Politik

Offiziell heißt es zwar oft, es gäbe keine rechte Szene in den bayerischen Stadien. Doch Fußballfans beklagen, dass es immer mehr werden. (Foto: dpad)

25.11.2011

Braune Wölfe im weiß-blauen Schafspelz

In manchen bayerischen Fußballstadien sind Rechtsextreme längst Teil der Fankultur – auch beim TSV 1860 München

Manchmal hört man sie. „Uh, uh, uh“, rufen sie, wenn ein schwarzer Spieler vorbeiläuft. Auch „Drecks-Türke“ schallte es schon aus ihrem Block. Meist aber halten sie sich aus Angst vor einem Stadionverbot mit ihren braunen Gesängen zurück: rechtsextreme Fans des TSV 1860 München.
Sie stehen immer am gleichen Platz: Block 132, mitten in der Nordkurve, dem Herzen der Löwen, gleich rechts vom Tor. Eine riesiger Pulk junger Männer, die keinen Hehl aus ihrer rechtsradikalen Einstellung machen: Viele tragen Klamotten von Thor Steinar oder andere Nazi-Kultmarken. Die meisten haben Glatzen oder kurzgeschorene Haare. T-Shirts, auf denen mit der Aufschrift „Scheiß §86a“ gegen das Verbot verfassungswidriger Symbole gehetzt wird, gehören ebenfalls zu ihrem Repertoire. Auch Aufkleber mit dem Slogan „Nationale Sozialisten – Bundesweite Aktion“, prangten schon im Block.
„30 bis 50 Personen, die ganz klar dem rechten Spektrum zuzuordnen sind, stehen regelmäßig im Block 132“, sagt Thomas Emmes vom Fanprojekt München. Die Initiative wird unter anderem von der Landeshauptstadt finanziert. Auf der Internetseite Loewenfreunde ist sogar von bis zu 100 Nazis im Schand-Block die Rede. Braune Gestalten in der Nordkurve sind beim TSV kein neues Phänomen. Doch: „Sie werden immer mehr und sie organisieren sich immer besser“, schreibt ein Fan des Vereins im Netz. Und Herbert Schröger von den „Löwenfans gegen Rechts“ (LgR) sagt auf BSZ-Anfrage: „So schlimm wie jetzt war es noch nie.“ Die Braunen würden sich in der Allianz-Arena immer öfter „als Hausherren aufspielen“.

NPD-Kader in der Allianzarena


Noch geben in der Nordkurve der Sechziger die unpolitischen Ultra-Gruppierungen den Ton an. Der Nazi-Block ist nur eine kleine Minderheit, dafür aber eine besonders radikale. In der U-Bahn nach den Spielen oder bei Auswärtsfahrten lassen die braunen Wölfe im weiß-blauen Schafspelz ihre Masken fallen: Dann grölen sie völlig ungehemmt Lieder wie „Ajax ist ein Judenclub“ oder „Augsburger Zigeuner“. Im biergeschwängerten Wagon fordert der rechtsradikale Mob dann auch schon einmal eine „U-Bahn von St. Pauli bis nach Ausschwitz“.
Sogar NPD-Kader und braune Kameradschaften lassen sich gerne bei den Löwen blicken. Szenegrößen wie Sven G., Maximilian D., Stefan J. oder Martin S. sind ebenso Stammgäste in der Kurve wie Mitglieder der Neonaziband Feldherren oder der Skinhead-Schläger Kraken, berichtete der Stern Ende 2010. Nach BSZ-Recherchen verteilten Neonazis bei Spielen der zweiten Mannschaft auch Flugblätter, auf denen für den „Heldengedenkmarsch“ geworben wurde. Wer sich gegen die Umtriebe engagiert, wird von den braunen Herren schon einmal als „Judenbraut“ tituliert. Manchmal werde Nazigegnern auch mit Schlägen gedroht, sagt Löwenfan Schröger.
Er fühlt sich von der Löwen-Führung im Stich gelassen. „Es ist Sache des Vereins gegen die Umtriebe vorzugehen“, kritisiert Schröger. Löwen-Vizepräsident Franz Maget weist den Vorwurf zurück. Der Verein wolle keine Neonazis im Stadion. Das Problem sei aber, dass sich Rechtsradikale beim Kauf eines Tickets nicht als solche zu erkennen geben würden. Der TSV 1860 habe in seiner Satzung fest verankert, dass Rassismus zum Vereinsausschluss führe.
Die Sicherheitsbehörden gehen nach eigenen Angaben strikt gegen die braunen Aktivitäten beim Fußball vor. Da die rechten Schlachtenbummler im Stadion meist nicht straffällig werden, sind den Beamten jedoch oft die Hände gebunden. Laut Polizeipräsidien gab es in der vergangenen Bundesliga-Saison 2010/2011 in München 14 Strafanzeigen wegen rechtsextremer Straftaten im Zusammenhang mit Fußballspielen. Dabei sind aber auch Vergehen bei Begegnungen des FC Bayerns eingerechnet. Beim großen Rivalen der Löwen gibt es laut Thomas Emmes vom Fanprojekt München „keine aktive rechte Szene im Stadion“. Lediglich bei Auswärtsspielen der Bayern in der Champions League sei es schon mehrfach zu „rechten Pöbeleien“ gekommen.
Im Stadion des 1. FC Nürnberg gab es laut Polizei in der vergangenen Saison acht Anzeigen wegen rechtsradikaler Delikte. Der Nürnberger Fanbeauftragte Heino Hassler sprach von „Einzelfällen“. Es gebe keine „rechte feste Szene“ im Stadion. Man müsse jedoch „wachsam sein“. Auch die Fanbeauftragten des FC Augsburg und von Greuther Fürth sagten, in ihren Stadien gebe es keine Probleme mit Neonazis. Bayernweite Statistiken zur rechten Gewalt in bayerischen Stadien fehlen. Löwen-Funktionär Maget, der auch für die SPD im Landtag sitzt, geht davon aus, „dass es in anderen Stadien im Freistaat genau so viele Nazis gibt wie bei 1860“. Vor allem kleinere Klubs hätten damit „ein Problem“.
Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) geht deutschlandweit „von einer teilweisen personellen Überschneidung der jeweiligen Fußballszenen mit den rechten Szenen aus.“ Ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums erläutert: „Auch in bayerischen Fanszenen ist ein gewisser, wenn auch nur geringer Anteil dem rechten Spektrum zuzuordnen.“ Bayerns Gewerkschaft der Polizei berichtet von einem „erhöhten Gefährdungspotenzial“ durch rechtsradikale Schlachtenbummler.
Wohin die braunen Umtriebe führen, lässt sich in den neuen Bundesländern beobachten: Dort gibt es in manchen Stadien sogar schon „ausländerfreie Kurven“. Davon sind Bayerns Arenen weit entfernt. „Doch wir müssen wachsam sein“, findet auch Löwenfan Schröger. (Tobias Lill)

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