Politik

In Deutschland erlernen Schüler die Schriftsprache nach Gehör. (Foto: DAPD)

01.02.2013

Die Rolle des Rotstifts

"Lesen durch Schreiben“ steht in ganz Deutschland auf dem Grundschullehrplan - Bayerns Landesschülerrat kritisiert gängige Schreiblernmethode

Schreiben, wie man es hört: Das ist die derzeit gängige Formel, nach der Schüler in ganz Deutschland die Schriftsprache erlernen. Der Rotstift des Lehrers bleibt in der Schublade, damit Buben und Mädchen ungehemmt ihre Gedanken zu Papier bringen können. Nach der Methode des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen werden Kinder frühzeitig zum selbstständigen Schreiben gebracht.
Gegen Sätze wie „Schulä isd fol dol, wail da lärnd man Schraibn“ hat jetzt der Landesschülerrat protestiert. „a a u – ma ma mu – a a i – ma ma mi“: Wer so lesen gelernt hat, bei dem liegt die Grundschule schon mindestens einige Jahre zurück. Die „liebe Fibel“, die einen Buchstaben nach dem anderen präsentierte und die Kinder über das Abmalen von Silben an die Schreib- und Lesekunst heranführte, ist längst Schnee von gestern. „Lesen durch Schreiben“ heißt das derzeit geltende Prinzip an Grundschulen, kurz LdS.
Die Idee dazu stammt von dem Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen. Er war davon überzeugt, dass Kinder, die früh zum selbstständigen Schreiben gebracht werden, das Lesen ganz von alleine lernen. Mit Hilfe von Anlauttabellen eignen sie sich die „Bausteine“ der Schriftsprache an: „A wie Apfel, H wie Hut usw.“ heißt es darin, daneben ein Bild des jeweiligen Begriffes.

