Politik

Welchen Weg wird das Unternehmen gehen? Fast alles ist derzeit ungewiss. (Foto: DAPD)

09.12.2011

Das Kreuz mit der Erotik

Der katholische Weltbild-Verlag steht zum Verkauf – das Problem: Die Kirche kann nicht einfach an jeden veräußern

Die Kirche will den Weltbild-Verlag verkaufen, zu viele unchristliche Bücher sind im Angebot. Das hat der Verlag schon vor drei Jahren versucht. Damals standen andere christliche Werte dem Verkauf im Weg. Auch dieses Mal?
Die Kirche will den Weltbild-Verlag loswerden, sofort. Denn das Unternehmen, das zu 100 Prozent der katholischen Kirche gehört, landete kürzlich mit ganz unchristlichen Themen in den Schlagzeilen: „Kirche verdient mit Pornos Millionen“, hieß es etwa vor zwei Wochen in einer Boulevardzeitung. Der Hintergrund: Im Onlineangebot von Weltbild findet man erotische Literatur.
Das Problem ist nicht neu, vor drei Jahren wollte die Kirche den Verlag aus dem gleichen Grund schon einmal verkaufen. Doch niemand wollte oder konnte so kurz nach der Lehman-Bank-Pleite den gewünschten Preis zahlen und die Bedingungen des Unternehmens – keine Zerschlagung – erfüllen. Auch dieses Mal könnte der Verkauf schwierig werden, aus den gleichen Gründen. Der Betriebsrat mahnt wie 2008 andere christliche Werte an, die dem Verkauf im Weg stehen könnten: die Nächstenliebe. Die Zukunft der mehr als 6000 Mitarbeiter sollte gesichert werden.

Finanzinvestoren sollen nicht kaufen dürfen

Diese Woche hat der Betriebsrat deshalb einen Tarifvertrag ausgearbeitet, der vom neuen Eigentümer übernommen werden soll. Dort heißt es: Augsburg bleibt Verlagsstandort, das Unternehmen wird nicht zerschlagen, die Angestellten behalten ihre Verträge. „Die Geschäftsführung hat zugesichert, dass wir uns noch vor Weihnachten zusammensetzen“, erklärt ein Sprecher des Weltbild-Betriebsrats in Augsburg.
Das Unternehmen gibt sich optimistisch, dass der Verkauf dieses Mal funktioniert: „Wir sehen hervorragende Einstiegsmöglichkeiten für internationale Investoren“, sagt eine Verlagssprecherin. Weltbild, mit rund 6000 Mitarbeitern und zuletzt 1,65 Milliarden Euro Konzernumsatz, ist der zweitgrößte deutsche Onlinebuchhändler hinter Amazon. Er ist unter anderem an Internet-Firmen und den Filialen der Buchkette Hugendubel beteiligt. „Das Unternehmen wird seinen Preis erzielen“, glaubt auch Axel Bartholomäus. Sein Beratungsunternehmen Bartholomäus & Cie. aus Frankfurt ist spezialisiert auf Verkäufe und Übernahmen in der Medienbranche. Marktführer würden in der Regel sehr hoch bewertet, erklärt er. Nur große Käufer kämen deshalb in Frage, etwa Finanzinvestoren.
Die Gesellschafter wollen diese aber offenbar ausschließen. Schließlich vertreten Finanzivestoren oft keine christlichen Unternehmerwerte. Eine Zerschlagung wolle Weltbild zum Beispiel in jedem Fall verhindern, erklärt die Unternehmenssprecherin. Das widerspreche dem bisherigen Geschäftsmodell. Außerdem sei die Belegschaft ohnehin dagegen. Die Finanzkrise könnte außerdem auch jetzt wieder dazwischenfunken – wenn die Banken von potenziellen Käufern sehr hohe Kreditzinsen verlangen.
Vor drei Jahren blies man schließlich den Verkauf ab, die kirchlichen Gesellschafter beauftragten damals den Aufsichtsrat, das Weltbild-Angebot im Internet regelmäßig zu überprüfen – und Erotik auszusortieren. Doch das klappte nicht. Ende Oktober war im Fachmagazin Buchreport zu lesen, dass auf der Internetseite www.weltbild.de unter dem Suchbegriff Erotik immer noch mehr als 2500 Produkte bestellt werden können. Darunter Bücher wie Zur Hure erzogen, Anwaltshure oder Schlampeninternat.
Weltbild-Geschäftsführer Carel Halff erklärte zwar sofort, sein Haus biete die erotische Literatur nicht aktiv an. Vielmehr seien die Titel über das Großhandelsangebot des Buchhandels bestellbar. 200 Mitarbeiter seien damit beschäftigt, das Angebot auf der Verlagsseite zu kontrollieren. Doch der Großhandel bietet rund 775 000 Titel an, die sich ständig verändern. Diese Menge sei einfach schwierig zu kontrollieren.

Noch immer sind 1000 Erotikbücher im Angebot

Doch diese Argumente konnten die katholischen Gesellschafter nicht mehr besänftigen. Dieses Mal soll der Verkauf wirklich durchgezogen werden. Das hat die Kirche eindeutig kommuniziert: „Es ist an der Zeit, Prostitution und auch die Verbreitung von Material erotischen oder pornografischen Inhalts, gerade auch über das Internet, energisch einzuschränken“, ließ Papst Benedikt den deutschen Bischöfen ausrichten. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner sagte: „Es geht nicht, dass wir in der Woche damit Geld verdienen, wogegen wir sonntags predigen.“ Der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Donaubauer musste als Folge des Skandals zurücktreten. Der Vorwurf: Er habe das Angebot nicht ausreichend kontrolliert. Sein Nachfolger, der Generalvikar des Erzbistums München und Freising, Peter Beer, trat mit dem Auftrag an, so schnell wie möglich einen neuen Besitzer für den Verlag zu suchen.
Bis zum Verkauf will die Kirche die Kontrolle über das Sortiment nicht noch mal verlieren. Der Geschäftsführung wurden deshalb noch strengere Regeln auferlegt: Alle drei Monate soll sie neben dem Aufsichtsratschef einen mündlichen und schriftlichen Bericht zu Fortschritten beim Verkauf des Unternehmens abliefern. Außerdem soll sie alle zwei Wochen über „die eingeleiteten und durchgeführten Maßnahmen zur Einhaltung der Unternehmensziele im Sinne der Satzung berichten“.
Doch die propagierten christlichen Werte sind im Online-Angebot von Weltbild einfach nicht durchzusetzen: Inzwischen ergibt das Suchwort „Erotik“ auf der Webseite zwar keine Treffer mehr. Setzt man jedoch einen Punkt hinter das Wort, erscheinen wieder mehr als tausend Titel. „Ein Programmierungsfehler“, heißt es aus dem Verlag.  (Veronica Frenzel)

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