Politik

Am 27. Januar sprach er im bayerischen Landtag: Der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer. (Foto: dpa)

05.02.2015

Erinnern als Lebensaufgabe

Mehr als zwei Jahre war Max Mannheimer in Konzentrationslagern gefangen. Seine Mahnung an die junge Generation: Die Nazi-Barbarei dürfe sich nie wiederholen. Am Freitag wird er 95 Jahre alt

Max Mannheimer hat überlebt. Theresienstadt, Auschwitz und Dachau. Als Zeuge dieser grauenvollen Zeit berichtet Mannheimer seit 30 Jahren, was in den Konzentrationslagern der Nazis geschehen ist. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Erinnerung wachzuhalten. Am 6. Februar wird Mannheimer, der in der Nähe von München lebt, 95 Jahre alt. Und er berichtet unermüdlich weiter, mehrmals in der Woche erzählt er Schülern, Studenten oder anderen Gruppen seine Geschichte.
Eine Geschichte, die so grausam ist, dass er sie bei Vorträgen "emotionslos erzählen muss", wie er der sagt. Denn: "Sonst trauen sich die Leute nicht zu fragen." Mannheimer sucht aber das Gespräch mit den Menschen und will gefragt werden. Hass oder ein Verlangen nach Rache sind ihm fremd. Versöhnen will er und mahnen. Die Schüler von heute seien zwar nicht verantwortlich für das, was damals geschehen ist - aber dafür, dass es sich nicht wiederhole.
Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar sprach Mannheimer, der Präsident der Lagergemeinschaft Dachau und Vizepräsident des Internationalen Dachaukomitees ist, als Zeitzeuge im Landtag - und kritisierte die Pegida-Bewegung. "Wenn heute wieder bedenkliche Demonstrationen stattfinden, müssen sich staatliche Stellen und Verantwortliche Sorgen machen und entsprechend handeln." Als ermutigend bezeichnete er die Gegendemonstrationen: Diese seien "notwendiger Ausdruck einer Verneinung von Ausländerfeindlichkeit, Ausgrenzung und Intoleranz".

Er dachte an Selbstmord  - sein jüngerer Bruder hielt ihn ab

27 lange Monate hat Max Mannheimer die Nazi-Gräuel ertragen müssen. Er nennt diese Zeit sein zweites Leben. Das erste Leben - Kindheit und Jugend im mährischen Neutitschein, im heutigen Tschechien - ist mit dem Transport nach Theresienstadt zerstört worden, das dritte Leben begann nach der Befreiung 1945.
Mannheimer und sein sechs Jahre jüngerer Bruder Edgar überlebten Auschwitz. Ihre Eltern und ihre Geschwister Ernst und Käthe wurden dort 1943 von SS-Schergen ermordet, ebenso Max Mannheimers Ehefrau Eva und eine Schwägerin. Bruder Erich war 1942 verhaftet und später ermordet worden. An der Todesrampe von Auschwitz-Birkenau sieht Mannheimer seine Angehörigen zum letzten Mal. Sie werden selektiert -ohne Abschied. Auf Mannheimers Frage, was mit den Frauen, Kindern und älteren Menschen geschehe, die einen Lastwagen besteigen mussten, antwortet ein Häftling, der schon länger in Auschwitz war, eiskalt: "Gehen durch den Kamin."
Am Tag nach der Ankunft in Auschwitz habe ihn die Verzweiflung gepackt, erinnert sich Mannheimer. Beim ersten Morgenappell sieht er einen Stacheldrahtzaun mit einem Schild: "Hochspannung! Lebensgefahr! "Er denkt an Selbstmord: "Am besten wäre es, ich ginge zu den elektrisch geladenen Drähten - nur berühren - aus", sagt er seinem Bruder. Und der 17-jährige Edgar fragt: "Willst du mich alleine lassen? "Da habe er sich geschämt, sagt Mannheimer, und seine jüngeren Brüder beschützen wollen. Ernst, der andere Bruder, erkrankt wenige Wochen später und wird von den Nazis ermordet.
Sachlich schildert Mannheimer die Gräueltaten im KZ. Jeden Tag Gewalt, Folter und Tote, dazu Hunger, Durst und Schlafmangel, Kälte, Krankheiten und schwere Sträflingsarbeit. Er schiebt seinen linken Hemdärmel ein Stück zurück. Auf dem Unterarm ist unübersehbar die Auschwitz-Nummer eintätowiert - 99728.
Im Oktober 1943 werden Max und Edgar Mannheimer in Waggons nach Warschau gebracht. Der fast 95-Jährige bezeichnet das als "Glück". Von Warschau kommen die Brüder in das KZ Dachau bei München. Während die Häftlinge Schwerstarbeit leisten, hetzt ein SS-Mann immer wieder seinen Schäferhund auf sie. "Gebissen hat mich der Hund zwar nicht, aber nach dem Krieg hat er mich in meinen Träumen besucht."

