Politik

Der eine zapft an, der andere ist Wiesnschef: Dieter Reiter (SPD, l.) und Josef Schmid (CSU). (Foto: dpa)

16.09.2014

Ex-OB-Kandidat ist Wiesnchef

Wenn am Samstag das Oktoberfest beginnt, werden sich in der Anzapfboxe andere Leute zuprosten als in den Vorjahren: Ein neuer Oberbürgermeister zapft das erste Fass an, und es gibt einen neuen Wiesnchef. Politisch waren die beiden Gegner

Er wollte Oberbürgermeister werden. Jetzt ist er Chef des Oktoberfests. Bei der Kommunalwahl in München hat Josef Schmid (CSU) gegen den SPD-Mann Dieter Reiter verloren. Der CSU-Politiker wurde aber Nachfolger seines Konkurrenten als Wirtschaftsreferent -und ist damit Herr über das größte Volksfest der Welt. Zur Eröffnung am Samstag werden die beiden früheren Gegner gemeinsam auf eine friedliche Wiesn anstoßen. Und auch im Rathaus sind SPD und CSU inzwischen Freunde: Nach langen Jahren von Rot-Grün regieren sie seit März gemeinsam, die CSU ist sogar stärkste Kraft im Stadtrat.
"Ich freue mich sehr, dass ich die Wiesn als Festleiter erleben darf. Das ist für mich als echten Münchner eine echte Ehre", sagt Schmid.  Aus der Kindheit erinnere er sich besonders an die Rundgänge mit den Eltern durch die unterschiedlich dekorierten Zelte. "Die riesigen Zelte haben mich damals ungeheuer beeindruckt."

Schmid besitzt vier Lederhosen

Heute steht es in seiner Macht, welche Bewerber für ein solches Bierzelt dem Stadtrat zur Abstimmung vorgelegt werden. Er stellt den offiziellen Wiesn-Maßkrug vor. Und beim Anzapfen des ersten Fasses steht er mit dem Oberbürgermeister und dem Ministerpräsidenten in der Anzapfboxe. Natürlich in Lederhose. Immerhin vier Stück besitzt er: "Die wertvollste gehört zu meiner Original-Werdenfelser Tracht", sagt er. "Die älteste habe ich mir mit 17 Jahren  gekauft. Und, ob Sie es glauben oder nicht: Sie passt mir immer noch!"
Zu einem Wiesnchef gehört, dass er den Wirten zeigt, wer der Herr im Hause ist. Im "Münchner Merkur" zog Schmid bereits gegen teure Reservierungen in den Zelten zu Felde und verlangte, der Mindestumsatz für eine Reservierung solle nicht mehr als der Preis von zwei Mass Bier und einem Hendl sein. Schon für das nächste Jahr wolle er eine Obergrenze von 35 Euro einführen. Bisher kann ein Verzehrgutschein für eine Platzreservierung bis zu 85 Euro kosten.  
Ob er die bei den Wirten ungeliebten Reservierungsregeln seines Vorgängers revidieren will, lässt er noch offen. Er sei jemand, der sich die Dinge erst einmal ansehen wolle, sagt er. Nach den seit einem Jahr geltenden Regeln dürfen die Wirte weniger Plätze als früher reservieren. Schmids Gegenvorschlag damals: "Dass man einen Tag länger macht und der Tag komplett reservierungsfrei bleibt." Es müsse sich aber zeigen, ob "in der neuen Amtsperiode neue Sichtweisen da sind". Ein zusätzlicher Wiesntag - das wäre freilich eine kleine Revolution.

Zweiter Bürgermeister und Wirtschaftsreferent

Aber erst einmal hält sich Schmid mit größeren Ankündigungen zurück. Eine "friedliche und entspannte Wiesn" sei das Wichtigste. "Es soll ein Fest der Freude sein und es soll Spaß machen."  
Als zweiter Bürgermeister hat der 44-jährige Vater zweier Kinder es an die Position gleich hinter dem OB geschafft, und zudem das früher von der SPD besetzte Wirtschaftsreferat für sich in Beschlag genommen. Schmid ist Diplom-Kaufmann und Jurist - und Partner in einer mittelständischen Rechtsanwaltskanzlei. Seit 2007 ist er Chef der CSU-Stadtratsfraktion im Rathaus.  
War er bei der Kommunalwahl vor sechs Jahren gegen Christian Ude noch chancenlos, so war er im Frühjahr mit einem engagierten Wahlkampf dem SPD-Kandidaten Reiter durchaus auf den Fersen, er schaffte es in die Stichwahl.
Mit einem alten VW-Bus war Schmid durch die Stadtviertel getourt und hatte sich den Bürgern präsentiert. Sein "Schmidsprechen" kam an -auch weil er kein typischer CSU-Politiker ist: Schmid ist kein Konservativer alter Schule, sondern ein liberaler Großstadtpolitiker. Nicht weit von den Themen der SPD rückte er die Probleme der Landeshauptstadt - marode Schulbauten, fehlende Krippenplätze, überteuerte Mieten - geschickt ins Zentrum seiner Kampagne.  
Im Rathaus und auch in seinem Referat hört man positive Töne. Schmid gilt zwar nicht als Charisma-sprühend, aber als umgänglich und bürgernah. Und er traut sich, seine Meinung zu sagen, selbst wenn es gegen CSU-Parteichef Horst Seehofer geht. Etwa hatte er die "Wer betrügt, der fliegt"-Parole der CSU gegeißelt.
In sechs Jahren ist wieder Kommunalwahl - eine neue Chance, auf dem Rathaussessel Nachfolger seines Vorgängers als Wiesnchef zu werden -  und dann als Oberbürgermeister selbst das erste Fass anzuzapfen. Aber so weit mag Schmid derzeit nicht denken, jedenfalls nicht offiziell. Was in sechs Jahre geschehe, sei für ihn jetzt nicht Thema, sagt er. (Sabine Dobel, dpa)

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