Politik

Oft sind es junge Männer, die sich an Internetärzte wenden - mit Beschwerden, die ihnen peinlich sind. (Foto: Getty)

24.05.2013

Diagnose aus dem Netz

Immer mehr Patienten suchen Rat im Internet – Politiker sagen Online-Praxen den Kampf an

Die Praxis von Dr. Ed brummt. Rund 1000 Patienten werden dort im Monat behandelt – zählt man allein diejenigen, die aus Deutschland kommen. Und es werden immer mehr, sagt David Meinertz. Dr. Ed ist kein niedergelassener Arzt, sondern eine Online-Praxis mit mehreren deutschen Medizinern und Sitz in London. Meinertz hat sie 2010 gegründet.
Jeder über 18-Jährige kann sich via Internet an DrEd.com wenden, online Fragen zu Gesundheitszustand und Beschwerden beantworten. In der Regel erfolgt innerhalb weniger Stunden die Diagnose samt Behandlungsplan. Medikamente erhält der Patient innerhalb von zwei Werktagen über eine deutsche Versandapotheke. Die Diagnose kostet nichts, die Gebühren für eine Behandlung liegen zwischen 9 und 45 Euro und können von der Krankenkasse erstattet werden. Der Vorteil: Man braucht keinen Termin und keine Geduld im vollen Wartezimmer. „Gerade für Menschen auf dem Land können wir eine gute Alternative sein“, sagt Meinertz der Staatszeitung. Auch weil dort eine flächendeckende Versorgung mit Ärzten nicht mehr gewährleistet ist.
Ferndiagnosen sind vielen in Deutschland allerdings ein Dorn im Auge. „Sie gehören verboten“, wettert der CSU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Zöller, Patientenbeauftragter der Bundesregierung. Und eigentlich sind sie das in Deutschland auch. Nach Paragraf 7 der Berufsordnung dürfen Ärzte eine individuelle Beratung und Behandlung nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Es muss immer gewährleistet sein, dass ein Arzt den Patienten unmittelbar behandelt. Doch Dr. Ed wendet einen einfachen Trick an: Die Online-Praxis hat ihren Sitz in Großbritannien, und dort ist auch reine Online-Konsultation erlaubt. Da deutsche Patienten ihren Arzt europaweit frei wählen können, können sie sich dort völlig legal behandeln lassen.

Keine Wartezeiten, keine lange Wege


Doch Zöller will kämpfen, auch wenn er weiß, dass ein Verbot von Seiten wie Dr. Ed „leider aus EU-rechtlichen Gründen nicht so einfach geht“. Er habe bereits mit Kollegen aus dem EU-Parlament Kontakt aufgenommen, „damit diese Grauzone beendet wird und keine Patienten unnötige Schäden durch vermeidbare Nebenwirkungen erleiden, verursacht durch Ferndiagnosen und so bestellte Präparate“, sagt er der BSZ. Unterstützung bekommt Zöller von CSU-Kollege Johannes Singhammer, dem das Online-Portal Dr. Ed ebenfalls „große Sorge“ bereitet: „Ich halte diesen Vorgang für nicht hinnehmbar, da aus meiner Sicht die Patientensicherheit gefährdet und gegen deutsches Recht verstoßen wird“, poltert der Vizevorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
„Wir wollen doch gar nicht den Hausarzt ersetzen“, beschwichtigt Dr.-Ed-Geschäftsführer Meinertz. „Bei Erkrankungen, die eine körperliche Untersuchung erfordern, halten wir uns grundsätzlich raus.“ Ein Viertel der Patienten würde auf einen Haus- oder Facharzt vor Ort verwiesen. Die Verschreibung von Antidepressiva, Drogenersatzstoffen oder auch Abnehmpillen sei tabu. „Und Fehldiagnosen kommen bei uns schon allein deshalb kaum vor, weil wir uns auf wenige Behandlungsgebiete spezialisiert haben, auf denen wir große Erfahrung besitzen“, sagt Meinertz.
Dazu gehören die Reise- und innere Medizin. Doch es sind vor allem die eher delikateren Beschwerden, die Dr. Ed behandelt. Ein Drittel der Patienten kommt mit Unpässlichkeiten, mit denen sie sich nicht zum Arzt trauen: Erektionsstörungen, Chlamydien-Infektionen oder Haarausfall. „Viele junge Männer nutzen unsere Fotodiagnose, schicken uns ein Bild des Genitalbereichs, wenn sie dort etwas Komisches entdeckt haben.“


„Pille danach“ per Mausklick


Das Problem: Darüber, was eine körperliche Untersuchung vor Ort voraussetzt, lässt sich streiten. „Medikamente per Mausklick – vor allem bei Geschlechtskrankheiten – können gefährliche Folgen für die Patienten haben“, kritisiert Max Kaplan, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer. Seit Januar verschreiben die Ärzte von Dr. Ed auch die „Pille danach“. Eine Praxis, die hierzulande auf heftigen Widerstand trifft. „Denn gerade für die ,Pille danach’ darf es keine scheinbar einfachen Lösungen geben“, sagt Kaplan. „Bestimmte Präparate bergen wegen ihrer hohen Hormondosis erhebliche Nebenwirkungen.“ Dafür, dass es diese Notfallverhütung in Deutschland – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – nicht rezeptfrei gibt, kämpft die Ärzteschaft seit Jahren.
Egal wo man  nachfragt, ein Satz fällt fast immer: „Der unmittelbare persönliche Kontakt zu medizinischen Behandlern bleibt unverzichtbar.“ Auch für Pedro Schmelz, 1. stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern ist die Ferndiagnose ein Unding: „Denn Ärzte – oder wer auch immer tatsächlich die online eingereichten Anamnese-Bögen liest und bewertet – diagnostizieren Krankheiten, ohne den Patienten selbst gesehen und erlebt, ohne ihn untersucht und sich einen eigenen Eindruck von ihm verschafft zu haben.“ Kritisch äußern sich auch die bayerischen Gesundheitspolitiker – jeder Couleur. Auch  aus dem bayerischen Gesundheitsministerium heißt es: „Eine Diagnose oder Behandlung über das Internet kann die gute und vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient nicht ersetzen, sondern allenfalls ergänzen.“ Dort betont man allerdings auch: „Ein Verbot von unseriösen Internet-Angeboten aus dem Ausland wäre zwar zu begrüßen, ist aber rechtlich auf nationaler Ebene schwer durchzusetzen.“
Natürlich habe man keine Möglichkeit, den Briten Vorschriften zu machen, sagt auch ein Pressesprecher des Bundesgesundheitsministeriums. Allerdings wolle Minister Daniel Bahr (FDP) nun prüfen lassen, ob man Rezepte aus Großbritannien anders behandeln könne als deutsche. Meinertz macht das keine Sorgen. „Wir stellen deutschsprachige Rezepte aus, mit allen nach deutschen Maßstäben notwendigen Angaben“, sagt er. Dagegen werde man in Berlin nichts machen können. Er ist sich ohnehin sicher: „Das Verbot von Ferndiagnose wird auch in Deutschland fallen.“ (Angelika Kahl)

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