Politik

Wir sind dann mal weg: Viele ländliche Gebiete im Freisstaat – vor allem in Nord- und Ostbayern – verlieren immer mehr Einwohner. (Foto: dapd)

04.01.2013

"Frauen sind das bestimmende Element"

Demografie-Experte Lothar Koppers über Bevölkerungsschwund im ländlichen Raum, Donut-Dörfer und die Folgen des Männerüberschusses

Vor einem Jahr hat Lothar Koppers das Modellprojekt „Wunsiedel 10 000“ gestartet. Das Ziel: die Entwicklung eines Aktionsplans gegen Abwanderung und zur positiven Gestaltung des demografischen Wandels. Er selbst wohnt in Flossenbürg. Denn wichtig sei ihm, auch den Alltag im ländlichen Raum zu erleben, betont der Direktor des Instituts für angewandte Geoinformatik und Raumanalysen (Agira).

BSZ: Herr Koppers, Sie leiten das Projekt „Wunsiedel 10 000“. Was untersuchen Sie genau?
KOPPERS: Wir untersuchen, wer nach Wunsiedel zieht, wer wegzieht und warum. An den Stellschrauben der natürlichen Bevölkerungsbewegung, dem Verhältnis zwischen Sterbenden und Neugeborenen können wir nur schwer drehen. Deshalb konzentrieren wir uns auf die Wanderung.

BSZ: Gibt es erste Ergebnisse?
KOPPERS: Ja, wir müssen mit dem Mythos, dass Arbeitsplätze alles richten, aufräumen. Sie sind wichtig, aber ebenso wichtig ist die Frage der geeigneten Immobilien. Auch familiäre Beziehungen spielen eine Rolle.

BSZ: Es liegt tatsächlich nicht an den Arbeitsplätzen?
KOPPERS: Wir können keinen Zusammenhang zwischen Zu- und Wegzug und dem Entstehen von Arbeitsplätzen feststellen. Allerdings gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Kaufkraft und der Wanderung. Es kommt also nicht auf die Schaffung von Arbeitsplätzen an, sondern darauf, welches Einkommen mit ihnen erzielt werden kann.

BSZ: Welche Ergebnisse gibt es noch?
KOPPERS: Es sind vor allem Alleinstehende und die so genannten Dinkis – double incomes no kids –, die Wunsiedel verlassen. Ganz offensichtlich weil sie keine geeigneten Immobilien vor Ort finden. Denn gerade auch im ländlichen Raum gilt: Nicht jeder möchte gleich ein Eigenheim.

"Es liegt nicht an den Arbeitsplätzen"


BSZ: Es gibt auch im ländlichen Raum eine Art Wohnungsnot?
KOPPERS: Ein Beispiel: Selb hat mit die größten Bevölkerungsverluste. Dennoch hat man dort ein Mehr-Wohnungs-Objekt von hoher Qualität hingestellt. Und nicht nur für dieses Objekt gab es eine Warteliste. Auch für ein zweites existiert eine. Viel zu häufig wird der Fokus auf billigen Wohnraum gelegt. Damit kommt man aber in große Schwierigkeiten.

BSZ: In welche?
KOPPERS: Oftmals können mit den geringen Mieten die Instandhaltungen nicht mehr bezahlt werden. Also nimmt die Qualität der Gesamtimmobilien immer weiter ab. Wir erarbeiten gerade, wie man diesen Teufelskreis durchbrechen kann. Das Ziel ist, qualitativ hochwertigen Wohnraum zu schaffen, der nachgefragt wird.

BSZ: Aber ziehen nicht viele aufs Land, weil es dort günstiger ist?
KOPPERS: Ja, aber hier kann schnell ein kritisches Ungleichgewicht entstehen. Die Mobilität hat den größten Anteil an den Lebenskosten. Wenn eine Familie ein zweites Auto benötigt, ist der Vorteil günstiges Wohnen dann schnell kein Vorteil mehr.

BSZ: Macht es denn Sinn, mit Gewalt Regionen am Leben zu erhalten, die vielleicht gar nicht  zu retten sind?
KOPPERS: Noch ein Beispiel: Weiden und der Landkreis Tirschenreuth haben in etwa den gleichen Bevölkerungsrückgang durch höhere Sterbe- als Geburtenzahlen, etwa elf Prozent. Weiden hat im gleichen Zeitraum einen Zuzug von sechs, Tirschenreuth einen Wanderungsverlust von drei Prozent. Während der Bevölkerungsrückgang in Weiden also bei etwa fünf Prozent liegt, liegt er in Tirschenreuth bei 14 Prozent. Wanderung kann sich stark auswirken. Wenn es gelingt, hier etwas zu drehen, ist man schon einen großen Schritt weiter.

