Politik

Bisher können angehende Lehrer in Bayern Ethik auch nur als Erweiterungsfach studieren, ein ordentliches Studium wie in anderen Fächern existiert nicht. (Foto: dpa)

07.07.2017

Das Kreuz mit der Ethik

Immer mehr Schüler entscheiden sich gegen das Fach Religion – die Lehrerausbildung in Ethik aber ist mangelhaft

Jessas, Maria und Joseph: 1972 hat doch glatt Bayern als erstes Bundesland Ethik als Unterrichtsfach zugelassen. Allerdings nicht, um damit Weltoffenheit zu demonstrieren, sondern um die zunehmende Zahl von Abmeldungen vom Religionsunterricht zu reduzieren. Bis dahin hatten Schüler noch eine Freistunde, blieben sie dem Religionsunterricht fern.

Auch ohne Freistunde verweigern immer mehr Schüler im Freistaat den Religionsunterricht. Im Schuljahr 2016/2017 zog laut Kultusministerium jeder fünfte Schüler Ethik dem Religionsunterricht vor – insgesamt waren es 255 000 Schüler. Vor 15 Jahren waren es noch 143 000. Dabei sind die Schülerzahlen im selben Zeitraum zurückgegangen.

Dennoch wird das Fach im katholischen Bayern eher stiefmütterlich behandelt. In Berlin ist Ethik seit über zehn Jahren Pflichtfach – Religionsunterricht wird nur als freiwilliges Wahlfach angeboten. In Brandenburg ist Religion das Ersatzfach für Ethik. Im Freistaat hingegen wird an 13 Prozent der Schulen noch nicht einmal Ethik angeboten. In den „Grundlagen des Religionsunterrichts und der religiösen Erziehung“ für Schulleiter heißt es sogar: „Bei Elterninformationen ist der Eindruck zu vermeiden, dass Religionslehre und Ethik zur Wahl gestellt sind.“

Bisher können angehende Lehrer in Bayern Ethik auch nur als Erweiterungsfach studieren, ein ordentliches Studium wie in anderen Fächern existiert nicht. Rund 2600 Lehramtstudierende haben in den letzten zehn Jahren Ethik als Drittfach gewählt – viel zu wenig für die 3900 Schulen in Bayern. Um den Bedarf dennoch zu decken, hält zum Beispiel ein Physik-Lehrer die Ethik-Stunde. 90 Prozent der Lehrer unterrichten laut Fachverband Ethik im Freistaat fachfremd.

Das Kultusministerium verweist auf die Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen, an der sich alle Lehrkräfte zum Ethiklehrer ausbilden lassen können – Voraussetzung für den späteren Unterricht ist die Teilnahme allerdings nicht. Dabei soll das Fach nicht weniger als ein moralischer Kompass für junge Menschen sein, in dem über Gentechnik, Sterbehilfe oder Krieg und Frieden diskutiert werden soll.

Voraussichtlich ab 2019: Ethik auf Lehramt studieren

Immerhin hat Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) jetzt angekündigt, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen, um in die Lehramtsprüfung für alle Schularten Ethik beziehungsweise Philosophie/Ethik mit aufzunehmen. Dazu muss aber auch an Universitäten eine Fachdidaktik in diesem Bereich aufgebaut werden. Ergänzend dazu will das Ministerium „ein Augenmerk“ darauf richten, dass alle Lehrer im Dienst die Erweiterungsprüfung ablegen.

Wann mit dem Aufbau begonnen wird, konnte eine Ministeriumssprecherin nicht sagen. Nach Informationen der BSZ plant die damit beauftragte Fachkommission, an drei bis vier bayerischen Universitäten grundständige Studiengänge einzuführen. Das Gesetzgebungsverfahren soll bis Herbst 2018 abgeschlossen sein. Das heißt, im Idealfall können angehende Lehrer ab 2019 Ethik studieren. „Dabei müssen die Universitäten mit dem nötigen Personal ausgestattet werden“, mahnt Werner Fuß, Vorsitzender des bayerischen Fachverbands Ethik.

Die beiden großen Kirchen in Bayern begrüßen diesen Schritt. „Es ist aus unserer Sicht widersinnig, dass zur Unterrichtung des Faches Ethik eine Zusatzqualifikation ausreicht, während unsere Religionslehrer ja völlig zu Recht ein Staatsexamen absolvieren“, unterstreicht ein Sprecher der Erzdiözese München und Freising.

