Politik

Soldaten in Zivilkleidung nehmen in Obertraubling Fingerabdrücke von einer Asylsuchenden. Sie leisten mit mobilen Teams im Vorfeld der Registrierung Amtshilfe für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). (Foto: Armin Weigel/dpa)

03.12.2015

Fingerabdrücke im Akkord

Hunderttausende Asylsuchende warten in Deutschland derzeit darauf, ihren Asylantrag stellen zu können. Vorarbeit dafür leisten Soldaten der Bundeswehr

Dass er einmal Fingerabdrücke von Flüchtlingen nehmen würde, hatte sich Benjamin Brittner auch nicht träumen lassen. Doch nun sitzt der 30 Jahre alte Hauptfeldwebel, der schon im Kosovo und in Afghanistan im Einsatz war, mit sieben weiteren Bundeswehrkameraden in einer Turnhalle in Obertraubling bei Regensburg und erfasst Daten von Asylbewerbern für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Die Behörde kam mit der Registrierung der Menschen nicht mehr hinterher, und so helfen inzwischen Bundeswehr und Zoll mit Abordnungen aus. Etwa 110 dieser sogenannten Mobilen Registrierteams sind seit Mitte Oktober deutschlandweit im Einsatz - 15 davon in Bayern. Hier nahmen die jeweils zweiköpfigen Teams schon Anfang September ihre Arbeit auf.

Ihre Aufgabe: Auf Zuruf dort hinfahren, wo viele unregistrierte Flüchtlinge sind, und deren Daten erfassen. Damit soll vor allem sichergestellt werden, dass sich keine Kriminellen unter den Neuankömmlingen befinden, denn die Daten werden mit dem Bundeskriminalamt abgeglichen. Außerdem wird geprüft, ob die Asylbewerber nach dem Dublin-System eventuell in das EU-Land zurückgeschickt werden müssen, in dem sie zuerst ankamen.

Viele Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien kennen ihren Geburtstag nicht

Benjamin Brittner trägt die Daten einer Frau aus dem Irak in das elektronische Formular ein: Name, Geburtsdatum und -ort, Familienstand, Religion, Sprachen, Volkszugehörigkeit. Als Geburtsdatum vieler Flüchtlinge ist der 1. Januar oder 1. Juli angegeben. "Die wissen ihren Geburtstag meist nicht", sagt Brittner. "In Syrien und dem Irak gibt es nur zweimal im Jahr Volkszählungen."

Sein Teamkollege Martin (24) macht ein Foto der Frau und nimmt mit einem kleinen Scanner ihre Fingerabdrücke. "Manchmal ist es schwierig, die Abdrücke zu nehmen", erzählt Brittner. "Die Haut mancher Menschen ist von der Arbeit so abgewetzt, dass sie kaum noch eine Kontur haben." Sein Kollege trägt Handschuhe und desinfiziert den Scanner nach jedem Flüchtling. Viele der Menschen seien krank, einer habe sogar Tuberkulose gehabt, erzählt Brittner. Da mache er sich schon manchmal Sorgen.

Er ist seit Mitte September Teil eines mobilen Teams. Für seine Aufgabe wurde er einen Tag lang geschult. Drei Monate sind die Teams jeweils unterwegs. Dann ist ihr Einsatz beendet, und die nächsten Kameraden sind dran. Sie legen für das BAMF eine sogenannte Vor-Akte an - sie ist für den späteren Asylantrag nötig. Bisher geschah dies bei der Antragstellung in einer der Außenstellen des Bundesamtes.

Das Schwierigste an der Arbeit ist die Verständigung

Das Schwierigste an der Arbeit sei die Verständigung, sagen Brittner und seine Kameraden. Manchmal seien Dolmetscher dabei. In Obertraubling helfen dagegen die Sicherheitsleute aus, die fast alle ausländische Wurzeln haben. "Sonst geht es mit Händen und Füßen", sagt Brittner. Oder mit Übersetzungsprogrammen auf Laptop und Handy.

Inzwischen laufe jedoch alles schon viel koordinierter ab als am Anfang, erzählen die Soldaten. Die meisten Asylbewerber haben nun schon die sogenannte Büma dabei. Diese "Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender" hat eine Erstaufnahmeeinrichtung für sie ausgestellt - als Ausweisdokument und damit die Flüchtlinge Sozialleistungen bekommen. Die meisten Daten können die Soldaten nun einfach davon ablesen und ins Computersystem des BAMF übertragen. "Wann man dagegen noch alles abfragen muss, dann geht hier die Post ab", sagt Brittner. "Dann sitzt man hier eine Stunde lang mit einem Asylbewerber."

Auch das gehört zum Asyl-System in Deutschland: Die Daten der Flüchtlinge werden mindestens doppelt erfasst, manchmal sogar noch öfter - von der Bundespolizei, den Ländern und dann noch vom Bundesamt für Migration. Die IT-Systeme sind nicht miteinander kompatibel - auch aus Datenschutzgründen. Dies will BAMF-Chef Frank-Jürgen Weise mit Hilfe einer Chipkarte möglichst schnell ändern.

Viele der Flüchtlingen hatten früher Angst vor der Registrierung

An diesem Tag sitzen die Flüchtlinge ganz ruhig auf den Stühlen vor den Soldaten und warten. Am Anfang ihrer Arbeit habe das oft noch anders ausgesehen, berichtet Brittner. "Da haben die ihre Sachen gepackt und sind gegangen." Viele hätten Angst vor der Registrierung gehabt, weil sie glaubten, dann nicht hierbleiben zu dürfen.

Etwa 70 Asylbewerber werden an diesem Tag in Obertraubling erfasst, am nächsten Tag folgen noch einmal so viele. Bis zu zwölf Stunden am Stück arbeiten die Registrierungsteams. Sind sie an einem Ort fertig, geht es zu einer anderen Asylbewerber-Unterkunft - irgendwo im Umkreis von 100 Kilometern um ihr Hotel.
 
Oberfeldwebel Benjamin Neumann hat sich freiwillig dafür gemeldet. "Jeder Tag hier ist wie eine Wundertüte. Man weiß nie, was passiert", sagt der 26-Jährige. Er würde die Arbeit jedem seiner Kameraden empfehlen. "Das ist eine Erfahrung, die man gemacht haben sollte, um die Lage einschätzen zu können", sagt Neumann.
Viele Erfahrungen seien jedoch hart - etwa, wenn ein Mann mit einem Säugling auf dem Arm vor ihm sitze, dessen Frau auf der Flucht gestorben sei. "Einmal war auch ein Syrer hier, der nur noch drei Finger hatte. Der Rest wurde ihm weggesprengt. Das muss man erst einmal verarbeiten", sagt Neumann. Und für viele Probleme müsse man selbst eine Lösung finden. "Ist ja niemand da, den man fragen kann." (Cathérine Simon, dpa)

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