Politik

17.12.2010

"Flüchtlingslager platzen aus allen Nähten"

2011 soll die Zahl der Asylsuchenden in Bayern um bis zu 65 Prozent ansteigen

Die Zahl der Asylbewerber im Freistaat wird im kommenden Jahr massiv ansteigen. Davon geht zumindest Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) aus. Sie rechnet 2011 mit einem Antragsplus von bis zu 65 Prozent. Haderthauer bezieht sich auf Zahlen des Bundesamts für Migration. Die Behörde hat zwei unterschiedliche Zukunftsszenarien errechnet: Diese hängen nicht zuletzt davon ab, wie sich die Situation in den Herkunftsländern der Flüchtlinge entwickelt. Demnach liege der für den Freistaat prognostizierte Antragsplus zwischen 41 bis 65 Prozent im Vergleich zu 2010.
In diesem Jahr dürften laut Sozialministerium rund 6000 Bewerber Antrag auf Asyl gestellt haben. 2009 waren es mit 4200 noch ein Drittel weniger. Im nächsten Jahr werden dem Bundesamt zufolge 8500 bis 9900 Menschen einen Antrag stellen.
Vor allem die Zahl der Flüchtlinge aus den Balkanländern soll in den kommenden Monaten ansteigen, nachdem die EU am Mittwoch die Visa-Pflicht für Bosnien und Albanien abgeschafft hat. Als Ende vergangenen Jahres die Visapflicht für Serbien und Mazedonien gefallen war, hatten in den Folgemonaten Tausende Menschen in Deutschland Asyl gesucht. Während manche als Roma verfolgt werden, geben andere offen wirtschaftliche Motive für den Asylwunsch an.
15 Jahre lang war die Zahl der Asylsuchenden stetig gesunken: von über 59 000 im Jahr 1992 auf knapp 3000 im Jahr 2007. Deswegen sind in Bayern in den vergangenen fünf Jahren die Hälfte aller Unterkunftsplätze weggefallen. Etwa 10 000 gibt es noch.
„Die Flüchtlingslager platzen aus allen Nähten“, berichtet Alexander Thal vom bayerischen Flüchtlingsrat. Schon jetzt seien die Zustände in vielen Unterkünften „menschenunwürdig“. Er kritisiert „hygenische und bauliche Mängel“ in den Unterkünften. So sollen in Coburg Flüchtlinge zwischen Kakerlaken und bröckelnden Wänden wohnen. Wie sogar noch mehr Flüchtlinge unter vertretbaren Umständen in diesen Unterkünften leben sollen, kann sich Thal nicht vorstellen.
Unterstützung bekommt er von der evangelischen Kirche. „Die Asylsuchenden müssen überall menschenwürdige Zustände vorfinden“, verlangt Landesbischof Johannes Friedrich.
Haderthauer weist die Vorwürfe zurück. Unter ihrer Ägide seien große Summen in die Sanierung der Unterkünfte gesteckt worden. Vorfälle wie der angebliche Kakerlakenbefund in Coburg seien „Einzelfälle“, die stets sofort behoben würden. Man habe den Bewohnern des Coburger Flüchtlingsheims einen Umzug in andere Unterkünfte angeboten. „Nur zwei machten davon Gebrauch. So schlecht kann die Situation dort also nicht sein“, sagt die Ministerin.
Aufgrund der erwarteten Flüchtlingswelle will der Freistaat bis Herbst 2011 eine dritte Erstaufnahme-Einrichtung eröffnen. Zudem soll das Sozialministerium im kommenden Jahr 24 Millionen Euro zusätzlich bekommen.Thal hält diese Summe jedoch für zu gering. (Tobias Lill)

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