Politik

14.11.2014

Der geschmeidige Herr Juncker

Ein Kommentar von Roswin Finkenzeller

Die Schlafmütze, die von der einstigen Steueroase Luxemburg noch nie etwas hatte läuten hören, wird unter halbwegs intelligenten Europäern schwerlich zu finden sein. Außerdem war Jean-Claude Juncker nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit viele Jahre lang Premier und Finanzminister jenes ungewöhnlich überschaubaren Staates. Und im Max-Streibl-Stil abgeschottet hat sich der kommunikative Herr ebenfalls nie. Der Verdacht, dass Juncker mit Steuerfluchthelfern irgendwann und irgendwie etwas zu tun hatte, wäre also schon lange fällig gewesen.
Doch die hauptberuflichen Europäer reiben sich gern die Augen, wenn es reichlich spät ist. Dann beklagen sie, was sie schon immer sahen, aber erst allmählich sehen wollten, etwa die bulgarische und rumänische Unlust, die Korruption abzustellen. Oder tun so, als hätten sie sich den mit falschen volkswirtschaftlichen Zahlen gespickten Aufnahmeantrag Griechenlands nur nicht genau genug angeschaut.

Inkonsequenz ist in Brüssel eine politische Tugend


Inkonsequenz, genannt Realismus, ist in Brüssel eine politische Tugend und Juncker, einst Chef der Euro-Gruppe, jetzt Kommissionspräsident, der talentierteste Repräsentant dieser praktischen Philosophie. Auf die Frage zum Beispiel, ob eine Umsatzsteuer für Finanzgeschäfte geboten sei, hatte der wendige Mann bereits zwei Antworten: Daheim in Luxemburg sagte er erst Nein, in Brüssel später Ja.
Eine Fülle geschmeidigster Auskünfte hat Juncker auf die umfassendere Frage nach der guten alten Stabilität parat. Wann immer der Stabilitätspakt rundweg gebrochen, schlau umgangen, frech uminterpretiert oder kurzerhand vergessen wurde, war Juncker meistens dabei. Da aber Helmut Kohl und Theo Waigel der deutschen Bevölkerung mehrmals feierlich versichert hatten, der Pakt gelte in seiner ganzen Strenge ewig und immerdar, müssten sich die Deutschen für die europäische Wellenreiterei eigentlich noch viel mehr interessieren als für die Sünden in einem Großherzogtum. Und bei aller echt europäischen Hoffnung auf Gerechtigkeit: Der Kommissionschef Jean-Claude Juncker verfügt über glänzende persönliche Beziehungen. Die gehören zum System, die hat eben ein Mensch wie er.

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