Politik

Der Angeklagte Harun P. (M) versteckt sein Gesicht hinter einem Umschlag. (Foto: dpa)

20.01.2015

Die Wut des Harun P.

Er soll mit Dschihadisten in Syrien das Gefängnis in Aleppo angegriffen haben. Der mutmaßliche Terrorhelfer steht darum in München vor Gericht.

Harun P. trägt eine ganze Menge Wut in sich. Wut über drei gescheiterte Berufsausbildungen, Wut darüber, dass sein Kind kurz nach der Geburt starb und die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin zerbrach. Eigentlich, so sagt der 27-Jährige, sei er ein friedlicher Mensch und reiße gerne Witze. Aber: "Wenn das zuviel ist, dann explodiere ich einfach", sagt er. "Ich haue mit der Faust gegen die Wand und fange das Brüllen an."
Harun P. muss sich seit Dienstag vor dem Oberlandesgericht München als mutmaßlicher Terrorist verantworten. Laut Bundesanwaltschaft ließ er sich von Oktober 2013 bis zum Frühjahr 2014 in einem Terrorcamp ausbilden - zur Vorbereitung auf "Mord oder Totschlag oder Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit", wie Bundesanwalt Bernd Steudl bei der Verlesung der Anklage sagt.
Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums sind allein aus dem Freistaat bislang schon etwa 50 Islamisten nach Syrien gereist, um sich dort an den Kämpfen zu beteiligen. Mindestens drei sind mutmaßlich ums Leben gekommen - 20 sind inzwischen wieder zurück in Bayern.
Harun P. habe in Syrien gemeinsam mit anderen im sogenannten "Deutschen Haus" der Terrororganisation "Junud Al-Sham" den Terror geübt, habe dem Umgang mit Waffen wie einer Kalaschnikow gelernt -und dieses Wissen beim Sturm auf das Gefängnis von Aleppo Anfang 2014, bei dem viele Menschen starben, auch genutzt. Harun P. sei "von der Möglichkeit, selbst zu kämpfen, begeistert" gewesen.

Der Angeklagte soll versucht haben, zum Mord an einer 16-Jährigen anzustiften

Außerdem soll der Angeklagte den Mord an einer 16-Jährigen vorgeschlagen haben, die aus Deutschland nach Syrien gekommen war, um einen Dschihadisten zu heiraten. Er habe Angst gehabt, so Bundesanwalt Steudl, sie könne seinen Aufenthaltsort verraten. Das Mädchen wurde von ihrer Familie aber wieder zurückgeholt, sie sei inzwischen wieder in Deutschland.
Im April 2014 dann kehrte auch Harun P. laut Anklage nach Europa zurück. Er wurde aber am Flughafen in Prag festgenommen und schließlich wegen gemeinschaftlichen Mordes, versuchter Anstiftung zum Mord und Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat in München angeklagt. Die Bundesanwaltschaft stützt ihre Anklage auch auf Chatprotokolle und Fotos, die Harun P. unter anderem per Whatsapp an Freunde verschickte.
Harun P. macht am Dienstag ausführliche Angaben zu sich, seinem Leben und dazu, wie er radikal wurde. Er wurde als Sohn afghanischer Einwanderer in München geboren, wuchs dort gemeinsam mit zwei Brüdern auf. Das Verhältnis zu dem sehr religiösen Vater sei "schlecht" gewesen. Als Kind sei er von ihm so lange geschlagen worden, "bis meine Mutter dazwischen ging".
Mitten in München ging er zur Schule, war da aber "aus Faulheit" nie sonderlich erfolgreich. Seine erste Freundin hatte er mit 13, ein paar Jahre später begann er nach eigenen Angaben, sich zu "ritzen", sich die Unterarme so tief aufzuschneiden, dass die Wunden genäht werden mussten. "Das ist ein Druckabbau für mich gewesen." Er bezeichnet sich als depressiv und gibt an, Nervenzusammenbrüche gehabt zu haben. Zu seiner Gewaltbereitschaft sagt er: "Wenn jemand meinen kleinen Bruder bedrohen täte, gäbe es schon eine Watschn dafür."
Er machte den Hauptschulabschluss, begann eine Ausbildung als Hotelfachmann, bei der er wegen Unpünktlichkeit rausflog - ebenso wie bei seiner dritten Ausbildung als Mechatroniker. Die zweite Ausbildung als Fachkraft für Schutz und Sicherheit in der Gebäudeüberwachung beendete er, weil ihm 200 Stunden Arbeit pro Monat zu viel waren. Mit 17, 18 Jahren, begann er, viel Alkohol zu trinken und Drogen zu nehmen - "die ganze Palette". Wie er das finanziert hat, will er nicht sagen. Er ist vorbestraft.

Sein Kind starb - "das hat irgendwie Hass und Zorn hochgehoben"

Als seine türkischstämmige Freundin schwanger wurde, hätten die beiden beschlossen, ihre Familien zu verlassen. "Der Plan war, abzuhauen", sagt Harun P. - aus Angst vor einem "Donnerwetter". Das Kind kam viel zu früh und starb wenig später. "Das hat schon irgendwie Hass und Zorn hochgehoben", sagt er. "Hass auf alles."
Irgendwann um das Jahr 2012 zerbricht die Beziehung. "Mir ging es wirklich sehr, sehr schlecht", sagt Harun P. Er habe dann gedacht: "Bete wenigstens, oder lies mal den Koran." Er begann nach eigener Aussage, sich Internet-Videos salafistischer Hassprediger anzusehen, nahm an Demonstrationen teil - und kam in Kontakt mit der inzwischen verbotenen islamistischen Vereinigung Millatu Ibrahim. Er heiratete, die Ehe hielt aber nur einige Monate.
Er habe sich von den radikalen Muslimen wertgeschätzt gefühlt. "Sonst war ich nichts Halbes und nichts Ganzes. Als Deutscher wurde ich nicht anerkannt und als Afghane wurde ich auch nicht anerkannt", sagt er. Und: "Es sind gute Argumente."
Im Herbst 2013 reiste er schließlich nach Syrien - um den Ungerechtigkeiten des Assad-Regimes ein Ende zu machen, wie er sagt. "Da werden Frauen vergewaltigt oder Menschen lebendig beerdigt. Wenn da einer sagt, das ist Ungerechtigkeit, dann sehe ich das genau so."
Ein Grund für die Reise war auch, dass der vorbestrafte Angeklagte befürchtete, ins Gefängnis zu müssen. Noch auf Bewährung hatte er Plakate des Rechtspopulisten und späteren Drahtziehers der Islamgegner von Bagida, Michael Stürzenberger, abgerissen und ihn bedroht. "Ich habe ihn bedroht, dass ich ihm den Kopf abschneiden werde", sagt Harun P. Das sei aber "ein schlechtes Argument" gewesen. (Britta Schultejans, dpa)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 42 (2017)

Sollen Arbeitnehmer das Recht haben, auf eine 28-Stunden-Woche zu reduzieren?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 20. Oktober 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Jürgen Wechsler, Bezirksleiter IG-Metall Bayern

(JA)

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.