Politik

Wer weiß, wo’s lang geht? Beim G8 wurde schon oft nachjustiert, zufrieden war man nie. (Foto: dapd)

15.03.2013

Die Nachbesserungs-Schule

Rechtzeitig vor der Landtagswahl will die CSU die Dauerbaustelle G 9 befrieden - wieder mal

Seit seiner handstreichartigen Einführung hat das G8 der CSU nicht viel Freude bereitet. Und auch nach zehn Jahren ebbt die Kritik nicht ab: Eltern und Schüler klagen über viel Stress und wenig Freizeit, Wissenschaftler beklagen fundamentale Streichungen im Lehrplan. Eine Reform soll die Kritik nun verstummen lassen – und das Minenfeld G8 noch rechtzeitig vor der Wahl entschärfen.

Das G 9 soll nicht wieder kommen


Zum neuen Schuljahr sollen ein Frühwarnsystem, mehr Förderangebote und ein „Flexibilisierungsjahr“ dem Bedürfnis des Einzelnen nach mehr Zeit zum Lernen entgegenkommen. Eine Wiedereinführung des G9, wie sie in Hessen und Baden-Württemberg geplant ist, lehnt die Staatsregierung ab. Die wichtigsten Punkte der Reform, in deren Vorfeld ein Runder Tisch aus verschiedenen Interessengruppen mitreden durfte, liegen seit Sommer vor. Nun hat Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) eine 20-seitige Broschüre vorgestellt, die über die Details informiert und die allen Gymnasien zugehen soll.
Im Fokus stehen die Schüler der Mittelstufe, denn hier gibt es die meisten Probleme. Ein „Frühwarnsystem“ soll helfen, individuelle Schwierigkeiten zu erkennen und durch Förderangebote zu beseitigen. Werden die Lücken zu groß oder fühlt sich der Schüler zu sehr unter Druck, kann er ein „Flexibilisierungsjahr“ einlegen: also ein Jahr wiederholen. Zudem besteht die Möglichkeit, sich im Voraus für eine langsamere Gangart zu entscheiden, indem die Klasse acht oder neun in zwei Etappen durchlaufen wird.
Für die neuen Fördermaßnahmen sollen den Schulen vom kommenden Schuljahr an im Schnitt jeweils acht Lehrerstunden zusätzlich zur Verfügung stehen, von 2014/15 an dann eine halbe Lehrerstelle, also zwölf Lehrerwochenstunden. Wobei die personellen Zusatzressourcen je nach Schulgröße variieren können, sagt Ludwig Unger, Sprecher im Kultusministerium. 155 zusätzliche Lehrerplanstellen stehen laut Haushaltsplan 2014/15 dafür zur Verfügung.
„Natürlich wäre eine ganze Stelle oder sogar zwei Stellen pro Schule besser“, sagt Karl-Heinz Bruckner, der Vorsitzende der Direktorenvereinigung der bayerischen Gymnasien und Leiter des Neuen Gymnasiums Nürnberg. Aber schon mit einer halben Stelle könne man vielen Schülern helfen.

Schulen können selbst entscheiden, wie sie fördern

Bruckner findet gut, dass die Schulen selbst entscheiden können, wie sie beim Fördern vorgehen wollen. Sein Gymnasium war in der Erprobungsrunde dabei. Hier wurde ein Schülercoaching für die Klassen acht und neun in Französisch und Latein und für die Jahrgangsstufen zehn und elf in Mathe und Deutsch eingerichtet. „Das wurde gut angenommen“, so Bruckner. Auch das Flexiblisierungsjahr findet Bruckners Zustimmung. „Klar konnte man schon bisher freiwillig wiederholen. Aber jetzt besteht die Option, ganze Fächer wegzulassen und sich stattdessen auf seine Schwächen zu konzentrieren, das ist eine klare Verbesserung.“ Ein Anspruch auf Förderstunden in bestimmten Fächern besteht allerdings nicht: Bei der Planung der Zusatzangebote muss sich die Schule nach den Bedürfnissen der Mehrheit richten.
„Ein organisatorisches Ungetüm“ nennt SPD-Bildungsexperte Martin Güll das Flexibilisierungsjahr und fordert – wie der Bayerische Philologenverband – Wahlfreiheit zwischen G8 und G9. Sein grüner Kollege Thomas Gehring will einen Umbau des Gymnasiums zur gebundenen Ganztagsschule.
Doch während die Opposition im Landtag wenig Gutes an der Reform lässt, wollen die organisierten Gymnasialeltern vor allem eines: endlich Ruhe. „Die Eltern wollen keine andauernde Systemdebatte“, hält Susanne Arndt, die Vorsitzende des Landeselternverbandes der Gymnasien, den Forderungen nach einer Neuauflage des G9 entgegen.
In Hessen zum Beispiel können sich Gymnasien vom nächsten Schuljahr an frei entscheiden, ob sie G8, G9 oder beides anbieten wollen. Laut hessischem Kultusministerium sind bislang von 107 Gymnasien 39 zur neunjährigen Gymnasialzeit zurückgekehrt, elf Schulen bieten ein Parallelmodell mit G8 und G9 an.
Wie gut das Angebot angenommen wird, darüber gibt es noch keine Erkenntnis. „Meiner Meinung nach führt das zu einer großen Zerrissenheit der Schulen und der Schullandschaft“, prognostiziert Schulleiter Bruckner. Der bayerische Weg scheint deshalb einen Versuch wert zu sein. Und sollte man wirklich zu der Erkenntnis kommen, dass in acht Jahren nicht genügend Wissen vermittelt werden kann, sollte man gründlich nachdenken. (Anke Sauter)

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