Politik

Der Gummi muss passen. (Foto: Getty)

15.07.2011

Das Kondom-Diplom für Schüler

Ein bayernweit einmaliges Präventionsprojekt setzt beim Thema HIV auf Schockeffekte - und Humor

Es gibt also, doziert der bebrillte Wissenschaftler im Großen Hörsaal der Münchner Dermatologischen Uniklinik, „kleine, mittlere und große Gurken“. Das muss man wissen, bevor man sie in die passende Hülle steckt! Zur Illustration wirft ein Beamer Bilder der verschieden voluminösen Gemüse an die Wand. Fatih, 17 Jahre alt, guckt verlegen, nestelt an seinem iPhone herum und greift in die Packung mit den Schokokeksen, die er schon seit einer Stunde in sich hineinfuttert.
Es ist kein botanischer Fachvortrag, den Stefan Zippel an diesem Tag vor vier bayerischen Realschul-Abschlussklassen hält: Die 240 jungen Leute aus München und Manching bekommen einen Crashkurs zum Thema HIV-Infektion, und Zippel ist gerade dabei, das leidige Thema Kondomgebrauch zu veranschaulichen. Die Botschaft: Ein Gummi muss passen und darf nicht etwa runterrutschen. Deshalb, sagt Zippel, „gibt es Kondome für jeden in der passenden Größe“.
Seit nunmehr acht Jahren lädt der 53-jährige Psychologe Schulklassen aus ganz Bayern an die Uni ein, um dort höchst anschaulich über das Risiko und die Folgen von HIV-Infektionen zu informieren. 20 000 Schüler im Alter von 16 bis 20 Jahren hat er so im Jahr 2010 erreicht. Nicht, dass das an den Schulen kein Thema wäre. Der Punkt, sagt Ministerialrat Wolfgang Ellegast vom bayerischen Kultusministerium, „ist aber nicht das Nicht-Wissen, sondern das Nicht-mehr-ernst-Nehmen.“
Denn natürlich wissen junge Leute, dass Kondome vor HIV-Infektionen schützen. Theoretisch. Doch sieht die Praxis oft anders aus: Wenn man betrunken ist. Oder verliebt. Oder einen festen Partner hat. Vor allem in festen Beziehungen, hat Stefan Zippel erfahren, infizieren sich Menschen häufig mit dem HI-Virus, „weil sie an die Treue des anderen glauben“.
So wie Fabian W. (Name geändert). Der 37-jährige Münchner hat sich vor zehn Jahren mit HIV angesteckt, er lebte damals seit eineinhalb Jahren in einer festen Partnerschaft – mit einem Mann, der hinter seinem Rücken auch Sex mit anderen hatte.
Dank mittlerweile hoch wirksamer Medikamente kann Fabian W. ein weitgehend normales Leben führen: Das HI-Virus in seinem Körper kann mit den beiden Tabletten, die er täglich einnehmen muss, unterhalb der Nachweisgrenze gehalten werden.
Glücklicherweise gehört er zu den 95 Prozent der HIV-Positiven, die keine Nebenwirkungen verspüren. Und: Er ist unter den rund 50 Prozent Betroffenen, die (noch) keine depressive Phase hatten. „Bis jetzt“, sagt er, „ist es noch nicht vorgekommen, dass ich in ein Loch gefallen bin“. Fabian W. arbeitet als Flugbegleiter, er geht dreimal die Woche joggen und ist Stammgast im Fitnessstudio – ein attraktiver Mann, der fit und gesund aussieht.
HIV-Infizierte, die dank der Pharmaindustrie alles im Griff haben, denen es gut geht – hauptsächlich wegen solcher Erfolgsmeldungen herrscht mittlerweile eine gewisse Sorglosigkeit, ist das Schreckgespenst AIDS weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.
Fakt aber ist: Jährlich stecken sich in Deutschland 3000 Menschen neu mit dem HI-Virus an – die Zahl stagniert seit einigen Jahren. In Bayern gab es im Jahr 2010 etwa 350 neue Fälle. Insgesamt leben in Bayern derzeit 9400 Personen mit HIV beziehungsweise sind an AIDS erkrankt. Von einer AIDS-Erkrankung spricht man erst dann, wenn die Immunschwäche ausgebrochen ist – was man mit der richtigen Medikation verhindern kann. Rund ein Viertel der Infizierten in Bayern sind Frauen. Und nach wie vor sind drei Viertel der HIV-infizierten Männer homosexuell.