Quer durch die Fachwelt zieht sich ein Graben

Mit Hilfe der so vermittelten Laute und ihrer Buchstabenentsprechung können ABC-Schützen gleich loslegen und eigene Texte verfassen. „Korrigieren verboten“ erfahren Eltern am ersten Elternabend und wundern sich zunächst. Der Charme der Methode: Tatsächlich entstehen schon nach wenigen Tagen die ersten kurzen Texte. Die sind zwar aufgrund der abenteuerlichen Schreibung teils schwer lesbar – aber dennoch. Wer in der jüngeren Vergangenheit keine Kinder an der Grundschule hatte und auch sonst nicht mit der Materie in Kontakt kommt, hat davon nichts mitbekommen.
Auch Timo Greger, selbst 22 Jahre jung, fiel nach eigenen Worten „aus allen Wolken“, als er im Zeitmagazin eine Kolumne las, in der sich der Autor über „Lesen durch Schreiben“ mokierte. „Gott sei Dank gibt es sowas in Bayern nicht“, habe er sich gedacht – und sei bald eines Besseren belehrt worden. Schon seit zehn Jahren werden auch in Bayern Schüler so unterrichtet, seit Inkrafttreten des derzeit gültigen Grundschullehrplans. Der legt den Schulen die Methodik nahe. Greger, seit Kurzem Vorsitzender des Landesschülerrats Bayern, mag sich damit nicht abfinden.
Im zwölfköpfigen Vorstand des Landesschülerrats sei man der Ansicht, dass diese „Fehlentwicklung“ rückgängig gemacht werden soll. „Kinder müssen die Regeln der deutschen Rechtschreibung von Anfang an lernen“, fordert Greger. Das Nichtkorrigieren in den ersten beiden Schuljahren führe zu dramatischen Auswirkungen in Klasse drei, denn dann wiederum werde die Rechtschreibung benotet. Auch ein ordentlicher Sprachgebrauch, sicheres Textverständnis und überzeugende Argumentationsfähigkeit könnten nicht vermittelt werden, wenn Regeln zunächst keine Rolle spielen.
Die Verlierer seien vor allem Kinder mit Migrationshintergrund. Wenn „Lesen durch Schreiben“ wirklich zu so fragwürdigen Ergebnissen führen würde, warum gehen Bayerns Eltern nicht längst auf die Barrikaden? Es gebe wichtigere Themen, meint Ursula Walther, Sprecherin des Bayerischen Elternverbandes (BEV) und stellvertretende Vorsitzende des Bundeselternrates. Bislang gebe es keinen Nachweis dafür, dass die Kinder schlechter lernten als zuvor. Walther verweist auf die Vorteile: Das freie Schreiben sei sehr motivierend. Auch Klaus Wenzel, Vorsitzender des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, ist von der Methode überzeugt – und führt als Beispiel seinen Enkelsohn an: Nur wenige Wochen nach der Einschulung habe er den Großeltern schon den ersten Brief geschrieben. „Diese Freude am Formulieren gab es vorher seltener“, sagt Wenzel.
Quer durch die Fachwelt zieht sich der Graben zwischen Befürwortern und Gegnern der derzeitigen Praxis. Der Didaktiker Hans Brügelmann, der die Methode früh propagiert hat, schreibt in einer Stellungnahme für den Grundschulverband und das bayerische Kultusministerium: Schreiben werde durch LdS als funktional und damit persönlich bedeutsam erlebt. Die Kinder lernten leichter den Zusammenhang zwischen Laut- und Schriftsprache als mit der Fibel. Anders als Reichen legt Brügelmann aber Wert darauf, dass die Kinder früh erfahren, dass es auch eine „Erwachsenenschrift“ gibt, und dass sie angehalten werden, selbst Regeln zu erkennen.
Demgegenüber stehen Experten wie Renate Valtin, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben, oder die Freiburger Erziehungswissenschaftlerin Christa Röber. In einem Fernsehinterview sagte Röber, die Methode komme „unterlassener Hilfeleistung“ gleich, viele Kinder machten in der fünften Klasse noch dieselben Fehler wie am Anfang. Das Schlimmste jedoch sei, dass immer mehr Kinder Mühe hätten, einen Text sinnentnehmend zu lesen. Der Bamberger Sprachwissenschaftler Helmut Glück hält LdS allenfalls sinnvoll für Sprachen, in denen die Laut-Buchstaben-Beziehungen weitgehend eindeutig seien, wozu das Deutsche nicht gehöre.
Die Bedeutung der Rechtschreibung ist in Zeiten von SMS und E-Mail scheinbar gesunken. Scheinbar – denn spätestens bei einer Bewerbung kann sie entscheidend sein. Dennoch spielen in der schulischen Praxis Diktate eine immer geringere Rolle, sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes und Schulrektor in Deggendorf. Zum Glück für manchen Gymnasiasten, denn, so beklagt der Philologenverband, die Rechtschreibleistungen seien in den vergangenen 20 Jahren deutlich gesunken. „’Lesen durch Schreiben’ ist da nicht die Hauptursache“, meint Meidinger.
Die Methodik sei dennoch kritisch zu sehen: An vielen Schulen werde zu lang daran festgehalten, Lernfortschritte starker Schüler würden künstlich verhindert, schwache Rechtschreiber zu spät als solche erkannt und gefördert. „In Sachen Chancengerechtigkeit ist das kein Ruhmesblatt“, so Meidinger. BLLV-Präsident Wenzel fordert, den Lehrern mehr Freiheit zu geben, nach welcher Methode sie unterrichten.
Die hätten sie schon jetzt, sagt Ludwig Unger, Sprecher im Kultusministerium – und plädiert für einen Mittelweg. Der Lehrer könne vermitteln, der Text sei richtig im Sinne der Wiedergabe von Gedanken, dass die eigentliche Schreibung aber anders sei. Derzeit ist eine Kommission mit der Erstellung eines neuen Lehrplans befasst, die Vorlage geht im Herbst in eine Expertenanhörung. (Anke Sauter)

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Kommentare (1)

  1. Grauwolf1949 am 23.06.2013
    Ich hoffe, dass sich wenigstens in Bayern die Vernunft durchsetzt. Es ist einfacher sofort,( beginnend mit wenigen Buchstaben) einfache Worte richtig zu schreiben als später verfestigte Fehler auszukorrigieren.
    Der alte pädagogische Grundsatz vom Einfachen zum Schwierigen , üben , wiederholen und festigen kann doch nicht plötzlich ganz falsch sein. Auch der verpönte Frontalunterricht kombiniert mit individueller Förderung sowohl leistungsschwacher wie besonders begabter Schüler ist aus meiner Sicht erfolgversprechender als jegliche methodische Experimente. Da man obendrein auch noch auf Bewertung mittels Zensuren verzichtet wird die Ergebnisse natürlich auch viel zu spät sichtbar.
    Ich würde begrüßen wenn sich in Bayern wieder ein erwiesenermaßen erfolgreiches Konzept durchsetzt. Es würde mich freuen, wenn Bayern diesen der pädagogischen Scharlatanen beweisen könnte, wie man erfolgreich unterrichtet. (Sei es durch Vergleich und Analyse der Schreibfähigkeiten 3. Klassen beider Lehrmethoden)

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