Politik

Ist als „zorniger Liberaler“ auf Krawall gebürstet – das sagt Bayerns FDP-Chef Albert Duin über sich selbst. (Foto dpa)

05.09.2014

"Dieser Memmenstaat macht mich wahnsinnig"

Bayerns FDP-Chef Albert Duin über die blamablen Niederlagen bei den Wahlen, Christian Lindners Nachholbedarf und die Zukunft der bayerischen FDP

Nach dem Ausscheiden aus dem Dresdner Landtag ist die FDP in keiner Landesregierung mehr vertreten. Seit 2011 scheiterte sie bei sieben Landtagswahlen – auch in Bayern. Im November 2013 wurde der Unternehmer Albert Duin neuer Landeschef der Liberalen. Die Idee zu kandidieren entstand damals spontan auf dem Weg zum Parteitag. Gerade macht er Urlaub in Spanien – durchs Telefon tönt Meeresrauschen.

BSZ: Herr Duin, hat Ihnen der vergangene Sonntag die Urlaubsstimmung vermiest?
Albert Duin: Das Ergebnis trifft mich echt. Gerade die FDP in Sachsen hat eine hervorragende Arbeit geleistet. Parteichef Zastrow ist ein super Mann, der als Mittelständler die FDP überzeugend vertreten hat.

BSZ: Zastrow hat sich mit seinem Wirtschaftsliberalismus von der Bundes-FDP abgegrenzt. Ein Fehler?
Duin: Nein, das hatte keine Auswirkungen. Denn die Wähler sehen das nicht so differenziert.

BSZ: Was macht die FDP falsch?
Duin: Wir müssen jetzt ganz klare  Positionen beziehen und dürfen uns nicht intern streiten. Wir haben einen Bundesvorsitzenden, den ich in vielen Dingen hervorragend finde. In manchen Dingen noch nicht. Aber auch das wird noch kommen. Wir werden uns hinter ihm vereinen müssen, um die FDP wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

BSZ: Begeisterung klingt anders. Wo hat Christian Lindner denn noch Nachholbedarf?
Duin: Ein Problem ist, dass er auch im Landtag in NRW sitzt und seine Arbeitskraft deshalb aufteilen muss. Dazu kommt die schwere Aufgabe, die Strömungen innerhalb der  FDP unter einen Hut zu bringen. Da habe ich es einfacher, ich kann in Bayern einfach sagen, was ich will.

BSZ: Und? Was wollen Sie?
Duin: Mich macht dieser Memmenstaat, der für alles sorgt, wahnsinnig. Davon müssen wir weg. Aber viele Leute fühlen sich ja wohl in dieser Hängematte. Noch hat keiner begriffen, dass zukünftige Generationen das mal bezahlen müssen.

BSZ: Sind Sie also ein Vertreter des Wirtschaftsliberalismus alten Stils, den Lindner bekämpfen will?
Duin: Als mittelständischer Unternehmer bin ich automatisch ein bisschen Wirtschaftsliberaler – aber mit einem großen sozialen Herz. Doch es gibt Grenzen. Für alles haben die Leute Geld – für ein Auto, einen Fernseher oder den Urlaub. Aber wehe, sie haben Kopfschmerzen. Dann gehen Sie zum Arzt, um ein Rezept für ein kostenloses Medikament zu bekommen. Diese Sucht nach Alimentierung ist mittlerweile Wahnsinn.

BSZ: Kopfschmerztabletten gibt’s nicht auf Rezept...
Duin: Sie wissen genau, was ich meine. Die Menschen müssen endlich wieder erkennen, dass sie Eigenverantwortung tragen müssen. Nehmen Sie die Kinderkrippen. Überall werden planlos Krippen gebaut. Die haben von 8 bis 17 Uhr geöffnet – das entspricht nicht unbedingt den Arbeitszeiten der Eltern. Ich stelle das staatliche Kinderkrippensystem in Frage. Eltern sollten für die ersten drei Jahre 500 oder 600 Euro bekommen und dann selber entscheiden, ob sie zum Beispiel eine Tagesmutter oder eine private Kinderkrippe in Anspruch nehmen oder selbst eine gründen. Das wäre liberal.

BSZ: Eine Vollzeit-Tagesmutter wird mehr kosten. Glauben Sie tatsächlich, die Menschen, die laut Umfrage in der Mehrheit die FDP für  verzichtbar halten, so wiederzugewinnen?
Duin: Umfragen sagen: Rund 30 Prozent der Bürger wollen nicht auf eine liberale Partei verzichten. Aber warum sollten die Menschen jetzt Änderungen wollen? Es läuft doch scheinbar so hervorragend: Der Arbeitsmarkt ist fast zu, und allen geht’s gut. Wir können im Moment nicht damit punkten, indem wir sagen, was alles schlecht läuft. Wir müssen den Menschen aufzeigen, was in Zukunft schlecht laufen wird, weil die Weichen jetzt falsch gestellt sind.

