Politik

07.06.2013

Einsatz am Wickeltisch

Bayerische Väter nehmen am häufigsten eine Auszeit für die Kinder - die meisten allerdings nur für zwei Monate

Bayerns Papas sind spitze: Der Anteil der Väter, die sich für Elternzeit entscheiden, ist im Freistaat im bundesweiten Vergleich am höchsten. Seit 2007 gibt es das Elterngeld. Die Höhe bemisst sich nach dem vor der Geburt erzielten Einkommen: Bis zu 67 Prozent kann der Vater oder die Mutter monatlich erhalten, jedoch nicht mehr als 1800 Euro. 300 Euro gibt es unabhängig von einer vorherigen Erwerbstätigkeit. Nimmt nur ein Elternteil die staatlich bezahlte Elternzeit, hat er zwölf Monate Anspruch. Beteiligt sich der Partner oder die Partnerin mit mindestens zwei Monaten, werden die Zahlungen auf 14 Monate verlängert. Seit 2011 gilt zudem: Familien mit mehr als 500 000 Euro Jahreseinkommen erhalten kein Elterngeld. Bei Hartz-IV-Empfängern aber wird es als Einkommen angerechnet.
Ein erklärtes Ziel bei Einführung des Elterngeldes war, Väter verstärkt in die Familienarbeit einzubinden und ihnen mehr Zeit mit dem Nachwuchs zu verschaffen. Und tatsächlich nehmen immer mehr Väter sich eine Auszeit vom Job. Bundesweit liegt die Väterquote bei 27,3 Prozent, Tendenz leicht steigend. In Bayern indes ist man(n) dem  weit voraus, denn hier bleiben laut Bundesamt für Statistik 35,8 Prozent der Männer eine Zeitlang zu Hause. Nur Sachsen weist ähnlich hohe Zahlen auf. Schlusslicht ist das Saarland.
Groß ist denn auch der Jubel bei Landesfamilienministerin Christine Haderthauer (CSU): „Bayerische Väter wollen das Leben ihres Kindes selber prägen, möglichst von Anfang an, und zwar im Alltag und nicht nur am Wochenende oder bei besonderen Gelegenheiten. Familienväter sind auf dem Vormarsch“, lobte sie die Männer im Freistaat. Sie seien bundesweit „ein ganz wichtiger Signalgeber“. Ein größeres Geschenk als ihre Zeit und Zuwendung könnten Väter ihren Kindern gar nicht geben.
An der Spitze der  Regierungsbezirke in puncto Vätereinsatz am Wickeltisch liegt die Oberpfalz mit 37,8 Prozent. Im Landkreis Cham nimmt sogar fast jeder zweite Mann mit Baby Elternzeit (46,2 Prozent). Franz Löffler, Landrat in Cham und Bezirkstagspräsident der Oberpfalz, freut sich über die positive Entwicklung und führt diese vor allem auf die Wirtschaftsstruktur in Landkreis zurück.

Eine Auszeit für Väter wird nicht mehr in Frage gestellt

„Viele Unternehmen sind familiengeführt. Durch das gute Verhältnis zwischen Unternehmensführung und Mitarbeitern können Wünsche auf Elternzeit flexibel gehandhabt werden“, so Löffler. Zudem seien Fachkräfte gesucht. Da kommt ein Arbeitgeber dem Personal eher mal entgegen. „Die bayerischen Unternehmen wissen, dass im Wettbewerb um Fachkräfte familienfreundliche Maßnahmen ein gutes Argument sind“, sagt Betram Brossardt, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Wirtschaft (vbw).
„Das ist eine beachtliche Entwicklung: Bei Einführung der Väterzeit gab es so viele Bedenken, und heute ist das eine Selbstverständlichkeit“, sagt Elfriede Kerschl, zuständige Referentin bei der IHK München und Oberbayern. Unabhängig von der Größe der Unternehmen sei die Auszeit für Väter überall gut angekommen und werde nicht mehr in Frage gestellt. „So ist es, so wird’s gemacht“ – diese Haltung herrsche vor. Und manche Unternehmen animierten ihre Mitarbeiter sogar, sich die Zeit für den Nachwuchs zu nehmen.
Ungeachtet des Lobes haben die Väter noch erhebliches Potenzial. Nach wie vor sind es in der Regel die Frauen, die ganz selbstverständlich zu Hause bleiben. Gerade in Bayern ist der Anteil der Väter, die nur die Mindestelternzeit von zwei Monaten nehmen, um die Bezugsdauer auf 14 Monate zu verlängern, bundesweit mit 83 Prozent am höchsten. Der Grund liegt auf der Hand: Da Männer nach wie vor meist mehr verdienen, können sich die Familien den Verdienstausfall des Vaters nicht so lange leisten. Die Statistiker stellten fest: Während es bei Frauen hinsichtlich der Bezugsdauer keine nennenswerten Unterschiede gibt, ob diese vor der Geburt des Kindes erwerbstätig waren oder nicht, haben Väter, die vor der Elternzeit einen Job hatten, im Schnitt eine deutlich geringere Bezugsdauer als Väter, die zuvor nicht erwerbstätig waren. Dieser Zusammenhang macht sich je nach wirtschaftlicher Situation unterschiedlich bemerkbar. So war die Bezugsdauer in Berlin, wo es relativ viele nicht erwerbstätige Väter gibt, im Schnitt länger.
Solange Frauen in der Berufswelt benachteiligt sind, werde es beim Ungleichgewicht bleiben, meint Verdi-Sprecher Hans Sterr, der zuversichtlich ist, dass die verzweifelte Suche der Wirtschaft nach Fachkräften den Wandel bringen wird. Um das Ganze zu beschleunigen, würde Verdi das „norwegische Modell“ gutheißen: Beide bleiben gleich lange zu Hause, sonst gibt es kein Elterngeld. In Norwegen werde die Auszeit auch finanziell besser aufgefangen, so dass der Anreiz für Männer, möglichst schnell an den Arbeitsplatz zurückzukehren, nicht so hoch sei.
Mehr Zeit mit dem Kind sei immer zu begrüßen, findet auch Bettina Messinger, Frauensekretärin bei Verdi Bayern. Aber ob die Männer tatsächlich immer dieselben Pflichten übernehmen wie die Frauen,  bezweifelt sie: „Ich vermute, dass viele die zwei Monate parallel mit der Mutter des Kindes nehmen, so dass beide Eltern zu Hause sind.“ Dann kümmert sich die Frau um Wickeln, Waschen, Füttern, der Mann verbringt etwas Zeit mit dem Kind und schaltet am Nachmittag den Laptop ein.
Um noch mehr Anreize zu schaffen, hat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU)  2011 eine Verlängerung der Partnermonate gefordert, jedoch einen Rückzieher gemacht. Haderthauer plädiert dafür, „den finanziellen Schonraum für die Babyzeit, der durch das Elterngeld auf ein Jahr verkürzt wurde, wieder auszuweiten“. Das Elterngeld sollte aus ihrer Sicht von 14 auf 18 Monate verlängert werden – mit vier statt zwei Partnermonaten. „Das gehört ins gemeinsame Unionswahlprogramm, wenn wir moderne Familienpolitik fortsetzen wollen“, so Haderthauer. Das Programm wird für Ende Juni erwartet. IHK-Expertin Kerschl hätte keine Bedenken gegen die Realisierbarkeit. Sie betont aber: „Eine Forderung der bayerischen Unternehmen ist das sicher nicht.“ (Anke Sauter)

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