Politik

Was ist ein gutes Alter für einen Rathauschef? Darüber debattieren Tobias Ehrlicher (25) Und Hans Schaidinger (63). (Foto: dapd)

16.11.2012

"Es gibt auch 30-jährige Frühvergreiste"

Die beiden bayerischen Bürgemeister Hans Schaidinger (63) und Tobias Ehrlicher (25) diskutieren mit der BSZ über die Altersgrenze von Bürgermeistern, notwendige Lebenserfahrung und Vorteile der Jugend

Der eine ist seit fast 17 Jahren Regensburgs OB und vier Wochen zu alt, um noch einmal zu kandidieren. Der andere ist als jüngster Bürgermeister Bayerns erst seit wenigen Tagen in Bad Rodach im Amt. Hans Schaidinger (CSU) und Tobias Ehrlicher (SPD) aber sind sich erstaunlich einig: Ob man als Bürgermeister was taugt, sei keine Frage des Alters. Das Thema Internet allerdings spaltet die beiden.

BSZ: Herr Schaidinger, Herr Ehrlicher, der Verfassungsgerichtshof verhandelt eine Klage gegen die Altersgrenze von hauptamtlichen Bürgermeistern und Landräten. Für was sind Sie: beibehalten oder abschaffen?
SCHAIDINGER: Abschaffen. Ich halte diese Regelung schlicht für verfassungswidrig. Es ist der einzige Fall, wo dem Souverän, also dem Wähler, von einem ihm nachgeordneten Organ, dem Landtag, Schranken auferlegt werden. In der Verfassungsordnung heißt es aber, dass der Souverän über der Legislative steht. Deshalb ist eine solche Schranke nicht zulässig.
EHRLICHER: Ich gebe Ihnen vollkommen recht, Herr Kollege. Auch ich halte solch eine Beschränkung für nicht in Ordnung.

BSZ: Ein Argument ist, dass sich mit dem steigenden Alter Krankheits- und Fehlzeiten erhöhen.
SCHAIDINGER: Aber diese Schranke ist in dieser Form einmalig, denn nur bei der Wahl von Landräten und Bürgermeistern muss das Volk eine Einschränkung seiner Wahlfreiheit hinnehmen. Es gibt zwar auch andere Altersbeschränkungen. Ein Bundespräsident muss beispielsweise mindestens 40 Jahre alt sein. Aber der wird nicht vom Volk gewählt.
EHRLICHER: Es sei mal dahingestellt, ob ein 68-Jähriger tatsächlich für weitere 7,5 Jahre gewählt würde. Aber: Der Bürger sollte frei entscheiden können, wen er am geeignetsten für das Amt hält. Allerdings denke ich, dass man durchaus über eine Beschränkung der Anzahl der Wahlperioden nachdenken könnte, damit es spätestens nach der vierten oder fünften auch einmal einen Wechsel gibt. Allerdings könnte für mich persönlich diese Aussage noch gefährlich werden, schließlich könnte ich ja leicht ein 40-Jahr-Dienstjubiläum schaffen.

Schaidinger: "Es braucht auch mal einen Wechsel"

BSZ: Herr Schaidinger, Sie betrifft die Altersbeschränkung persönlich. Am 19. Dezember verkündet der Verfassungsgerichtshof seine Entscheidung. Würden Sie, wenn dann möglich, noch einmal antreten?
SCHAIDINGER: Auch ich finde es ganz gut, wenn es mal einen Wechsel gibt. Deshalb ist für mich 2014 – nach 18 Jahren – Schluss. Die Frage der Altersgrenze ist deshalb zwar keine persönliche Angelegenheit für mich, aber eine ganz grundsätzliche.

BSZ: Was kommt dann? Man liest, Sie hätten gerne mehr Zeit, um die Familie öfter zu bekochen.
SCHAIDINGER: Das werde ich dann sicher auch tun. Aber es würde mich wohl nicht ganz ausfüllen. Ich werde mir eine andere Tätigkeit suchen, die mehr Selbstbestimmung über meinen Kalender zulassen wird. Darüber rede ich aber heute noch nicht. Und ich bleibe ein politischer Mensch, der aber das Prinzip beherzigen wird: Wenn man nichts mehr zu sagen hat, soll man trotzdem den Mund halten.

BSZ: Herr Ehrlicher, wie oft haben Sie eigentlich schon gehört: „Der ist doch viel zu jung“?
EHRLICHER: Das höre ich ständig. Ich erwidere dann: Ich arbeite daran, älter zu werden. Ich habe mich mit fast 70 Prozent gegen zwei Mitbewerber durchgesetzt. Und ob man was kann , ist keine Frage des Alters – auch wenn man natürlich eine gewisse Lebenserfahrung für das Amt benötigt.
SCHAIDINGER: Ja, gewisse Voraussetzungen braucht es für das Bürgermeisteramt schon. Aber genau so wie es 30-jährige Frühvergreiste gibt, gibt es 50-jährige Jugendliche. Ich glaube, dass es keine Frage des kalendarischen Alters ist, ob man genug Lebenserfahrung mitbringt. Es gibt 50-Jährige, die zu wenig haben, um sie in einem solchen Amt umsetzen können. Und da ist vielleicht durchaus mal einer, der noch nicht 30 ist, aber ausreichend davon mitbringt.

