Politik

24.12.2010

Bequeme Unfreiheit

Ein Kommentar von Roswin Finkenzeller

Mediziner sind keine Metaller. Deshalb haben es die bayerischen Hausärzte nicht über sich gebracht, in organisierter Solidarität und mit dem Herrschaftsanspruch des Kollektivs ihre Kassenzulassungen den Kassen vor die Füße zu werfen. Nur oder immerhin 39 Prozent dachten wie ihr Oberfunktionär Wolfgang Hoppen-
thaller, der gar zu gern ein gewaltiger Gewerkschaftsboss wäre, wenn auch im Westentaschenformat. In Nürnberg tat er so, als wolle er das bestehende Gesundheitssystem zertrümmern, während es ihm in Wirklichkeit um einen neuen systemimmanenten Vertrag mit den Kassen ging. Die waren ihm zuvorgekommen und hatten ihrerseits den Hausarztvertrag gekündigt.
Die dürfen das. Die steigen einfach aus, ohne dass sich die Gesundheitspolitiker darüber aufregen. Deren Zorn und deren Drohungen gelten, und das allein schon charakterisiert die Situation, immer nur Leuten wie dem aufsässigen Hoppenthaller. Dabei lag der Verbandsvorsitzende nicht völlig daneben, wenn er in seiner aufputschenden Nürnberger Rede die Ärzte als „Sklaven der Kassen“ bezeichnete.
Frei sind die Ärzte in ihrer jeweiligen Diagnose. In der Therapie sind sie es schon längst nicht mehr. Die Behandlung muss ja nicht in jedem Fall unzureichend sein, richtet sich aber nach Krankenkassenlage. In Bayern bekommt der Hausarzt pro Patient und Quartal 84 Euro. Ob er nun demnächst mehr oder weniger kriegt – mit Heilkunst und Heilkunde hat die Pauschalierung wenig zu tun. Sollte sie aus medizinischen Gründen ausnahmsweise ignoriert werden, kommen die Kontrolleure und führen sich wie Staatsanwälte auf.
Auch unter einem Bundesgesundheitsminister der FDP ist unser Gesundheitssystem kein freiheitliches. Gängelung und Bevormundung sind die Regel, mag auch da und dort die Absicht bestehen, menschenfreundlich zu gängeln und hilfsbereit zu bevormunden. Viele Patienten haben gar nichts dagegen, denn Unfreiheit verträgt sich glänzend mit Bequemlichkeit. Am liebsten reden Politiker und Kassensprecher in leicht heuchlerischem Fürsorgetonfall über die Patienten wie über Kinder. Alles nur erdenklich Gute ist ihnen zu wünschen, doch zu bestimmen haben sie nichts. Jetzt, zu Weihnachten, wenn die Notdienste florieren, können die Patienten ja mal testen, ob wir, wie Seehofer es ausdrücken würde, das beste medizinische System der Welt haben.

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