BSZ: Aber Angriffsfläche bieten doch sowohl die Berliner Koalition als auch die CSU genug für Sie: Mindestlohn, Rente mit 63, Pkw-Maut, der Rücktritt Haderthauers.
Duin: Diese falsche Politik regt mich auf, ich bin da wirklich auf Krawall gebürstet. Und ich reise viel durch Bayern. Aber wie viele Leute kann ich im Jahr damit erreichen. 5000? 7000? Medial finden wir kaum mehr statt. Ich müsste mal in eine ordentliche Talkshow eingeladen werden, damit mich die Leute kennenlernen. Als „zorniger Liberaler“ möchte ich den Leuten klarmachen, dass irgendwann die staatliche Hängematte unter dem Arsch auseinanderreißt.

BSZ: Und Sie glauben tatsächlich, dass die Menschen das irgendwann erkennen und deshalb FDP wählen?
Duin: Ich hoffe, dass sie es bis zur Bundestagswahl 2017 erkennen. Spätestens 2021 werden sie es. Dann werden die Probleme nicht mehr zu übersehen sein, dann ist auf alle Fälle Polen offen.

BSZ: Wenn Sie bis dahin nicht von der AfD abgelöst wurden, die in den Startlöchern steht, um das Erbe der FDP anzutreten. Beunruhigt Sie das?
Duin: Die bei der AfD sind doch nicht mehr ganz frisch, ich kann mit denen gar nichts anfangen. Deren Vorsitzender Lucke hat vom richtigen Leben keine Ahnung und fischt am rechten Rand. Sollten sie es aber tatsächlich schaffen, uns generell abzulösen, dann ist das Volk eben nicht mehr bereit, liberal zu denken. Dann will es geführt werden – in welche Richtung auch immer.

BSZ: Sie haben die bayerische FDP nun zur Mitmachpartei ausgerufen. Was heißt das konkret?
Duin: Nicht nur Delegierte, sondern alle Mitglieder sollen künftig Vorsitzende und Spitzenkandidaten bestimmen können. Und sie sollen mehr mitreden können. Im November steht dazu die Satzungsänderung an.

BSZ: Jeder darf künftig mitreden? Bei den Piraten ging das schon schief.
Duin: Natürlich werden dann manche mitreden, die man gar nicht hören will. Aber das müssen wir aushalten können. Und die Piraten haben eine andere Struktur. Bei uns wird der Parteitag weiterhin aus einer festen Zahl von Delegierten bestehen. Aber Rederecht, Antragsrecht und solche Dinge gibt es dann für alle Mitglieder.

BSZ: Haben Sie es eigentlich schon mal bereut, spontan auf dem Parteitag im Herbst 2013 für den Landesvorsitz kandidiert zu haben?
Duin: Nein, anfangs hatte ich Angst davor, mit wem ich da alles so im Landesvorstand zusammenarbeiten muss. Aber die war schnell weg, denn das hat sich positiv entwickelt.

BSZ: Und wollen Sie weitermachen?
Duin: Nächstes Jahr könnte der neue Vorsitzende erstmals durch die Mitglieder bestimmt werden. Und nach heutigen Gesichtspunkten werde ich wieder antreten. Statt mehr Golf zu spielen, habe ich nun ein neues Hobby: die FDP. Dafür geht zwar bis zu 70 Prozent meiner Zeit drauf, aber es macht unglaublich Spaß.
(Interview: Angelika Kahl)

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Kommentare (1)

  1. Super Horsti am 15.09.2014
    Endlich einmal ein Politiker, der die Wahrheit sagt: "Der Kaiser hat keine Kleider an, er ist nackt!"

    "Mich macht dieser Memmenstaat, der für alles sorgt, wahnsinnig. Davon müssen wir weg. Aber viele Leute fühlen sich ja wohl in dieser Hängematte. Noch hat keiner begriffen, dass zukünftige Generationen das mal bezahlen müssen!"

    Jetzt muß Schluß sein mit der sozialen Hängematte. Die Krankenversicherung sollte komplett privatisiert werden. Die Sozialleistungen müssen auf Hilfe zur Selbsthilfe beschränkt werden. Arbeitslose müssen gemeinnützige Arbeiten verrichten: Essen ausgeben in Suppenküchen und Senioren den Hintern abwischen im Altenheim. Wer ein zu feines Näschen hat kann sich künftig seine Lebensmittel von der Tafel holen. Durch die Einsparung überflüssiger Leistungen und die Aktivierung von Faulenzern können die Steuern enorm gesenkt werden.

    Wenn die FDP das hinbekommt, dann wähle ich sie auch

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