Politik

Die USA sind der größte Exportmarkt für Bayern – doch die Staaten Europas insgesamt sind weit wichtiger. (Foto: dpa)

17.02.2017

Deutschlands heikle Sandwichposition

Donald Trump nervt mit seinem Gezeter über den deutschen Exportüberschuss – ein Blick auf die Zahlen offenbart Erstaunliches

So ist das mit den Statistiken. Man findet immer eine schöne Zahl, die der eigenen Argumentation dienlich ist – wenn man die anderen Zahlen weglässt.

Wie wichtig zum Beispiel sind die USA für die bayerische Wirtschaft? Ja, die USA sind Bayerns wichtigster Handelspartner. Im Jahr 2015 exportierte der Freistaat Waren im Wert von 22,7 Milliarden Euro in die USA. Von Januar bis November 2016 waren es bereits 19,0 Milliarden Euro (Dezember-Zahlen liegen noch nicht vor). Zudem ist BMW der größte Exporteur von in den USA hergestellten Autos in Länder außerhalb Nordamerikas. Allein 50 der 182 Firmen, die zum globalen BMW-Zuliefernetzwerk gehören, sitzen rund um das BMW-Werk in Spartanburg, South Carolina. Der Siemens-Konzern wiederum hat stolze 60 000 Beschäftigte in den USA. Diese Liste ließe sich mühelos fortführen.

Wichtigster Handelspartner. Klingt an Bedeutung unübertreffbar – wenn man die Relationen nicht kennt. Die USA sind als einzelnes Land der größte Exportmarkt für Bayern. Die Staaten Europas insgesamt (EU und andere) sind jedoch weitaus wichtiger für den Freistaat – mit 108,4 Milliarden Euro exportiertem Warenwert. Dagegen wirken die amerikanischen 19 und chinesischen 13,7 Milliarden fast mickrig. Insgesamt exportierte Bayern von Januar bis November 2016 Waren im Wert von 168,6 Milliarden Euro. Das sind 2,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Wie schlimm kommt es also, wenn der US-Präsident sich die deutsche Autoindustrie tatsächlich vorknöpft – mit ihren bayerischen Premiummarken BMW und Audi?
Im Januar hatte Trump beklagt, dass die deutschen Hersteller in den USA deutlich stärker vertreten sind als die US-Konkurrenz hierzulande: „Tatsache ist, dass ihr den USA gegenüber sehr unfair wart.“ Aber nicht unfaire Handelsbeziehungen führen zum Erfolg deutscher Autos in den USA, sondern ihre Qualität. Das dürfte auch Trump nicht entgangen sein.

Der 3D-Drucker könnte zum größten Feind
des deutschen Feinmechanikers werden


Er weiß allerdings auch: Die wichtigsten deutschen Exportgüter gen USA sind Kraftwagen, Kraftwagenteile und Maschinen. In den USA ist der zweitwichtigste Automobilmarkt der Welt beheimatet; deutsche Hersteller sind stark vertreten. Wenn Trump die deutschen Automobilhersteller angreift mit seiner angedrohten Importsteuer von 35 Prozent, trifft er sie an einer empfindlichen Stelle. Denn das hieße, dass die ohnehin schon teuren deutschen Autos noch viel teurer würden, zumindest für amerikanische Kunden.

Aber das ist – noch – Zukunftsmusik. Trump liefert der Weltöffentlichkeit beinahe täglich ein neues Skandälchen. Nicht unwahrscheinlich, dass er bald über eines stolpert. Im vergangenen Jahr hatten Deutschlands Exporte mit einem Warenwert von 1,2 Billionen Euro ein neues Rekordhoch erreicht. Einen Grund für solche deutschen Erfolge sieht der Wirtschaftswissenschaftler Heiko Seif in der „dezentralen Strukturierung: Spitzen-Unternehmen finden sich nicht nur in wenigen Kompetenzzentren, sondern die Weltmarktführer verteilen sich in der gesamten Bundesrepublik.“

Der Unternehmensberater Hermann Simon sieht die Wurzeln deutscher Wettbewerbsstärke nicht nur in der Ausdehnung, sondern vor allem in der Konzentration dieser sogenannten Hidden Champions. „Sie stehen für gut ein Viertel der deutschen Exporte und sind ein in der Welt einzigartiges Phänomen“, so Simon. Deutschland habe 16 Hidden Champions je eine Million Einwohner, in Frankreich seien es 1,1, in den USA 1,2 und in Japan 1,7. Lediglich Österreich und die Schweiz verzeichnen mit knapp 14 ähnliche Werte wie Deutschland. Wie kommt das? Simon fallen viele Gründe ein. Sie haben mit historischer Kleinstaaterei zu tun und geostrategischer Mittellage. Mit dualer Berufsausbildung, Konkurrenz auf engem Raum und über Jahrhunderte entwickelten Kompetenzen.

Das klingt nach einer soliden Basis für weiteren Erfolg. Aber diese Basis bröckelt. Chinesische Unternehmen kaufen deutsche Hidden Champions auf und sichern sich so Know-how im Maschinenbau. Und in den entscheidenden digitalen Zukunftsfragen sind die USA meilenweit voraus. Der 3D-Drucker könnte noch zum größten Feind des deutschen Feinmechanikers werden. Eine zunehmend unbequeme Sandwichposition, aus der Bayern und Deutschland nicht herauskommen, indem sie sich auf Statistiken ausruhen.
(Jan Dermietzel)

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