BSZ: Was macht Weiden so viel attraktiver als Tirschenreuth?
KOPPERS: Hier spielen vor allem Bildungsfragen eine große Rolle. Weiden hat eine Hochschule. Tirschenreuth und Wunsiedel nicht. Nicht jeder Landkreis braucht eine Hochschule, aber dann müssen Ausgleiche geschaffen werden, etwa im handwerklichen oder industriellen Bereich.

BSZ: Ist das nicht ein Null-Summen-Spiel? Menschen, die man nach Wunsiedel lockt, fehlen woanders.
KOPPERS: Klar, aber von dem Konkurrenzdruck profitieren alle. Denn die Kommunen versuchen möglichst attraktiv für die Bürger zu sein. Außerdem werben die Verantwortlichen in Wunsiedel aktiv um Menschen aus dem europäischen Ausland. Denn entweder müssen wir mit dem Bevölkerungsverlust leben oder Menschen erlauben, zu uns zu kommen.

BSZ: Sie haben bereits 2008 gesagt: „Es ist 30 Jahre nach 12 Uhr.“
KOPPERS: Ja, wir riechen seit 30 Jahren, was kommen wird, aber bereiten uns nicht auf die Zukunft vor. Die sinkende Bevölkerungszahl hat Auswirkungen auf die Infrastrukturen. Im Bereich Pflege müssen sie ausgebaut werden. Andere müssen abgebaut werden – Wasserversorgung ist hier ein Thema. Das verursacht Kosten, die von einer immer geringer werdenden Bevölkerung mitgestemmt werden müssen. An sich ist Bevölkerungsrückgang ja nichts Schlechtes. Aber nur wenn man für frei werdende Kapazitäten Nachnutzung hat.

"Warum aus einer Schule kein Altenheim machen?"

BSZ: Im Grundgesetz sollen gleichwertige Lebensverhältnisse festgeschrieben werden. Ist das nicht Utopie?
KOPPERS: Es kommt darauf an, wie der Schrumpfungsprozess tatsächlich stattfindet. In Fachkreisen gehen wir durchaus davon aus, dass ihm Orte zum Opfer fallen werden. Aber wie man mit der Schrumpfung umgehen will, damit mag sich heute noch keiner so recht befassen.

BSZ: Was könnte eine Lösung sein?
KOPPERS: Man muss möglichst die Ortskerne weiterentwickeln, die vielerorts schon heute verrotten. Wir nennen das flapsig Donut-Dörfer. Denn innen sind sie hohl, da voll schlechter Bausubstanz. Außen wachsen die Eigenheimsiedlungen immer weiter – quasi als Schokolade. Man könnte aber doch den Gedanken des Austragshäusels wieder aktivieren. Pflege, Gesunderhaltung, Wohnen im Alter – diese Funktionen könnte der Ortskern übernehmen.

BSZ: Sie wollen die Ortskerne zu Altenghettos machen?
KOPPERS: Nein, aber jetzt haben wir meist Altensiedlungen an den Ortsrändern, die verkehrstechnisch schlecht angebunden sind. Wäre es nicht geschickter, ältere Menschen in die Zentren zu holen? Und übrigens: In einer Wohnung, wo ein Rollstuhl durchpasst, passt auch ein Kinderwagen durch. Am Ende ist die Frage des demografischen Wandels auch eine Frage des Überlebens in den kommunalen Haushalten. Warum aus einer Schule also kein Altenheim machen?

BSZ: Kinderbetreuung und Schulangebote sind doch auch wichtig, oder?
KOPPERS: Klar, nicht jeder sieht seine Lebensaufgabe darin, Taxi für seine Kinder zu spielen. Aber Strukturen müssen an den Bedarf angepasst werden – auch kommunenübergreifend. Es gibt bereits ganz tolle Modelle. In Erbendorf im Kreis Tirschenreuth holt ein Gemeindebus jedes Kindergartenkind vor der Haustür ab.

BSZ: Im ländlichen Raum gibt es bei den Jüngeren einen großen Männerüberschuss. Warum?
KOPPERS: Wir untersuchen das und vermuten, dass die Bedürfnisse jüngerer Frauen vor allem im Bereich der Arbeitsplätze nicht erfüllt werden. Für sie sind im ländlichen Raum Arbeitsplätze weniger attraktiv, da sie oft verlängerte Werkbänke sind. Und es zeigt sich, dass es meist der Arbeitsplatz der Frau ist, der den Wohnort der Familie bestimmt.

BSZ: Also müssen Kommunen und Arbeitgeber für Frauen mehr tun?
KOPPERS: Ja, das ist genau das, was wir den Kommunen empfehlen: Schaut auf die Frauen. Denn sie sind das bestimmende Element. Wenn ihr es schafft, die Frauen zu überzeugen, dann werdet ihr auch eine entsprechende Entwicklung haben.
(Interview: Angelika Kahl)

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