Politik

Sie sagen servus: Klaus Barthel (SPD), Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer (CSU), die Linken-Politikerin Eva Bulling-Schröter und der Grüne Thomas Gambke (von links im Uhrzeigersinn). (Fotos: dpa)

15.09.2017

Das Leben nach der Politik

14 bayerische Abgeordnete kandidieren nicht mehr für den Bundestag. Wir haben mit vier von ihnen gesprochen

Für viele Abgeordnete im Berliner Reichstag ist die Bundestagswahl eine existenzielle Angelegenheit. Es geht für sie nicht nur um Regierung oder Opposition, sondern auch um die Frage: Schaffe ich es wieder? 14 bayerische Abgeordnete können zumindest in dieser Hinsicht dem 24. September entspannt entgegenblicken. Sie kandidieren nicht mehr.

Ranghöchster Aussteiger ist Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer (CSU). 23 Jahre im Parlament hält der 64-jährige Münchner für „ausreichend“. Als politisch interessierter Mensch würde er diesen Weg aber wieder wählen. „Entweder man meckert oder man gestaltet mit“, er habe sich fürs Gestalten entschieden. Auch wenn es manchmal großer Mühe bedurft habe, eigene Positionen durchzusetzen. „Aber das ist das tägliche Brot eines Abgeordneten.“ Deshalb freut er sich, dass seine langjährige Forderung nach einer besseren Ausstattung der Bundeswehr nun Allgemeingut in Berlin sei.

Als persönliche Sternstunde im Parlament nennt Singhammer die fraktionsübergreifende Verabschiedung der ethisch schwierigen Neuregelung von Spätabtreibungen. Überhaupt setzt er sehr auf das Kollegiale. Der Bundestag sei ein gut arbeitendes und diszipliniertes Parlament, nur die Fragestunde könnte lebhafter werden, meint er. Jetzt aber freut er sich auf mehr Zeit für seine Ehrenämter. Dazu gehöre vor allem sein Engagement in und für Afrika sowie bei der Münchner Lebenshilfe.

Viele ziehen sich nicht komplett aus der Politik zurück

Auch für Klaus Barthel (SPD) ist nach „23 Jahren fast ohne Privatleben und Freizeit“ Schluss. Trotz der Belastungen habe er nie bereut, in den Bundestag gegangen zu sein, bekundet er. Als größten Erfolg wertet der 62-Jährige, dass es ihm mit Mitstreitern gelungen sei, durch eine kritische Debatte über Auslandseinsätze der Bundeswehr die Beteiligung Deutschlands am zweiten Irak-Krieg abzuwenden. Noch heute ärgert ihn dagegen, es nicht geschafft zu haben, die Agenda 2010 des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder zu verhindern. „Man hatte damals kein Maß und Ziel mehr, was man den Menschen zumuten kann“, klagt Barthel.

Künftigen Politikergenerationen empfiehlt er, ihre Rolle im Parlament selbstbewusst wahrzunehmen. „Ein Abgeordneter sollte sich nicht als verlängerter Arm einer Regierung oder Fraktion fühlen, sondern seine Kontrollfunktion wahrnehmen“, erklärt er. Und sich viel Zeit nehmen für das Gespräch mit den Bürgern. Ganz zurückziehen aus der Politik will sich Barthel nicht. Ihm blieben noch Ehrenämter im Kreistag, im SPD-Landesvorstand und bei der SPD-Arbeitnehmervereinigung. „Ansonsten lasse ich auf mich zukommen, wo ich noch gebraucht werde.“

„Schlicht aus Altersgründen“ beendet der Grüne Thomas Gambke (67) seine „dritte Karriere“. Denn nach einer wissenschaftlichen und einer geschäftsführenden Tätigkeit war er mit fast 60 Späteinsteiger in den Bundestag. Eine „goldrichtige Entscheidung“ sei die späte Kandidatur gewesen, erklärt er rückblickend. Er könne nur dafür werben, erst mit ausgiebiger Berufserfahrung in die Politik zu wechseln. Gambke ist ein großer Freund der Fraktionsdisziplin. Intern lebhaft streiten, aber dann zu einer in der Fraktion getroffenen Entscheidung stehen – nur das bringe Verlässlichkeit für die Bürger.

Jungen Abgeordneten empfiehlt Gambke neben dieser Disziplin noch Sorgfalt und Bescheidenheit: Sorgfalt bei der Auswahl von Themengebieten und Mitarbeitern, Bescheidenheit bei der Übernahme von Aufgaben. „Man sollte sich nicht zu viel vornehmen“, rät er. Viele Themen seien sehr komplex, es drohe die Gefahr, sich zu verzetteln. Ganz in den Ruhestand will sich auch Gambke nicht verabschieden. Für die Grüne Bundespartei baue er gerade einen Wirtschaftskreis mit kleinen wie großen Unternehmen auf.

Nach 20 Jahren im Bundestag verabschiedet sich Eva Bulling-Schröter (61) aus Berlin. Die Einzelkämpferin der bayerischen Linken im Bundestag will Jüngeren Platz machen. Als Highlight ihrer Laufbahn wertet sie ihre Wahl zur Chefin des Umweltausschusses. Allerdings hat sich bei ihr auch viel Frust angesammelt. Initiativen der Opposition würden regelmäßig abgeschmettert, selbst beste Argumente würden von der Regierungsfraktion übergangen. Bulling-Schröter fordert deshalb, die Fragerechte der Abgeordneten genauso wie die Informationspflichten der Regierung auszuweiten.
Von der Politik hat Bulling-Schröter dennoch nicht genug. Nächstes Jahr will sie für den Landtag kandidieren und die Linke endlich ins Maximilianeum führen. „Die CSU hat eine ordentliche Opposition verdient“, formuliert sie eine Kampfansage an alle.
(Jürgen Umlauft)

Info: Bayerische Bundestagsabgeordnete,
die aus dem Bundestag ausscheiden

CSU: Josef Göppel (MdB seit 2002), Gerda Hasselfeldt (MdB seit 1987), Bartholomäus Kalb (MdbBseit 1987), Hartmut Koschyk (MdB seit 1990), Johannes Singhammer (MdB seit 1994), Matthäus Strebl (MdB seit 1995 mit Unterbrechungen), Hans-Peter Uhl (MdB seit 1998), Dagmar Wöhrl (MdB seit1994).

SPD: Klaus Barthel, Petra Ernstberger, Gabriele Fograscher (alle MdBs seit 1994).

Grüne: Thomas Gambke (MdB seit 2009), Elisabeth Scharfenberg (MdB seit 2005)

Die Linke: Eva Bulling-Schröter (MdB seit 1994). 

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