Politik

Frau Kommissar auf Verbrecherjagd: Im Film sagt Ulrike Folkerts alias Lena Odenthal (links) ihren männlichen Assistenten, wo’s lang geht. Im wirklichen Leben sind Frauen bei der Polizei dünn gesät, zumal in Führungsjobs. (Foto: ddp)

01.04.2010

Frau Kommissar gibt’s vor allem im Film

Frauen im öffentlichen Dienst: Vor allem die Polizei ist männerdominiert – zumal bei den Führungspositionen

Lena Odenthal, Charlotte Lindholm, Bella Block, Eva Blum & Co.: Im deutschen Fernsehen wimmelt es nur so von Polizistinnen in verantwortlichen Positionen, die ihren männlichen Assistenten sagen, wo’s lang geht. Ganz anders sieht es im wirklichen Leben aus: In Bayern hat man erstmals im vergangenen Herbst eine Frau zur Polizeipräsidentin gekürt: Liliane Matthes amtiert seither in Unterfranken; die übrigen neun Präsidien im Freistaat sind nach wie vor in Männerhand. Matthes’ singuläre Position ist symptomatisch für das Geschlechterverhältnis bei den Ordnungshütern. „Bayerns Polizei ist eine Männerdomäne“, sagt Harald Schneider, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Gerade mal 14,5 Prozent der Beamten bei der Schutzpolizei sind weiblich; bei der Kripo liegt der Frauenanteil bei 17 Prozent. In Führungspositionen sind Frauen folglich noch deutlich rarer: Lediglich 7 Prozent Frauen finden sich in den höheren Funktionen der Polizei. Beispiel Erster Polizeihauptkommissar: Hier stehen 1003 Männern lediglich 22 Frauen (2,2 Prozent) gegenüber. Diese Zahlen ergeben sich aus einer schriftlichen Anfrage der Grünen ans bayerische Innenministerium. Verantwortlich für diese Diskrepanz sind laut Christine Kamm, innenpolitische Sprecherin der Grünen, mehrere Faktoren: Frauen würden von ihren männlichen Vorgesetzten schlechter bewertet. Häufig erlitten sie durch Babypause und Teilzeitarbeit einen Karriereknick. Ein weiteres Hindernis ist die Körpergröße: Weibliche wie männliche Beamte müssen mindestens 1,65 Meter groß sein. Die Krux dabei: Während nur 2,8 Prozent der bayerischen Männer kleiner als 1,65 Meter sind, unterschreiten 44,3 Prozent der Frauen diesen Wert. „In Hessen werden Polizeibeamte immerhin ab 1,63 Meter eingestellt“, sagt Kamm. Das Innenministerium will an der Mindestgröße nicht rütteln, versichert aber, durchaus ein Auge auf die Förderung von Frauen zu haben. Mit individuellen Arbeitszeitmodellen und zusätzlichen Stellen für Ausfallzeiten wegen Schwangerschaft und Mutterschutz solle der Frauenanteil vor allem innerhalb der Führungspositionen erhöht werden. Auch wenn sich die Karrieresituation von Frauen bei der Polizei besonders alarmierend darstellt: Mit der Gleichstellung hapert es im gesamten öffentlichen Dienst. Misslich ist das vor allem auch wegen dessen Vorbildfunktion. Beispiel Schulen: Während rund 50 Prozent aller Lehrer an staatlichen Schulen Frauen sind, beträgt deren Anteil bei den Schulleitern nur 37 Prozent. Traurig auch die Situation an Hochschulen: Nur 14,7 Prozent der Professoren an Bayerns Hochschulen sind weiblich – bei den Studierenden beträgt der Frauenanteil nahezu die Hälfte; im Prüfungsjahr 2007/08 wurden knapp 43 Prozent aller Dissertationen von Frauen eingereicht. Vor allem in den medizinischen Fakultäten versuchten die Ordinarien jahrelang, die weibliche Konkurrenz draußen zu halten. Als die Gynäkologin Marion Kiechle vor zehn Jahren zur ersten Ordinaria ihres Fachs bundesweit ans Münchner Klinikum Rechts der Isar berufen wurde, war das ein Politikum. Die Professorin hatte gegen gewaltige Widerstände zu kämpfen; Kiechle hat sich das gemerkt und zieht auf ihre Art Konsequenzen: Von den insgesamt 67 Ärzten und Wissenschaftlern ihrer Klinik sind 40 weiblich. Eine Männerbastion sind nicht zuletzt Bayerns Ministerien. Noch immer muss man Ministerialdirigentinnen und Ministerialdirektorinnen mit der Lupe suchen: So ist unter den zehn Abteilungsleitern im Wirtschaftsministerium nur eine Frau, im Innenministerium beträgt das Verhältnis elf zu eins. Immerhin: Ministerpräsident Horst Seehofer hat zuletzt eine Reihe von Frauen in der Ministerialbürokratie befördert, hat beispielsweise in der Staatskanzlei zwei Frauen zu Amtschefinnen gekürt. Damit Frauenkarrieren im gesamten öffentlichen Dienst zur Regel werden, wünschen sich SPD und Grüne jetzt ein reformiertes Gleichstellungsgesetz. Das aus dem Jahr 1996 stammende Regelwerk solle statt unverbindlicher Appelle zur Frauenförderung verbindliche Vorgaben machen, sagt Simone Strohmayr, frauenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion. Sie verweist auf andere Länder wie Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, die längst 50-Prozent-Frauenquoten im öffentlichen Dienst eingeführt haben. Keine gute Idee, heißt es bei der CSU – wo seit einiger Zeit immerhin heftig über eine parteiinterne Frauenquote diskutiert wird. Das könne man nicht vergleichen, winkt Ingrid Heckner (CSU), Vorsitzende des Landtagsausschusses für den öffentlichen Dienst, ab: Es sei „völlig unterschiedlich“, wie Frauen im öffentlichen Dienst und wie sie in der CSU in Positionen kämen. In der Partei, glaubt Heckner, zählten „Netzwerke und Stimmungen“, im öffentlichen Dienst jedoch allein die „Befähigung“. Bayerns Lehrerinnen, Dozentinnen und Polizistinnen, die seit Jahren von ihren männlichen Kollegen überrundet werden, werden das mit Interesse zur Kenntnis nehmen.

(A. Kournioti/W. Taschner)

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