Politik

Kinder aus Afghanistan warten an der deutsch-österreichischen Grenze darauf, registriert und zu einer Flüchtlingsunterkunft in Freilassing gebracht zu werden. (Foto: dpa)

21.09.2015

Eine ganze Stadt im Einsatz

Freilassing ist zum Schauplatz der Flüchtlingsfrage geworden. Die Kommune mit 16000 Einwohnern rückt in der Krise zusammen

Josef Flatscher hat seit kurzem einen neuen Spitznamen: "Bürgermeister der größten Stadt Südostbayerns" würden Kollegen ihn mittlerweile nennen, sagt der 59-Jährige. Dabei ist der CSU-Politiker eigentlich nur Rathaus-Chef einer 16 000-Seelen-Stadt an der Grenze zu Österreich. Seitdem die Bundesregierung am Sonntag vorvergangener Woche Grenzkontrollen angeordnet hat, ist Freilassing jedoch für viele Flüchtlinge der Ort, an dem sie zum ersten Mal deutschen Boden betreten. In Freilassing ist seitdem nur wenig, wie es war.

Es sind Tausende, die täglich kommen. Vergangenen Mittwoch waren es laut Bundespolizei im Bereich Rosenheim 4500, Donnerstag 3700, Freitag 2000, Samstag 1250 und Sonntag 1300 "unerlaubt eingereiste Personen". Mehr als 16 000 seit Wiedereinführung der Grenzkontrollen - immer mit Schwerpunkt Freilassing. Deshalb: Josef Flatscher, "Bürgermeister der größten Stadt Südostbayerns". Dabei bleibt kaum ein Flüchtling länger als ein paar Stunden in der Stadt.

Wochenlange Reise, viele Tage ohne Schlaf

Um die Geflüchteten zu versorgen, ist die ganze Stadt im Einsatz: Bayerisches Rotes Kreuz, Caritas, Malteser, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk bieten vor allem strukturelle Hilfe. Ehrenamtler verteilen am Bahnhof und in einer Erstaufnahme Lebensmittel, Kleidung und Decken. Viele Menschen erreichen die Stadt mit dem Zug. Sie werden nach einer kurzen Registrierung auf ganz Deutschland verteilt. Viele kommen jedoch auch zu Fuß - nach wochenlanger Reise und Tagen ohne Schlaf. Sie queren die Grenze auf der

Es sind Menschen wie Taiseer aus Syrien, die Sonntagabend unter der Saalach-Brücke sitzen und auf die Kurz-Registrierung durch die Bundespolizei warten. Taiseer, 22 Jahre alt, hat seine Familie zurückgelassen und träumt davon, sein Studium der Elektrotechnik in Deutschland fortzusetzen. Er schildert die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland. 45 Menschen auf einem acht Meter langen Boot, vier Stunden unterwegs, mitten in der Nacht. "Very dangerous", sagt Taiseer, sehr gefährlich. 1200 Euro habe er für die Überfahrt zahlen müssen, seine gesamten Ersparnisse. Natürlich, das seien Kriminelle gewesen. Aber hatte er eine Wahl? 

Geschichten wie diese hört man dutzendfach in Freilassing. Menschen zeigen Videos auf dem Handy, wie sie in der Fußgängerzone von Belgrad auf nacktem Stein schlafen, in Mazedonien direkt neben den Schienen campieren und in Ungarn im Freien übernachten, umzäunt und behandelt fast wie Tiere. Viele Kinder sind dabei, wenige Alte. Alle träumen von einem Leben in Sicherheit. "The first point is to be safe", sagt Taiseer.

Es wird jetzt auch immer kälter

Jetzt sind sie zwar in Sicherheit, aber auch im Kalten. Der September neigt sich dem Ende, die Luft ist nasskalt, es hat keine zehn Grad mehr. Unter der Brücke werden weiße Decken verteilt, so dünn wie Servietten. Viele der Flüchtlinge warten seit Stunden darauf, dass es vorangeht. Taiseer holt Studentenfutter aus der Tasche - er möchte teilen, was er hat.

Doch Taiseer erzählt nicht nur, er fragt auch: Warum Deutschland die Menschen aus Syrien willkommen heiße? Was der wahre Grund sei? 

Der Grund für die Hilfe vieler Menschen in Freilassing rührt zwei Jahre zurück. Egal, mit wem man spricht, irgendwann ist die Rede vom Saalach-Hochwasser von 2013, das Teile der Stadt unter sich begraben hatte. Ein Ereignis, das die Stadt geprägt hat. 

Das Hochwasser vor zwei Jahren hat viele Einwohner sensibilisiert

Sie habe damals gespürt, wie es ist, auf Hilfe angewiesen zu sein, sagt eine der Organisatoren von "Freilassing hilft", die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Mit dem Hochwasser im Gedächtnis habe man gewusst, "dass wir gut aufgestellt sind", sagt der Sprecher des Landratsamtes Berchtesgaden, Andreas Bratzdrum. "Man spürt, dass alle an einemStrang ziehen." Und der Bürgermeister?Auch Flatscher, seit fast 17 Jahren im Amt, verweist auf das Unwetter: "Diese Menschen, die dort geholfen haben, helfen jetzt auch wieder - und es sind vielleicht noch mehr." 

Flatscher weiß jedoch auch, dass es so nicht ewig weitergehen kann. "Ich gehe davon aus, dass wir das eine bestimmte Zeit schaffen, aber die Frage ist, wie lange." Beantworten kann er diese Frage nicht. (Michel Winde, dpa)

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