BSZ: Mal ehrlich, wie viel Lebenserfahrung kann ein 25-Jähriger haben?
EHRLICHER: Ich habe fast zehn Jahre bei der Sparkasse gearbeitet, bin dort mit vielen Menschen in Kontakt gekommen und weiß daher auch, wo der Schuh drückt. Außerdem habe ich bereits vier Jahre Stadtratserfahrung. Natürlich habe ich vieles noch nicht durchlebt, was andere schon kennen. Ich habe zwar seit zwei Jahren eine Freundin, bin aber weder verheiratet noch habe ich Kinder. Aber in solchen Bereichen muss man dann eben aufgeschlossen sein und den Leuten zuhören.
SCHAIDINGER: Wenn man fast zehn Jahre bei der Sparkasse gearbeitet hat, ist das ein großes Stück Erfahrung – eine andere zwar als die eines 47-Jährigen, aber deswegen nicht unbedingt besser oder schlechter. Wichtig ist vor allem, dass man seine Lebenserfahrungen nicht an der Garderobe des Rathauses abgibt, wenn man es zum ersten Mal betritt.

Ehrlicher: "Facebook ist ein ideales Hilfmittel"

BSZ: Internet und Politik: Wie wichtig sind heute soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook für die Arbeit und den Erfolg eines Politikers?
SCHAIDINGER: Ich bin 63 Jahre alt und interessiere mich dafür, aber auf Facebook bin ich jetzt beispielsweise nicht unterwegs.

BSZ: Es gibt also Erfahrungen, bei denen eindeutig die Jugend punktet?
SCHAIDINGER: Naja, ich bin bei diesem Thema einfach sehr vorsichtig, nicht zuletzt aus Datenschutzgründen. Ich schätze vor allem auch die persönliche Ansprache. Obwohl die Stadt relativ groß ist, kennen mich viele Regensburger persönlich. Ich nehme die Kontaktmöglichkeiten in Bürgersprechstunden bis hin zu Ortsbegehungen nach wie vor ernst – obwohl ich nicht wiedergewählt werden muss. Diese Wirklichkeit ist mir wichtiger als die virtuelle Wirklichkeit.
EHRLICHER: Also ich denke schon, dass die neuen Medien für uns immer wichtiger werden. Facebook nutze ich ganz gezielt. Ich war im Wahlkampf an jeder Haustür von Bad Rodach und habe dabei meine 1000 Facebook-Freunde immer auf dem Laufenden gehalten. Da kam dann schon mal die Nachricht: Ach, wenn Du bei der Frau soundso klingelst, dann sag ihr doch einen schönen Gruß von mir. Facebook ist ideal dazu geeignet, die Leute darüber auf dem Laufenden zu halten, was man gerade macht. Wenn ich beispielweise Bilder von einem Kinderfest poste, beantwortet das die Frage: Was macht der denn so den ganzen Tag? Das ist auch ein bisschen Legitimation.

BSZ: Herr Schaidinger, hätten Sie sich vorstellen können, bereits im Alter von 25 Jahren Bürgermeister zu werden?
SCHAIDINGER: Das ist eine schwierige Frage. Als junger Mann dachte ich mir zwar oft, wenn ich mir die Politiker angeschaut habe, Mensch, das könntest Du eigentlich besser. Aber das reicht eben nicht. Denn wichtig ist nicht nur die Theorie, sondern auch die Praxis. Deshalb bin ich nicht undankbar, dass ich erst mit 47 Jahren Oberbürgermeister geworden bin. In diesem Alter sieht man dann doch so manche Dinge anders als mit 30.

BSZ: Haben Sie einen Tipp an den jungen Kollegen?
SCHAIDINGER: Man sollte ja grundsätzlich mit Ratschlägen zurückhaltend sein – vor allem aus der Ferne. Aber einen habe ich: Es ist wichtig, dass man neben dem politischen Geschäft auch das administrative beherrscht. Eine Verwaltung zu führen, ist  eine andere Welt als die Arbeit im Stadtrat. Und es werden auch Zeiten kommen, in denen man nicht allen Bürgern möglichst alle Wünsche erfüllen kann, sondern wo harte Entscheidungen nötig werden. Man kann gar nicht früh genug damit anfangen, das zu trainieren.
EHRLICHER: Vielen Dank!

BSZ: Herr Ehrlicher, Sie sind erst seit ein paar Tagen im Amt. Wo sehen Sie sich in 10 Jahren?
EHRLICHER: Die nächsten 7,5 Jahre mache ich jetzt erst mal diesen Job. Und vielleicht stelle ich mich dann zur Wiederwahl. Mal sehen, ich weiß ja noch nicht, ob mir der Job wirklich so viel Spaß macht, wie ich mir das denke.

BSZ: Wie lässt sich der Job denn an?
EHRLICHER: Sehr stressig. Einige böhmische Dörfer bauen sich so langsam auf. Mit meiner Stadtratstätigkeit hab ich bereits einen großen Einblick bekommen, aber im Bereich Verwaltung kenne ich mich bei gewissen Abläufen tatsächlich noch null aus. Aber ich bin täglich 12 bis 14 Stunden zugange. Das ist sehr spannend.
(Interview: Angelika Kahl)

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