Politik

Der CSU-Parteitag hat einige Unzufriedene hinterlassen. (Foto: dpa)

24.11.2015

Der große Frust danach

Der CSU-Parteitag hinterlässt viele Unzufriedene - vom Bundeskanzleramt bis in die CSU-Kreisverbände hinein. Seehofer wird Fingerspitzengefühl benötigen, damit die Saat der Zwietracht nicht aufgeht

Für den Erfolg eines großen CSU-Parteitags gibt es ein klares Kriterium: Fahren die Delegierten mit dem glücklichen Gefühl heim, die CSU sei die großartigste aller möglichen Parteien, war das Treffen gelungen. Zum Leidwesen von CSU-Chef Horst Seehofer und vielen seiner Parteifreunde blieb der Parteitag des vergangenen Wochenendes weit hinter diesem Ideal zurück. Es gibt so viele Unzufriedene, dass Seehofer Kraft und Geschick brauchen wird, um die Partei beisammen zu halten. 

Die prominenteste Geschädigte des CSU-Parteitags residiert im Bundeskanzleramt. Seehofer ließ Angela Merkel auf der Bühne aussehen wie ein Schulmädchen, das seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Schon auf dem Parteitag legten sich die Stirnen sorgenvoll in Falten, wie die Rache der Kanzlerin wohl aussehen könnte. Ein oft gehörter Satz: "Die Retourkutsche kommt garantiert." Die Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär belebt die Debatte am Montag mit einem Scherz im Kurznachrichtendienst Twitter: "Feind - Todfeind - Parteifreund".

Doch auch ganz abgesehen von der Kanzlerin ist die Stimmung in der CSU nun schwierig, insbesondere in Oberbayern. Der größte und mächtigste Bezirksverband schnitt bei den Vorstandwahlen weniger gut ab als erhofft. Schon am Samstag wurde eine Verschwörungstheorie laut: Die Oberpfälzer sollten schuld sein. 

Verschwörungstheorie: Die Oberpfälzer sind schuld

Derlei Vorwürfe zielen in letzter Konsequenz immer auf Finanzminister Markus Söder, obwohl der kein Oberpfälzer ist. Doch Bezirksvorsitzender der Oberpfälzer ist Söders Finanzstaatssekretär Albert Füracker. Anlass der Verschwörungstheorie war zunächst die Tatsache, dass sowohl Parteichef Seehofer als auch ein Teil seines Kompetenzteams mit jeweils um die 100 Gegenstimmen zu kämpfen hatten.

Hinzu kommt, dass es traditionell bei der Wahl der Beisitzer im CSU-Vorstand informelle Vereinbarungen gibt, wer wen unterstützt. Die Franken unterstützen einander, und auch weiter südlich gibt es Bündnisse - dieses Mal zwischen Oberbayern, Niederbayern und Schwaben. Letztere Absprache funktionierte nicht. "Am Ende des Tages stehen wir ein bisschen wie begossene Pudel da", sagt ein oberbayerisches Vorstandsmitglied. Der Ärger trifft vor allem die Bezirksvorsitzende Ilse Aigner, der mangelnder Einsatz für die oberbayerischen Interessen vorgeworfen wird.

Und zusätzlich frustriert sind einige Oberbayern, weil Aigner nicht mit so unbedingter Härte gegen Söder um Seehofers Erbe und den Ministerpräsidentensessel kämpft wie es manche gerne hätten. Aigner habe ihre Ambitionen nicht aufgegeben, sagt ein oberbayerischer Landtagsabgeordneter. Aber Söder kämpfe "strategischer und pointierter".

Der innerparteiliche Friede in der CSU hängt auch von Söder ab

Größeres Problem für die Zukunft ist nach Einschätzung mehrerer CSU-Politiker die Frage, ob und wie es Seehofer und Söder gelingt, sich zu arrangieren. Dass Seehofer Söder verhindern will, gilt mittlerweile als ebenso gesichert wie Söders Ehrgeiz, Seehofer noch vor dessen offiziellem Pensionierungsdatum im Herbst 2018 abzulösen. Der innerparteiliche Friede in der CSU hängt auch von Söder ab, den Seehofer nur begrenzt unter Kontrolle hat.

Inzwischen richten sich viele Augen auf den Europapolitiker Manfred Weber, einen der wenigen Gewinner des Parteitags. Der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament gilt vielen in der CSUals eine Art personifizierter Antithese zum Showman Söder. 

Der Niederbayer erzielte mit 90 Prozent das beste Ergebnis bei den CSU-Vorstandswahlen. "Menschlich freut man sich sehr über so ein Ergebnis", sagt Weber. 

Die Folge: Seither bestürmen Journalisten den Chef des niederbayerischen CSU-Bezirksverbands mit Fragen zu seiner Eignung als Parteivorsitzender. Das wiederum nötigt den Europapolitiker zu verlegenen Nichtantworten.

So beschränkt Weber sich darauf, seine 90 Prozent als Bestätigung seiner Arbeit zu werten - sowohl im Stil als auch im Inhalt. Weber betont häufig den Teamgeist im Bezirksverband Niederbayern, und er hat in der Vergangenheit sogar einem zornigen Parteichef Seehofer Stand gehalten, als dieser ihm mangelnden Einsatz für bayerische Interessen in Brüssel vorwarf. (Carsten Hoefer und Paul Winterer, dpa)

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