Politik

Ein Gruppenbild mit Damen ist in der Wirtschaftswelt selten. (Foto: DAPD)

09.12.2011

Frauen an die Macht

Weibliche Führungskräfte diskutieren, wie ihre Geschlechtsgenossinnen verstärkt in Spitzenpositionen kommen

In Deutschlands Führungsetagen sind Chefinnen Mangelware. Die Kulturmanagerin Sissy Thammer hat dieses allseits erkannte Problem persönlich lange zu spüren bekommen: Nachdem sie in den 1980er Jahren die Leitung des Festivals Junger Künstler Bayreuth übernommen hatte, trugen die meisten Geschäftsbriefe noch vier Jahre nach ihrem Antritt die Anschrift „Herrn Thammer“. Erst sehr, sehr langsam habe sich in den Köpfen festgesetzt, dass eines der europaweit renommiertesten Festivals für Nachwuchskünstler nunmehr von einer erfolgreichen Intendantin geführt wurde.


Arbeitsstelle und Partner gezielt aussuchen


Frauenquote, Managerinnen-Netzwerke, Mentoringprogramme – Thammer und weitere weibliche Spitzenkräfte diskutierten im Rahmen des Politischen Clubs der Landtags-CSU in München darüber, wie der Anteil weiblicher Führungskräfte gesteigert werden kann.
Eine Frage, bei der die Christsozialen eine Art Vorreiterrolle für sich in Anspruch nehmen: Erst vor einigen Monaten beschlossen sie auf einem Parteitag die Einführung einer parteiinternen Frauenquote. Demnach sollen 40 Prozent der CSU-Parteiämter auf Landes- und Bezirksebene künftig von Politikerinnen ausgeübt werden.
Auch gesamtgesellschaftlich könne eine Quote wirkungsvoll sein. Darin waren sich die Diskussionsteilnehmerinnen einig. Allerdings ist sie kein Allheilmittel, wie Professorin Ann-Kristin Achleitner betonte. Sie lehrt Wirtschaft an der TU München. Zudem wacht die Hochschullehrerin in den Aufsichtsräten Metro und Linde über die Geschäfte zweier großer deutscher Unternehmen.
Die Karriere-Barrieren für das weibliche Geschlecht seien zu 80 Prozent durch die mangelnde Vereinbarkeit von Karriere und Familie begründet, erläuterte Achleitner, die selbst Mutter ist. Die Professorin rät zu mehr Realitätssinn: Wer Karriere machen und Mutter werden wolle, solle ein Berufsfeld wählen, das die Möglichkeiten dafür bietet. So eigne sich der Arztberuf aufgrund extremer Arbeitszeitbelastungen eher weniger. Von Vorteil seien Jobs, die Möglichkeiten für ein Home-Office bieten.
Entscheidend sei auch die Wahl des Partners, sprich: Der Mann muss die Karrierewünsche der Frau tatkräftig unterstützen und sich an Kindererziehung und Familienarbeit beteiligen. Für beide Geschlechter gilt: Nach Ansicht Achleitners sollen Männer wie Frauen die Vereinbarkeit von Job und Familie vom Arbeitgeber offensiv einfordern.
Dazu gehöre zum Beispiel, dass Führungskräfte-Besprechungen nicht zu spät im Tagesverlauf angesetzt werden. So lasse sich sicherstellen, dass Väter und Mütter den Nachwuchs aus Krippe, Kindergarten oder Schule abholen können.
Achleitner und die Vize-Präsidentin des Deutschen Fußball-Bundes, Hannelore Ratzeburg, wiesen darauf hin, dass Frauenförderung auch bedeute, männliche Führungskräfte in Familienthemen zu coachen. Es dürfe nicht mehr als Karriereknick gelten, wenn Manager Elternzeit nehmen oder vorübergehend Teilzeit arbeiten.
Viele Unternehmen müssen nach Überzeugung von Christa Maar in Sachen Frauenförderung noch umdenken. Dabei können der Vorstandsvorsitzenden der Burda-Stiftung zufolge Mentoring- und Coachingprogramme hilfreich sein. Die Diskussionsrunde rät Frauen mit Karrierewunsch zu mehr Mut und Selbstbewusstsein.


Selbstzweifel hindern Frauen oft an Karriere


Während sich viele Männer geradezu für Führungspositionen aufdrängten, stünden vielen qualifizierten Frauen Selbstzweifel im Weg: „Kann ich das überhaupt?“ – Diese Frage bekommen sie von Wunschkandidatinnen immer wieder zu hören, wie die Teilnehmerinnen übereinstimmend berichteten. In der Fragerunde kritisierte eine Vertreterin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands das mangelhafte Angebot an Kinderbetreuungsmöglichkeiten.
So fehlten in München 150 Erzieherinnen für Kleinkinder. Außerdem gebe es an den Grundschulen der Landeshauptstadt lediglich 20 Ganztagsklassen. Karolina Gernbauer, Amtschefin der Bayerischen Staatskanzlei und erste Frau in der Geschichte des Freistaats auf diesem Posten, sagte: „Mir ist bewusst – hätte ich Kinder, säße ich heute nicht hier.“ Politik und Unternehmen müssten erst noch lernen, den individuellen Lebensentwürfen der Bürger besser entgegenzukommen.  (Robert Zsolnay)

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