Humor hat er, den hat er trotz allem nicht verloren

Am 30. April 1945 werden die Brüder Mannheimer zusammen mit vielen anderen Häftlingen von den Amerikanern aus einem Waggon befreit. "Es war ein Riesenglück", sagt Mannheimer. "Ich war damals eine ziemliche Leiche und dachte, wenn ich 40 Jahre alt werde, dann ist das viel. Und nun werde ich 95 und bin immer noch on tour", sagt er und fügt lächelnd hinzu: "Ich habe einfach gute Gene." Humor hat er, den hat er trotz allem nicht verloren.
Nach der Befreiung verlässt Mannheimer Deutschland und will nie zurückkehren. Doch eineinhalb Jahre später ist er wieder da. Er hat sich verliebt - ausgerechnet in eine Deutsche: Elfriede Eiselt, Widerstandskämpferin. "Sie versicherte mir, dass Deutschland eine ausgezeichnete Chance hat, eine Demokratie zu werden. Und wenn man verliebt ist, glaubt man ja vieles."
Alpträume und Depressionen belasten Mannheimer in den folgenden Jahren. Als er 1981 in den USA an einer Mauer ein Hakenkreuz sieht, bricht er zusammen. "Ich hatte versucht, es mit Schraubenzieher und Hammer aus dem Beton herauszumeißeln." Er kommt in eine Klinik. Im Bad holt ihn die Angst ein: "Ich habe die Dusche ganz vorsichtig aufgedreht, um zu sehen, ob wirklich Wasser und nicht Gas herauskommt." Mannheimer beginnt, Vorträge zu halten und zu malen. Er nimmt Tabletten. All das hilft ihm, das Erlebte zu ertragen.
Dreimal fährt er in den folgenden Jahrzehnten nach Auschwitz, erstmals 1991. "Ich hatte große Angst davor. Ich habe dort sechs nahe Angehörige verloren." Er sieht zwei Burschen beim Angeln. "In den Teich wurde damals die Asche aus zwei Krematorien geschüttet." Die Rückkehr nach Auschwitz sei furchtbar gewesen.
Die Erinnerung daran treibt ihn an. Mannheimers Terminkalender ist voll. Auch in den Wochen vor seinem 95. Geburtstag besucht Mannheimer Schulklassen. "Vom Hals abwärts bin ich ein Invalide", sagt er kokett. "Aber der Kopf funktioniert noch halbwegs. Sprechen kann ich noch." Und so wird er weiter seine bewegende Geschichte erzählen - die Geschichte seiner drei Leben.

"Unermüdlicher Zeitzeuge"

Auch Landtagspräsidentin Barbara Stamm gratuliert dem Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer. „Seit vielen Jahrzehnten setzen Sie sich für die Aussöhnung von Juden und Nicht-Juden und für ein Miteinander im Geiste wahrer Humanität ein. Gerade mit Blick auf die kommenden Generationen sahen Sie es immer als zentrale Aufgabe an, unseren jungen Menschen deutlich zu machen, dass sie künftig für ein friedliches Zusammenleben in gegenseitiger Toleranz verantwortlich sind. Unermüdlich sind Sie als Zeitzeuge unterwegs und haben sich in den vergangenen Jahrzehnten den Fragen von Schülerinnen und Schülern mit beeindruckender Offenheit gestellt. Mit der Schilderung Ihrer Erfahrungen haben Sie Generationen junger Menschen berührt. Sie haben einen unschätzbaren Beitrag für das Wiedererstehen der jüdischen Kultur in unserem Land geleistet. Von Herzen danke ich Ihnen für Ihr herausragendes Engagement.“ (BSZ/Ute Wessels, dpa)

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Kommentare (1)

  1. Guido Langenstück am 12.02.2015
    Übrigens: Die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten" (VVN-BdA) wird von der bayrischen Staatsregierung immer noch als "linksextremistisch" eingestuft (siehe https://www.bayern-gegen-linksextremismus.bayern.de/wissen/parteien-und-szenen/parteien-und-organisationen/vereinigung-der-verfolgten-des-naziregimes-bund-der-antifaschistinnen-und-antifaschisten-vvn-bda-1 ). Die VVN-BdA wird übrigens nur in Bayern vom Verfassungsschutz überwacht. Und das sagt die bayr. Verfassungsrichterin und Rechtsanwältin Angelika Lex zur Rolle des Verfassungsschutzes in Bayern: http://www.heise.de/tp/artikel/35/35942/1.html Auch sehr aufschlussreich: http://www.aida-archiv.de/index.php?option=com_content&view=article&id=4899:kai-dalek-und-didier-magnien-geschichten-aus-dem-bayerischen-geheimdienstsumpf&catid=44:weitere-rechte-aktivitn&Itemid=152 Kann es möglicherweise sein, dass der bayrische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und der ihm unterstellte Verfassungsschutz auf dem rechten Auge blind ist? Ich warte auf seine Antwort: http://www.abgeordnetenwatch.de/joachim_herrmann-1480-77885.html (Frage vom 28.01.2015)

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