbeitet nicht nur als vereidigter Sachverständiger der IHK München und Oberbayern, sondern auch als Energieberater.
Vor allem Letztere werden derzeit mancherorts rege nachgefragt. Drei Milliarden Euro macht die Bundesregierung allein 2012 durch Steuersubventionen und KFW-Kredite für die energetische Sanierung locker – Und nicht erst seit dem Gau von Fukushima fragen sich immer mehr Bundesbürger, was sie selbst zum Klimaschutz beitragen können. Schätzungen zufolge ließe sich der CO2-Ausstoß in Deutschland um bis zu einem Fünftel verringern, wenn alle Privatgebäude energetisch saniert würden.


Auch Baumarkt-Verkäufer arbeiten als Energieberater


Doch, wie renoviere ich mein Haus richtig? Die Antworten auf diese Fragen versprechen zahlreiche Energieberater. Manche wie Wulfes haben dafür bei der Architektenkammer 240 Stunden lang spezielle Schulungen absolviert.
Darüber hinaus hat sich der Münchner beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) mit einer Reihe von Tests Vor-Ort-Berater zertifizieren lassen. „Schließlich kann ein schlechter Energieberater seinen Kunden viel Geld kosten“, sagt Wulfes. Dann etwa, wenn als Folge einer falschen Beratung Feuchtigkeitsschäden an den Wänden entstehen. Zehntausende Euro könnten so in den Sand gesetzt werden, weiß der Landesvorsitzende des Verbandes der öffentlich bestellten und vereidigten sowie qualifizierten Sachverständigen.
In Einzelfällen kann sogar eine ganze Wohnung nach einer fehlgeschlagenen energetischen Sanierung über Wochen hinweg unbewohnbar bleiben. Fakt ist: Die Klagen über das angebliche Versagen von Energieberatern häufen sich.
Für Wulfes ist die Ursache klar: „Das Problem ist, dass der Beruf des Energieberaters nicht geschützt ist. Jeder kann sich so nennen“. Selbst einfache Verkäufer in Baumärkten oder Schornsteinfeger würden sich immer häufiger mit diesem Titel schmücken, klagt der Experte, der auch im Auftrag eines großen Münchner Umweltvereins bei energetischen Sanierungen hilft.
Ähnlich sieht man das auch an der Akademie für Glas-, Fenster- und Fassadentechnik in Karlsruhe. „Weil der Begriff Energieberater nicht geschützt ist und keinen beruflichen Standards beziehungsweise Regelungen unterliegt, bewegen sich mittlerweile sehr viele unqualifizierte Berater auf dem Markt, die nicht über die erforderlichen Fachkenntnisse verfügen“, kritisiert deren Leiter Klaus Layer. Nach Ansicht des Professors entstehe so „ein unübersichtlicher Wildwuchs, Qualitätsstandards können nicht mehr gewährleistet werden“.
Etwa 10 300 Menschen hatten sich Anfang Juli bei der Deutschen Energie-Agentur GmbH (DENA) als Energieberater registrieren lassen. Allein in München und in einem Umkreis von 100 Kilometer zur Landeshauptstadt waren es 731. Das ergab eine BSZ-Suchanfrage.
Allerdings ist nur ein Teil der Energieberater bei der DENA registriert. Und selbst wenn diese alle eine ausreichende Ausbildung hätten, was Wulfes bezweifelt, bleibt ein weiteres Problem: „Denn auch geschulte Energieexperten können nicht von jedem Bereich eine Ahnung haben“, erläutert Wulfes. Manche Experten seien vor allem auf dem Gebiet der Gebäudesanierung kompetent, andere hätten ihren Schwerpunkt auf den Bereichen Heiztechnik oder Elektronik. Wulfes fordert einen geregelten Berufszugang und eine Aufteilung der jeweiligen Bereiche in verschiedenen Ausbildungszweigen.


Experten fordern strengere Zugangsvoraussetzungen


Neben vielen Handwerken tummeln sich zudem auch zahlreiche Betrüger, die nicht einmal rudimentäres Wissen von Energieeffizienz haben, auf dem Markt: So berichtete die Zeitschrift test Ende 2010, dass in Bayern immer häufiger falsche Energieberater unangemeldet bei Hauseigentümern klingeln würden. Meist gibt der Scharlatan, der oft noch einen Kompagnon dabei hat, vor, er käme von einer Verbraucherzentrale oder einem Energieversorger: Gerne heißt es auch, ortsansässige Handwerker hätten sich zusammengetan, um beim Energiesparen zu helfen. Nichts davon trifft zu.
Die Pseudo-Experten wollen nur abkassieren: Einige finden im Handumdrehen schlimme Schäden an Dach oder Fenstern, die schnell repariert werden müssen. Und welch Wunder: Die selbsternannten Energieberater haben gerade eine günstige Firma an der Hand. „Wegen des katastrophalen lässt sich mancher Hausbesitzer überrumpeln und unterschreibt sofort“, berichtete das Magazin damals.
Beliebt bei Abzockern ist darüber hinaus eine andere Strategie: Die angeblichen Energieberater bieten nichts ahnenden Kunden einen Energiekostenvergleich an und lotsen ihre Opfer zu fremden Strom- oder Gasversorgern, die angeblich bessere Kondition
en bieten, in Wahrheit aber reichlich teuer sind. Oder sie verkaufen einen nutzlosen Energiepass fürs Haus.
Holger Seit, Sprecher der Bayerischen Baugewerbeverbände empfiehlt: „Wer sichergehen will, dass man einen seriösen Energieberater ins Haus lädt, sollte sich einen Architekten, Bauingenieur oder Bauunternehmer mit entsprechender Zusatzqualifikation suchen.“ Zum Teil sind die Kunden übrigens selbst schuld an der Misere: Zwischen 1500 und 2500 Euro kostet die Beratung eines Energieberaters bei einem Einfamilienhaus. „Das ist nicht wenigen zu teuer“, sagt Architekt Wulfes. (Tobias Lill)

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