Ethik für alle lehnen die Kirchen hingegen ab. „Die Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu des menschlichen Lebens betreffen die eigene Person im Innersten und können in einem Pflichtfach Ethik nicht objektiv behandelt werden“, ergänzt ein Sprecher der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Im Sportunterricht könne ein Lehrer unabhängig von seiner Vorliebe für einen bestimmten Verein unterrichten – im Religionsunterricht ginge das nicht.

Doch die Stimmen der Anhänger eines Ethikunterrichts für alle werden lauter. „Eigentlich ist das Gegeneinanderstellen – entweder Religionsunterricht oder Ehtikunterricht – sachlich nicht begründbar“, meinte kürzlich der Philosoph und ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin im Deutschlandfunk. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert ebenfalls, einen bekenntnisunabhängigen Werte-Unterricht einzurichten. Begründet wird das mit einer gemeinsamen Werteorientierung zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Ähnlich argumentiert die FDP in Bayern.

Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) geht noch einen Schritt weiter. Der staatlich finanzierte Religionsunterricht sei ein Privileg der Glaubensgemeinschaften, das in den staatlichen Bereich hineinwirkt, sagt IBKA-Sprecher Rainer Ponitka. „Dieses Privileg gehört abgeschafft.“ Seiner Meinung nach müssten die Glaubensgemeinschaften die Finanzierung des Religionsunterrichts selbst tragen.

Der Bund für Geistesfreiheit Bayern betont, dass die Akzeptanz eines allgemeinen Werteunterrichts in der Bevölkerung höher sei als des Fachs Religion. Das sei nicht verwunderlich, schließlich seien 2015 nur noch gut 44 von 100 Neugeborenen getauft worden. Ein Rückgang von 7,3 Prozent im Vergleich zu 2011. „Langfristig muss Ethik Pflichtfach und Religion ein für die Schüler freiwilliges Fach werden“, fordert der Vizevorsitzende Gerhard Rampp.

Kultusminister Spaenle lehnt das ab. „Beide Fächer unterstützen auf jeweils eigene Art den Erwerb von Kompetenzen“, sagt er der BSZ. Der Vorsitzende des Bildungsausschusses im Landtag, Martin Güll (SPD), hält in Bayern aufgrund der Vereinbarungen mit den Religionsgemeinschaften die Einführung des Fachs Ethik anstelle von Religion für „auf absehbare Zeit nicht realisierbar“. Der FW-Abgeordnete Michael Piazolo hält das auch gar nicht für sinnvoll. „Die gewünschte persönliche Entscheidungsfreiheit von Schülern spricht klar gegen ein solches Pflichtfach.“ Abschaffen wollen auch die Grünen den Religionsunterricht nicht. Ethik solle aber nicht länger Ersatzfach, sondern Religion gleichgestellt sein, meint Thomas Gehring. Außerdem sollen alle Schüler bei einem „interreligiösen Lernen“ regelmäßig gemeinsam unterrichtet werden. (David Lohmann)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (1)

  1. Keke am 07.07.2017
    Kirche heute =
    - Gesellschaftsferne Pluralismusfeindlichkeit
    „Die Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu des menschlichen Lebens betreffen die eigene Person im Innersten und können in einem Pflichtfach Ethik nicht objektiv behandelt werden.“ Die Gesellschaft ist heute säkular und religiös-weltanschaulich plural. Deshalb ist der Standpunkt der Kirche ein trauriger Beweis ihrer gesellschaftsfernen Pluralismusfeindlichkeit.
    - religionsgemeinschaftlicher Kollektivegoismus
    Da die Gesellschaft heute - wie gesagt - nicht mehr religiöse homogen ist, stellt staatlich finanzierter Religionsunterricht eine Diskriminierung Andersdenkender dar und bezeugt gierigen, kirchlichen Kollektivegoismus.
    - Reflexions-Analphabetismus
    Religionsunterricht führt nicht reflexiv an Werte, sondern vermittelt fremdbestimmte. Schulung der Reflexionsfähigkeit ist persönlichkeitsbildender Bestandteil von Philosophie- und Ethikunterricht. Es immunisiert gegen religiöse Fremdbestimmung. Deshalb bringt Religionsunterricht Reflexions-Analphabeten hervor.

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 41 (2017)

Sollen Ein- und Zwei-Cent-Münzen abgeschafft werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 13. Oktober 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Thomas Mütze, finanzpolitischer Sprecher der Landtags-Grünen

(JA)

Ulrich Binnebößel, Zahlungsexperte beim Handelsverband Deutschland (HDE)

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Passwort vergessen?

Als Login benötigen Sie ihre Kundennummer. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an: vertrieb(at)bsz.de

Zurück zum Anmeldeformular 

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.