Politik

Prost! Fast alle halten sich ans Rauchverbot auf der Wiesn. Doch wer qualmt, bleibt heuer noch straffrei. (Foto: ddp)

24.09.2010

Bier, Schweiß, Zitronenduft

Das Wiesn-Rauchverbot funktioniert recht reibungslos – nur die Bedienungen sind besorgt: Ein Streifzug

Dienstag, 17.50 Uhr, Theresienwiese. Es ist ein herrlich milder Spätsommerabend, die Eingangstüren des Hippodrom-Festzeltes sind offen, ein frischer Wind weht durch das halbvolle, mit grünen, roten und gelben Girlanden geschmückte Zelt. Auf den beiden Balkonen ist die Luft schon dicker. Wegen des neuen Rauchverbots drängen sich hier Menschen wie Philip Thorer. Der Unternehmer ist mit Kollegen auf der Wiesn: „Wir haben extra einen Tisch in der Nähe des Eingangs gebucht, weil drei von unseren zwölf Leuten rauchen“, sagt Thorer, der Lederhosen und ein rot-weißes Karohemd trägt. Das Rauchverbot findet er in Ordnung, aber er hätte keine Lust gehabt, in ein Zelt ohne Balkon zu gehen und für eine Zigarette weit laufen zu müssen.
Die Regelung der Stadt München ist dieses Jahr noch erklärungsbedürftig. Grundsätzlich ist das Rauchen zum ersten Mal überhaupt in den Bierzelten verboten. Die Besucher könnten sich jedoch praktisch ungestraft eine Zigarette anzünden, da die Stadt 2010 noch keine Vergehen ahndet. Begründung: Die Wiesn-Wirte hatten diesen Sommer zu wenig Zeit, um für die Raucher Umbauten an ihren Zelten zu planen und genehmigen zu lassen. Der Volksentscheid für einen stärkeren Nichtraucherschutz fand schließlich erst am 4. Juli statt.


Toni Roiderer ist einer
der strengsten Wirte


Allerdings haben die Wirte nun selbst die Initiative ergriffen. Überall in den Zelten hängen große Plakate, außerdem tragen die meisten Bedienungen Buttons, auf denen in vier Sprachen darum gebeten wird, nicht zu rauchen. „Wir haben am ersten Tag ein paar Probleme gehabt, aber seitdem haben wir die Raucher gut im Griff“, sagt Wirtesprecher Toni Roiderer. „Ein paar Leute sind immer uneinsichtig, aber die lassen wir dann von den Ordnungskräften rausbringen.“
Doch nicht überall wird das Rauchverbot positiv aufgenommen: 18.20 Uhr, Fischer-Vroni-Zelt: Während die Band „Wir feiern die ganze Nacht“ und „Rivers of Babylon“ spielt und die ersten Menschen auf den Bänken tanzen, steht ein Kellner im Zwischengang. Er wirkt unzufrieden. „Für uns Kellner ist das Rauchverbot schlecht. Die Besucher dürfen bei uns die Maßkrüge nicht mit nach draußen nehmen. Das drückt den Umsatz. Außerdem sind viele Raucher, die ihre Maß bestellt haben, nicht an den Tischen. Wir können dann nicht abkassieren.“
Besucher wie Andrea Schlotzer, die sich mit elf Freunden in Reihe dreizehn direkt unterhalb der Musik warmschunkelt, finden das Rauchverbot hingegen gut: „Die Luft ist viel besser als letztes Jahr.“
19.15 Uhr: Zwei Bedienungen sitzen auf einer Holzbank und rauchen an der frischen Luft. Die abschüssige Wiese hinter ihnen dient einigen Besuchern dazu, ihren Rausch auszuschlafen. „Mit den Gästen im Zelt haben wir kaum Probleme, die bekommen Marken, mit denen sie nach der Raucherpause an den Seiteneingängen wieder rein können“, sagt eine der beiden Frauen, die im Hofbräuzelt arbeiten. „Aber der Geruch morgens ist ekelhaft, eine Mischung aus Bier, Schweiß und Erbrochenem.“ Mittlerweile werden die üblen Düfte mit Zitronenspray bekämpft.
20 Uhr, Hackerzelt: Partystimmung pur, das ganze Zelt tanzt. Währenddessen isst Toni Roiderer im Büro seines Zeltes ein Mettwurstbrötchen. Vor dem Wirtesprecher klebt ein Infoblatt für das Servicepersonal auf der Ablage: „Die Medien behaupten, wir achten nicht auf das Rauchverbot, viele Gäste rauchen und wir tun nichts dagegen. Bitte greift ein, helft uns, verwarnen und hinweisen, Ordner holen, bis zum Räumen des gesamten Tisches.“ Roiderer macht das nicht gerne, er ist ein Verfechter des bayerischen Prinzips „leben und leben lassen“: „Die Gemütlichkeit geht zum Teil verloren, wenn 500 bis 1000 Leute vor dem Zelt rauchen.“


Der Härtetest: Wenn
die Italiener kommen


Doch Roiderer ist nun einer der strengsten Wirte. Ist das Zelt voll, darf kein Raucher mehr nach draußen, um zu rauchen. Und während Raucher in manchen Zelten nur ermahnt werden, werden sie bei Roiderer im schlimmsten Fall aus dem Zelt geworfen – wenn die Securities sie denn entdecken.
22.15 Uhr: Die Stimmung ist am Siedepunkt. Ein Grund für Michael aus Memmingen, sich eine Zigarette anzuzünden. „Das Rauchverbot ist überflüssig“, sagt der 26-Jährige, der Glück hat, von den Ordnern nicht gesehen zu werden. Er erklärt bierselig: „Wenn ich Lust habe, rauche ich auch.“
Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle zieht trotz solcher Zwischenfälle eine positive Zwischenbilanz. Doch er warnt auch vor zu viel Optimismus: „Der Start war gut, doch der Härtetest kommt erst noch, wenn die Zelte zugemacht werden.“ An diesem Wochenende, wenn traditionell viele Italiener kommen, könnte es den ersten Engpass geben. Dass das Wetter schlechter werden soll, dürfte die Problematik verschärfen, denn dann werden die Raucher von den 30 000 Plätzen in den Biergärten in die Zelte umziehen. Man wird sehen, ob sie dort auf ihre Zigarette verzichten können.

(Sebastian Winter)

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