Politik

11.04.2014

Die Gurlitt-Sensation

Ein Kommentar von Florian Sendtner

Wer hätte gedacht, dass das bayerische Justizministerium auch mal wieder für Positivschlagzeilen sorgt! Winfried Bausbacks Vorgängerin Beate Merk ist das in ihrer Amtszeit nur selten gelungen. Zuletzt war sie monatelang damit beschäftigt, die Mollath-Affäre kleinzureden – und erfuhr vom Fall Gurlitt angeblich erst im November 2013 aus der Zeitung. Dabei war ihr Haus spätestens seit März 2012, als die 1280 Bilder in Gurlitts Schwabinger Wohnung beschlagnahmt wurden, damit befasst. So gesehen ist die im Münchner Justizpalast nun ausgehandelte Vereinbarung zwischen Cornelius Gurlitt, dem Land Bayern und dem Bund tatsächlich eine Sensation. Gurlitt erklärt sich darin bereit, diejenigen Bilder, die zweifelsfrei Raubkunst sind, an die Erben der

Auch in öffentlichen Museen hängt Kunst, die einst jüdischen Besitzern abgepresst wurde

Bestohlenen zurückzugeben. Das ist alles andere als selbstverständlich.
Die Rechtslage ist ja so, dass all die Kunstwerke, die einst jüdischen Besitzern abgepresst oder entwendet wurden, völlig legal in den Salons der Räuber und ihrer Erben hängen – teilweise sogar in öffentlichen Museen. Jegliche Rechtsansprüche sind verjährt. Der Deal zwischen Staat und Gurlitt ist zustandegekommen, weil sich die Augsburger Staatsanwaltschaft mit ihrem fragwürdigen Steuerstrafverfahren gegen den 81-jährigen, herzkranken Münchner – man weiß noch immer nicht, welche Art von Steuer Gurlitt hinterzogen haben soll – und der völlig unverhältnismäßigen Beschlagnahmung seiner Sammlung auf derart dünnem Eis bewegte, dass sie irgendwann zurückrudern musste. Nun kann der Freistaat sein Gesicht wahren: Die Beschlagnahme ist aufgehoben (und das Steuerstrafverfahren vermutlich bald eingestellt), im Gegenzug lässt Gurlitt der historischen Wahrheit Gerechtigkeit widerfahren.
Tatsächlich dürften die Behörden froh sein, aus der Affäre unbeschadet herauszukommen. Allein die zweimalige Leibesvisitation Gurlitts im Zug ist ein Skandal: Der Mann machte sich verdächtig, weil er in seinem hohen Alter allein und nicht gebräunt und gefönt im Zug saß und dann auch noch viel Bargeld bei sich hatte. Dass die haltlose Verdächtigung einen kunsthistorischen Jahrhundertkrimi an den Tag brachte, war ein unbeabsichtigter Nebeneffekt. Zumindest für die Kontrahenten Gurlitt und Freistaat hat der Krimi jetzt ein unverhofftes Happy End gefunden.

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