Krasse Bilder


Zahlen wie diese erfahren Bayerns Schüler vermutlich auch im Unterricht. Laut Wolfgang Ellegast vom Kultusministerium ist das Thema HIV-Prävention „im Lehrplan aller Schularten verankert“.
Doch so plastisch wie in Zippels Veranstaltung läuft es an den Schulen nicht mal annähernd ab. „Dass da so krasse Bilder gezeigt werden“, formuliert ein Schüler nach dem Zippel-Vortrag, „das bleibt einfach hängen, es ist ein Riesenunterschied, wenn sich ein Lehrer hinstellt und einer siebten Klasse erzählt, nehmt bitte Kondome, da könnte was passieren“.
Genau dies, räumt der Ministeriale Ellegast ein, macht das von Zippel konzipierte und vom bayerischen Gesundheitsministerium finanzierte Prophylaxekonzept „bayernweit einzigartig“: Es setzt mit seinen drastischen Bildern und einer deutlichen Sprache auf den Schock-Effekt – der sich einprägt. So geht ein Raunen durch den Hörsaal, als der Beamer eine Grafik an die Wand wirft, die aufzeigt, mit wie vielen Personen man theoretisch Sex hat, wenn man mit einem Partner intim wird: Für jeden Sexualkontakt, den einer der beiden Partner je hatte, erscheinen bunte Punkte an der Wand, die jeweils miteinander verknüpft sind. Was sich schnell zu dreistelligen Zahlen multipliziert. Romantische Vorstellungen von Zweisamkeit relativieren sich da ganz schnell.
Immer wieder kommt es vor, dass Männer und Frauen erst nach mehreren gemeinsamen – und monogamen – Jahren die Diagnose HIV-positiv bekommen. Ohne den einschlägigen Test kann die Infektion nämlich lange Zeit unentdeckt bleiben. Eine Routine-Blutuntersuchung gibt erst in fortgeschrittenem Infektionsstadium Aufschluss über das HI-Virus. Dass die Betroffenen dann nicht mehr so vital aussehen wie Fabian W. – auch dafür hat Zippel eindrückliche Bilder parat.

Nicht mal die Mutter weiß von seiner HIV-Infektion


Und er wirbt bei den Jugendlichen um Verständnis. Noch immer nämlich passiert es, dass das Geständnis, HIV-positiv zu sein, beim Gegenüber in ein „selbst schuld“ mündet. Und die – unbegründete – Angst hervorruft, sich anzustecken, etwa wenn man sich umarmt oder aus dem selben Glas trinkt. Nur die wenigsten Betroffenen outen sich deshalb im Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz tut es fast keiner. Das Gefühl, sich für seinen Zustand schämen zu müssen, setzt den Betroffenen extrem zu.
Auch Fabian W. leidet darunter. Aus Angst vor Zurückweisung hat er nicht mal seinen Eltern von seiner Infektion erzählt. „Meine Mutter“, sagt er, „die tät am Radl drehen“. Auch die Airline, für die er arbeitet, weiß nichts davon. Rein rechtlich ist es so, dass Arbeitgeber, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht nach HIV fragen und Betroffene nicht diskriminieren dürfen. Doch die Praxis, sagt Stefan Zippel, „sieht anders aus“. Er würde deshalb keinem Betroffenen raten, sich im Job zu outen.
Bevor Zippels Zuhörer an diesem Tag nach dreistündigem Vortrag die Uni verlassen, bekommen sie, neben Schockbildern und vielen Aha-Erlebnissen, noch ein kleines Diplom. Sofern sie den entsprechenden Test bestehen: Wer es schafft, einer Holzattrappe ein Präservativ perfekt überzuziehen, erhält den „Kondomführerschein“. Und ein Gratis-Kondom.
Bereits zuvor wurden die jungen Leute darüber aufgeklärt, wo man die Gummis bitte niemals aufbewahren soll: im Geldbeutel. Da gehen sie nämlich kaputt. Das kollektive Aufstöhnen im Saal macht deutlich: Auch diese Info war bitter nötig.
(Waltraud Taschner)

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