Politik

Bunte Aufsätze für E-Zigaretten. (Foto: Getty)

30.05.2014

Erdbeersüße Giftschleudern

Während Bayerns Direktoren E-Zigaretten an Schulen nicht als großes Problem sehen, sind Eltern und Politiker alarmiert

Wie gefährlich sind E-Zigaretten und E-Shishas? Und: Sind sie ein Problem an Bayerns Schulen? Wehret den Anfängen, meinen Eltern, Lehrer und Politiker – und fordern dringend eine gesetzliche Regelung für etwas, das bislang völlig durchs Raster fällt.
Die SPD hat einen Antrag im Landtag eingebracht, wonach dieser Rauchwarenersatz schon zum nächsten Schuljahr in den Schulordnungen verboten werden soll. „E-Shishas sehen harmlos aus, schmecken süß nach Erdbeere oder Schokolade, wir wissen aber derzeit nicht, ob sie gefährlich sind“, erklärt SPD-Gesundheitsexpertin Kathrin Sonnenholzner. Zugleich zitiert der SPD-Antrag das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg, das vor gesundheitlichen Risiken warnt. Da die großen Tabakkonzerne in Kürze die Einführung von E-Zigaretten an Zigarettenautomaten planten und somit eine großangelegte Werbekampagne zu erwarten ist, müsse dringend gehandelt werden.
Die effektivste und einfachste Möglichkeit, das Problem in den Griff zu bekommen, sieht die SPD in einer Änderung der Schulordnungen für die einzelnen Schularten. Von vielen Menschen unbemerkt, werden auch in Deutschland immer mehr E-Zigaretten verkauft, in Bars und Kneipen kann man E-Shishas rauchen. Und das völlig ohne Einschränkung: Denn da beim Konsum kein Rauch, sondern Dampf entsteht, gelten die bestehenden Nichtraucherschutzgesetze hierfür nicht.
Die meisten erwachsenen Konsumenten geben an, E-Zigaretten vor allem als Mittel einzusetzen, um vom Rauchen wegzukommen. Kritiker befürchten, für Jugendliche könnten sie den gegenteiligen Effekt haben. Eine elektrische Zigarette besteht meist aus einem Akku und einem Verdampfer, dazu braucht man ein Liquid, das unterschiedliche Substanzen enthalten kann – auch Nikotin.
Gewiss enthielten E-Zigaretten nicht tausende giftige und krebserzeugende Substanzen wie herkömmliche Zigaretten, räumt das Deutsche Krebsforschungszentrum in einer Broschüre zum Thema ein. Harmlos seien sie dennoch nicht: Der Benutzer atme eine atemwegreizende Substanz ein, die allergische Reaktionen auslösen könne, außerdem in der Regel giftiges, abhängig machendes Nikotin sowie zum Teil krebserregende Substanzen.

Besorgte Eltern gehen auf die Barrikaden


Oft wiesen E-Zigaretten zudem Produktmängel auf, es gebe keine geeignete Qualitätskontrolle. Das Krebsforschungszentrum empfiehlt, ebenso wie die Europäische Kommission, E-Zigaretten bei der Neufassung der Europäischen Tabakproduktrichtlinie als Arzneimittel einzustufen und den Verkauf damit stark zu regulieren.
Karl-Heinz Bruckner, Vorsitzender der Vereinigung der Direktoren der bayerischen Gymnasien, sieht die Sache momentan eher gelassen. Weder an seiner Schule in Nürnberg noch an anderen Gymnasien seien bislang Schüler durch den Konsum von E-Zigaretten oder Shishas aufgefallen. „Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass sich Schüler rausschleichen und draußen so etwas konsumieren“, so Bruckner. Dafür gebe es gegebenenfalls aber strenge Sanktionen. Denn, so der Oberstudiendirektor, „nicht alles, was nicht in der Schulordnung steht, ist auch erlaubt.“ Auch andere Drogen wie Alkohol, Cannabis oder Crystal Meth würden nur sehr selten zum Problem. Sorgen bereitet ihm hingegen das an jeder Schule vorhandene Phänomen der Magersucht.
Die organisierten Eltern von schulpflichtigen Kindern hingegen sind alarmiert und gehen auf die Barrikaden. Ernst Fricke, Vorsitzender der Elternvereinigung an den Gymnasien und Realschulen der Orden und anderer freier katholischer Schulträger in Bayern und Mitglied des wissenschaftlichen Kuratoriums der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, gingen die Augen auf, als er seinen 14-jährigen Sohn auf das Thema ansprach. „Ja, Papa, da müssen wir drüber reden“, habe dieser gesagt – und ihn auf einen Tabakladen schräg gegenüber seines Gymnasiums hingewiesen.
Er selbst habe sich vom „überquellenden Angebot von E-Zigaretten und Shishas“ überzeugt, die ohne Einschränkung auch an Jugendliche abgegeben würden. In einer benachbarten Bar habe er zwei 14-jährige Mädchen beim Shisha-Rauchen angetroffen – „mit glasigen Augen“. „Wir Eltern sind ja blöd, wir machen uns nur Sorgen ums G8 und übersehen so eine gesundheitliche Gefährdung für unsere Kinder“, sagt Fricke. Er jedenfalls blieb nicht untätig, unterrichtete andere Elternverbände und wandte sich an Politiker auf Bundes- und Landesebene.
Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) hat sich zu der Problematik bereits im April geäußert. Auch sie sieht es als Problem an, dass es keine gesetzlichen Vorgaben zu den Inhaltsstoffen gibt. „Wer eine E-Shisha raucht, weiß nicht, welches Chemikaliengemisch er da inhaliert“, so Huml. Sie begrüße den Vorstoß der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler (ebenfalls CSU). Diese hatte gefordert, die Gesetzeslücke hinsichtlich „elektronischer Nikotinprodukte“ bei der anstehenden Novellierung im Jugendschutzgesetz zu schließen. Man brauche aber keine „Schnellschüsse“, kritisierte Huml den SPD-Antrag.
Und das Kultusministerium meint, der schnellste Weg, die Sache an Schulen zu regeln, sei ein kultusministerielles Schreiben an die Schulen. Darin würden die Schulleiter darauf hingewiesen, dass die Schulordnung mit dem Verbot „gefährlicher Gegenstände“ bereits jetzt ein Verbot von E-Zigaretten und Shishas ermögliche. „Dass es sich hier um eine Einstiegsdroge handelt, liegt auf der Hand“, so ein Sprecher. Das Schreiben gehe noch im Juni raus. In den Schulordnungen seien auch Zigaretten nicht explizit erwähnt, da diese über das Gesundheitsschutzgesetz an Schulen verboten seien. „Eine Änderung des Gesetzes ist aus unserer Sicht empfehlenswert“, so der Sprecher. Denn nur so kann auch der Verkauf an Minderjährige eingeschränkt werden. (Anke Sauter)

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