Politik

03.12.2010

Festival der Indiskretionen

Ein Kommentar von Roswin Finkenzeller

Solange die Welt besteht, werden Menschen über andere Menschen schlecht reden. Was sie sagen, entspringt nicht immer dem Verleumdungstrieb, sondern gelegentlich auch der Wahrheitsliebe. Regierungen, die sich vom Ausland ein realistisches Bild machen möchten, erwarten von ihren Botschaftern schonungslose Schilderungen. Weil die Gefühle der konterfeiten Personen trotzdem geschont werden müssen, gehört zur äußersten Offenheit die strikteste Geheimhaltung. Gegen dieses ewig gültige Gesetz hat Wikileaks verstoßen.
Bei dem Festival der Indiskretionen ist Deutschland noch verhältnismäßig gut davongekommen, was mit US-Botschafter Murphy und seiner Vorliebe für zart-bitter zusammenhängen mag. Ähneln sich tatsächlich Teflon und die Bundeskanzlerin? Nun gut, an ihr perlt viel ab. Der Außenminister arrogant? Sei’s drum. Dass Westerwelle „no Genscher“ sei, ist keine Offenbarung, sondern eine Plattitüde. Da der Vorwurf außenpolitischer Ahnungslosigkeit auf Seehofer zielt, könnte dieser bissig antworten, er nehme an der Weltläufigkeit amerikanischer Gouverneure Maß. Doch stimmt es, dass ein CSU-Vorsitzender über die großen Mächte ruhig ein wenig mehr Bescheid wissen könnte. Ausgeplaudert wurde, der bayerische Ministerpräsident sei „unpredictable“. Das heißt, dass seine Reaktionen nicht immer vorauszusehen seien – was unter alten Hasen auch ein Lob sein kann.

"Der Schlange den Kopf abhacken"


Viel bedenklicher ist, dass die Vereinigten Staaten nicht mehr in Berlin durch eine Person vertreten sein wollen, die wie frühere US-Botschafter perfekt Deutsch spricht. Washington drückt eben seine Geringschätzung aus. Ungleich schlimmerer Schaden aber wurde in Asien angerichtet, diesem Kontinent der Zukunft. König Abdullah von Saudi-Arabien fand sich mit dem heißen Tipp zitiert, der iranischen „Schlange den Kopf abzuhacken“. Wenn die Amerikaner so weitermachen und alles durchsickern lassen, was mit ihnen besprochen wurde, wird bald niemand mehr ein offenes Wort an sie richten. Eine alarmierte Hillary Clinton hat schon in einigen Hauptstädten um Vergebung bitten müssen. Tatsächlich lag die Schuld bei der Regierung Obama. Eine Unzahl von Ministerien, Behörden und Dienststellen hatte Zugriff auf die elektronischen Dokumente des State Department. Irgendwo ein Leck, ein „leak“ zu finden, war da leicht, zumal für Wikileaks.

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