Politik

Michael Wendl führt künftig Bayerns Linke. (Foto: ddp)

23.04.2010

„Die Linke braucht Leute wie mich“

Der neue Linke-chef MichaelWendl über Pesonalprobleme und richtungsstreit in seiner Partei

Zusammen mit der gebürtigen Ost-Berlinerin Eva Mendl (55) führt der Münchner Michael Wendl (59) künftig Bayerns Linke. Wir fragten Wendl, wie er den notorisch zerstrittenen Landesverband zusammenführen will.
BSZ: Herr Wendl, im Vorfeld des Parteitags wurden Sie von Teilen der Linken heftig bekämpft, als Neoliberaler beschimpft und mit nur 54 Prozent der Stimmen gewählt. Fühlen Sie sich wohl in Ihrer Partei?
Wendl: Ich war 36 Jahre lang SPD-Mitglied, groß geworden bin ich bei den Jusos, primitiver Antikapitalismus ist mir da nicht fremd. Es ist einfach so, dass die Linke auch Sammelbecken für Reste leninistischer und trotzkistischer Splittergruppen ist, die sich in den 70er und 80er Jahren aufgelöst hatten. Man muss Differenzen mit solchen Leuten politisch austragen, mich ängstigt das nicht.
BSZ: Mit der SPD wollten Sie Differenzpunkte offenbar nicht austragen. Sie sind letztes Jahr einfach ausgetreten – nach 36 Jahren.
Wendl: Ich habe versucht, mit Florian Pronold (SPD-Landeschef, d. Red.) ins Gespräch zu kommen, das ist gescheitert. Auch das Management der Bankenkrise durch den damaligen Finanzminister Steinbrück war absolut stümperhaft. Ich habe in der SPD keinen Handlungskorridor mehr gesehen für mich.
BSZ: In der Linken wird es auch nicht leicht werden. Wie wollen Sie die gewaltigen Gräben zwischen gewerkschaftsnahen Kräften und Altkommunisten überwinden?
Wendl: Das wird sicher schwierig. Allerdings gehören rund zwei Drittel des neu gewählten Landesvorstands gewerkschaftsnahen Strömungen an. Das reicht, um den Verband zu führen. Ich traue mir das zu, ich habe Führungserfahrung. Ich glaube auch: Diese Partei braucht Leute wie mich, die über wirtschaftliche und sozialpolitische Fachkompetenz verfügen. Mein Ergebnis beim Parteitag werte ich als Vertrauensvorschuss.
BSZ: 54 Prozent Zustimmung nehmen Sie als Vertrauensvorschuss?
Wendl: Die Besetzung beim Parteitag war nicht repräsentativ: Von 100 Mitgliedern der antikapitalistischen Linken sind 80 beim Parteitag, das sind einfach die aktiven Kämpfer. Daher rührte auch die zeitweise schrille Atmosphäre dort, das waren manchmal Auftritte aus dem Revolutionsmuseum.
BSZ: Wofür sollte die Linke stehen?
Wendl: Für soziale Reformpolitik im Kapitalismus. Wir sollten uns stark machen für Arbeitslose, prekär Beschäftigte, aber auch für klassische Arbeitnehmer und versuchen, eine Rolle einzunehmen, die die SPD früher einmal hatte. Wir fordern einen Mindestlohn und die Rücknahme der Hartz-IV-Gesetze.
BSZ: Das klingt moderat. Im Bundestagswahlkampf wollte die Linke noch Reichtum für alle.
Wendl: Es ist sicher notwendig, das Steuersystem in Richtung soziale Gerechtigkeit umzubauen. Die spannende Frage dabei ist, wie sind die veränderten Machtverhältnisse zu erreichen, damit dies möglich wird?
BSZ: Was wollen Sie in Bayern ändern?
Wendl: Die größte Herausforderung ist die Reform des Bildungssystems, das muss durchlässiger und egalitär werden. Im Bereich Landwirtschaft plädiere ich für die Beibehaltung der Subventionen für Milchviehbetriebe.
BSZ: Das erste wollen SPD und Grüne auch, das zweite will sogar die CSU.
Wendl: Das ist richtig. Aber man muss es auch durchsetzen.
BSZ: Ihre Forderung zum Mindestlohn?
Wendl: Ich persönlich bin gegen einen einheitlichen Mindestlohn. Ich plädiere für regionale Differenzierung – und für eine Differenzierung nach Qualifikation. Es ist doch ein Unterschied, ob ich in München arbeite oder ungelernte Kraft im Osten bin. Im einen Fall sind vielleicht 10 Euro gerechtfertigt, im anderen eher 7,50 Euro.
BSZ: Die neue Verdi-Chefin Luise Klemens fordert 12,50 Euro.
Wendl: Ich halte nichts von derlei Wettbewerb nach oben. Wir müssen sehen, was in absehbarer Zeit politisch durchgesetzt werden kann.
BSZ: Ihr Standpunkt zum Linken-Reizthema Privatisierung?
Wendl: Auch da plädiere ich für eine differenzierte Sicht: Ich bin Aufsichtsrat im Städtischen Klinikum München und bei der privaten Rhön-Klinikum AG. Ich bin der Meinung, dass kommunale Krankenhäuser auch von privaten lernen können. Dass die Privaten Gewinne erzielen, liegt nicht am Lohnniveau, das ist in beiden Fällen etwa gleich. Es liegt einfach an der Art der Arbeitsorganisation, die weniger hierarchisch, weniger starr, sondern stärker durch Innovationen geprägt ist. Grundsätzlich bin ich aber für öffentliche Unternehmen.
BSZ: Was sind Ihre persönlichen Ambitionen? Werden Sie 2013 für den Landtag kandidieren?
Wendl: Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Klar ist, dass ich keinen Sitz im Bundestag will. Dafür gefällt es mir in Bayern zu gut.

(Interview: Waltraud Taschner)

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