Politik

Ein Bewohner des Coburger Asylbewerberheims zeigt Abgeordneten sein Gemeinschaftszimmer. (Foto: dpa)

26.11.2010

Der Geruch von frischer Farbe

Von der neuen Asylpolitik ist in der Praxis kaum etwas zu spüren – ein Besuch in einer Coburger Flüchtlingsunterkunft

Er hat Beweise mitgebracht, Fotos von tiefen Rissen in der Mauer, von heraus gebrochenen Steckdosen von Kakerlaken in den Schränken. Alexander Thal vom bayerischen Flüchtlingsrat hält sie den Politikern hin, damit sie ihm glauben. Als Thal vor zwei Wochen in die Asylunterkunft in der Uferstraße in Coburg kam und die Fotos aufnahm, betrat er ein vor sich hin gammelndes Haus voller Gestank, voller Schmutz, voller Kakerlaken. Nun steht er mit Thomas Hacker, dem Chef der FDP-Landtagsfraktion, und Ulrike Gote von den Grünen in der Küche der Unterkunft und es riecht nach frischer Wandfarbe.
Über den Politikern streckt sich auf einer Leiter unbeeindruckt ein Handwerker nach oben und streicht die Decke neu. Asylbewerber, die schon seit über zehn Jahren in der Coburger Unterkunft leben, sagen: Maler mit Wandfarbe hätten sie in diesem Haus bis vor wenigen Tagen noch nie gesehen. Bis der Flüchtlingsrat gegen die Zustände im Haus protestierte und Medien und Politik zum Besuch einlud. Auf einmal kamen die Handwerker und der Kammerjäger.


Zwischen Kakerlaken und Sperrmüll


Die Aktivisten haben sich daran gewöhnt: Wenn immer die Aufmerksamkeit auf eine besonders erbärmliche Flüchtlingsunterkunft fällt, gebe es schnell ein paar Schönheitskorrekturen. Für die Bewohner ändere sich kaum etwas. Seit zwei Jahren debattiert die bayerische Politik über bessere Lebensbedingungen für Flüchtlinge. Seit einem halben Jahr gibt es einen Asylkompromiss aus dem Landtag, der mehr der über 7000 in Sammelunterkünften lebenden Asylbewerbern den Auszug ermöglichen soll. Seit April gelten Leitlinien für die Ausstattung von Gemeinschaftsunterkünften.
In Coburg merkt man von der neuen Asylpolitik kaum etwas. 50 Menschen leben in dem alten Firmengebäude, die meisten allein stehende Männer. Die für die Politiker inszenierte Illusion eines sauberen, wohnlichen Heims für Flüchtlinge fällt schon nach wenigen Schritten in sich zusammen wie eine dilletantisch zusammengezimmerte Filmkulisse.
Nadehm Ibrahim, 37, zieht eine Holzschachtel aus seinem schmalen Spint und schon fallen Kakerlaken heraus. Seit zehn Jahren lebt der aus Syrien geflohene Kurde im Coburger Heim. „In die Stadt gehen, schlafen, essen“, so sehe sein Alltag aus. Seit Jahren würde er gerne arbeiten, darf es aber nicht.
Trotz des harten Lebens hat er keinen Hass auf sein neues Heimatland. Auf einem schmalen Regal steht ein Foto von der Fußball-WM: Nadehm Ibrahim gehüllt in eine Deutschlandfahne, mit einen schwarz-rot-goldenen Hut auf dem Kopf. Auf dem Tisch neben seiner Teekanne stehen schwarz-rot-gold-gestreifte Gläser. „Das mit den Kakerlaken ist schlimm für Deutschland“, meint er.
Draußen vor dem Haus, dort wo die Fassade abblättert, steht Petra Platzgummer-Martin, die Vizepräsidentin der Bezirksregierung von Oberfranken und sagt: „Es ist wirklich nicht unsere beste Einrichtung. Aber die rechtlichen Anforderungen werden erfüllt.“ Eigentlich habe man das die Unterkunft aufgeben wollen, doch dann seien die Flüchtlingszahlen gestiegen. Die Bezirksregierung wusste keine Alternative und ließ die Asylbewerber im altersschwachen Haus.
„Den Beamten vor Ort kann ich keinen Vorwurf machen“, meint die Grünen-Landtagsabgeordnete Ulrike Gote bei ihrem Besuch. „Die Verantwortlichen sitzen im Ministerium.“
Fragt man im Sozialministerium nach Coburg, heißt es: zuständig sei die Regierung von Oberfranken. Die Regierung von Oberfranken sagt, sie habe im Jahr nur 300 000 Euro für zehn Gemeinschaftsunterkünfte zur Verfügung. Große Sanierungsarbeiten seien damit kaum möglich. Für die Zustände in Bädern und Küchen könne man auch gar nicht nichts, meint Petra Platzgummer-Martin. „Die Hygiene ist Aufgabe der Bewohner“, erklärt sie und sagt allen Ernstes: „Die meisten von ihnen sind Putzen und Abspülen nicht gewohnt.“
Gyan Gurung, 40, sieht nicht aus wie einer, für den Putzen und Abspülen etwas Exotisches wäre. Sein Zimmer ist aufgeräumt und sauber, an der Wand stehen neu aussehenden Kommoden und Schränke. Gurung hat die Möbel vom Sperrmüll geholt und selbst repariert. Sein Zimmer teilt er sich mit zwei weiteren Asylbewerbern. Im Raum stehen zwei Betten, der dritte Bewohner schläft auf dem Boden.
Gurung sagt, er sei wegen der Menschenrechte nach Deutschland gekommen. Er blättert in einem Ordner voller Dokumente. Da ist die Bestätigung, dass er seine Heimat Bhutan verlassen musste. Seine Familie hatte die Demokratiebewegung unterstützt. Die Soldaten der Regierung brachten seine Mutter um, Gurung musste das Land verlassen. Im Ordner ist auch ein Schreiben von der Ausländerbehörde vom 19. Juli 2005. „Einstellung der Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz“, steht da.
Weil Gurung von der Botschaft von Bhutan keinen Pass bekommt, den er den deutschen Behörden vorlegen könnte, wurde ihm vor fünf Jahren das Taschengeld gestrichen. Seine Kleidung bekommt Gurung von der Caritas. Sein Geld verdient er mit dem Sammeln von Pfandflaschen. Davon bezahlt er einen Anwalt, um für sein Bleiberecht zu kämpfen und Lehrbücher, um noch besser Deutsch zu lernen.
„Wenn man faul ist, kommt nie das schöne Leben“, sagt Gurung. Das schöne Leben, das heißt für ihn: Steuern zahlen, arbeiten und vor allem: Aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen. „Hier streiten die Leute immer“, erzählt Gurung. „Es gibt immer Schlägereien, oft kommt die Polizei.“
Bis die Politik in Bayern solche Probleme löst, wird es wohl noch lange dauern. Anfang 2011 will das Sozialministerium überprüfen, wie die neuen Leitlinien für die Lebensbedingungen in den Unterkünften umgesetzt werden. Bis dahin müssen ein paar Eimer Farbe reichen.(Bernhard Hübner)

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