Politik

Klingt lustig, ist aber gefährlich - immer öfter auch in Bayern: Die Rockergang Bandidos. (Foto: dpa)

08.06.2012

Engel, Banditen, Vogelfreie

Auch in Bayern sind diverse Rockerbanden aktiv die Polizeigewerkschaft stuft die Situation als „ernst“ ein

Es war eine offenkundige Provokation: Rund 150 Mitglieder des Motorradclubs Hells Angels feierten im August 2010 in einer Augsburger Disco – mitten im Revier der konkurrierenden Rockergang Outlaws. Die Reaktion der Outlaws ließ nicht lange auf sich warten: Im Stadtzentrum trafen Dutzende Höllenengel und zahlreiche Mitglieder der Outlaws aufeinander. Nur mit einem riesigen Personaleinsatz konnte die Polizei eine Massenschlägerei verhindern.
Bislang sind solche Szenen im Freistaat die Ausnahme. Es gebe eine „gewisse Anzahl an Straftaten“, die auf das Konto der Rockerbanden gehe, heißt es im bayerischen Innenministerium. Ein Teil der Mitglieder von Motorradclubs sei in der organisierten Kriminalität aktiv. „Hier ist etwa der Drogenhandel, aber auch die illegale Prostitution zu nennen“, sagt ein Ministeriumssprecher. Zudem komme es zu Verstößen gegen das Waffengesetz oder Körperverletzungen. „Die Zahl der Delikte ist 2011 gestiegen, bewegt sich jedoch noch auf relativ niedrigem Niveau“, erläutert der Sprecher. Für ihn ist klar: „Die Gefahr ist nicht zu unterschätzen, ein Anlass zur Panik besteht jedoch nicht.“

Bayerns Innenministerium erwägt Verbote von Banden


Bereits 2009 hatte der bayerische Verfassungsschutz vor „Expansionsbestrebungen rivalisierender Rockergruppen“ gewarnt. Kurz zuvor hatte sich ein Hofer Motorradclub den Hells Angels angeschlossen. Schwerpunkte der Aktivitäten der großen Motorradgangs in Bayern sind laut Hermann Benker, Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DpolG), der Großraum Nürnberg, die Oberpfalz sowie Augsburg.
Laut Innenministerium haben die vier „polizeirelevanten Rockergruppierungen“ Hells Angels, Bandidos, Outlaws und Gremium MC in Bayern rund 1400 Mitglieder. Das Landeskriminalamt (LKA) verzeichnet 140 Mitglieder der Hells Angels und 220 Anhänger der Bandidos. Hinzu komme „eine größere Anzahl an Unterstützern“ aus eigenständigen Vereinen.
Nach Ansicht von Polizeigewerkschafter Benker ist die Situation „ernst“. Ein direktes Gefahrenpotenzial für die bayerische Bevölkerung gebe es derzeit aber nicht. „Dank der guten und konsequenten Polizeiarbeit hat es im Freistaat bislang keine Gewaltsausbrüche wie etwa jüngst im Ruhrpott oder in Berlin gegeben.“ Bayerns LKA beurteilt die Situation im Freistaat ähnlich. Die Gewaltbereitschaft der Clubs sei südlich des Mains weit geringer als in vielen anderen Bundesländern.

Tote und Verletzte nach Schießerei


In weiten Teilen Norddeutschlands und in Nordrhein-Westfalen tobt dagegen seit Jahren ein brutaler Bandenkrieg. Dabei geht es um die Aufteilung lukrativer Geschäfte – etwa im Rotlichtmilieu. Sogar vor dem Einsatz von Schusswaffen und dem Bau von Sprengsätzen schrecken manche Mitglieder der Motorradgangs nach Polizeiangaben nicht zurück. Die Bilanz: zahlreiche Verletzte und sogar mehrere Tote.
Seit dieser Woche stehen vor allem die Hells Angels wieder einmal im Fokus der Öffentlichkeit: Gleich in zwei Städten laufen Prozesse gegen Anhänger der Motorradvereinigung. Die Vorwürfe reichen von Zuhälterei bis Mord. In Kaiserslautern hat jetzt ein Clubmitglied gestanden, einen Rivalen erstochen zu haben. In dem zweiten Fall, der das Kieler Landgericht gerade beschäftigt, geht es unter anderem um die Leiche eines Mannes, der angeblich von Hells Angels gefoltert, getötet und dann in das Fundament einer Lagerhalle eingemauert worden sein soll.
In Brandenburg und Berlin wurden nach Razzien jüngst mehrere Polizisten bedroht. „In Bayern gibt es so etwas Gott sei Dank nicht“, sagt Helmut Bahr, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP).
Ähnlich wie in anderen Bundesländern denkt das bayerische Innenministerium gleichwohl über Verbote von einzelnen Gliederungen der Rockerbanden nach. Ob es bereits konkrete Pläne gibt, wollte ein Sprecher jedoch nicht verraten.
Die in die Kritik geratenen Motorrad-Vereinigungen können generelle Verbotsforderungen nicht nachvollziehen. „Sicher gibt es auch bei uns einzelne schwarze Schafe. Aber warum sollen dafür alle Mitglieder be-
straft werden?“, fragt ein Sprecher der Bandidos. Es käme ja auch keiner auf die Idee, wegen einzelner krimineller Anhänger einen ganzen Fußballverein zu verbieten. (Tobias Lill)

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