Politik

Weniger Junkfood, mehr Obst und Gemüse – viele Kinder brauchen heute Nachhilfe in Sachen gesunder Ernährung. (Foto: dpa)

03.05.2013

Fürs Leben lernen

Schulen sollen mehr Lebenspraktisches vermitteln – nur in welchem Rahmen?

Zu viel Junkfood, zu wenig Bewegung und kein richtiges Gespür dafür, was man sich leisten kann und was nicht: Um Verbraucherwissen und Alltagskompetenz ist es bei jungen Menschen nicht immer gut bestellt. Was das Elternhaus oft nicht leistet, sollen die Schulen bieten: Hierüber besteht politischer Konsens. Streit gibt es vor allem darum, in welcher Form und in welchem Umfang diese Inhalte vermittelt werden sollen.
50 000 Unterschriften haben die Landfrauen im Bayerischen Bauernverband gesammelt, um ihrer langjährigen Forderung endlich Nachdruck zu verleihen – Alltags- und Lebenskompetenzen verpflichtend in der Schule zu vermitteln. In Form eines Antrags der SPD und eines Dringlichkeitsantrags der Freien Wähler (FW) kam das Thema auf die Tagesordnung im Landtag. Ein „neues Schulfach Lebenskunde“ wollen die FW. Von der ersten Jahrgangsstufe der Grundschule an solle fortlaufend über alle Schularten an allgemeinbildenden Schulen bis zum Abschluss ein einstündiges Fach eingeführt werden, das Wissen im Bereich der Ernährungs- und Gesundheitsbildung, der Verbraucher- sowie der finanziellen Allgemeinbildung vermitteln soll. Das bisherige fächerübergreifende Konzept habe sich nicht bewährt. Die Staatsregierung widersprach: Es sei zwar in Mode, nach neuen Fächern zu rufen, pädagogisch aber fragwürdig, heißt es in einer Pressemitteilung. Der fächerübergreifende Ansatz gewährleiste eine breite und kontinuierliche Behandlung der entsprechenden Themen, zudem bestehe bereits die Möglichkeit, vor allem an Ganztagsschulen Experten mit ergänzenden Angeboten in den Unterricht einzubeziehen.

Gymnasiasten, die noch nie einen Obstsalat gemacht haben


Was CSU und FDP nicht daran hinderte, einen eigenen Antrag einzubringen. Und die Grünen zogen nach, so dass gleich vier Anträge zum Thema vorlagen. Erwartungsgemäß setzte sich der Antrag der Koalition durch. Nun soll ein pädagogisches Gesamtkonzept erstellt werden, das die Themen „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“ modulartig über alle Jahrgangsstufen und Schularten hinweg weiterentwickelt und festlegt. Zudem soll das Thema im Praxis- und Serviceteil der Lehrpläne und in der Lehrerfortbildung verankert werden – all das jedoch im „Rahmen vorhandener Stellen und Mittel und ohne Ausweitung der Stundentafel“. Gerade im Bereich der Ganztagsangebote soll der Unterrichtsgegenstand stärker positioniert werden.
Der Vorstoß der Landfrauen habe den Blick noch einmal geschärft, so Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). Eine Ausweitung der Stundentafel lehnt die Staatsregierung jedoch schon allein deshalb ab, weil es, so ein Sprecher, auch schwierige Auswirkungen auf die Schülerbeförderung habe.
„Manch ein Gymnasiast hat noch nie einen Obstsalat zubereitet“, meint SPD-Bildungsexperte Martin Güll. Seit PISA liege der Schwerpunkt noch mehr auf messbarem Wissen. „Wir wollen eine offene Diskussion darüber, wie die Lehrpläne lebenstauglich gestaltet werden können“, so Güll. „Jede Woche eine Stunde“ sei nicht in seinem Sinne: „Wir wünschen uns den Gegenwert von einer Stunde, in jeder Jahrgangsstufe und Schulart gut platziert im Schuljahr.“


Was ist der Unterschied zwischen Giro- und Sparkonto?


Die Landfrauen sehen den nun beschlossenen Antrag als „ersten Schritt“ in die richtige Richtung. Zusätzliche Handlungsempfehlungen und Materialien für den Unterricht verbesserten die Situation, sagt Andrea Fuß, Geschäftsführerin der Landfrauen. Jetzt seien erst mal die Fachleute vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung am Zuge. Ob man fächerübergreifend das gewünschte Ziel erreiche, müsse man abwarten. „Wir sind von unserer Forderung nach einem eigenen Fach nicht abgerückt“, sagt Fuß. Aus wissenschaftlicher Sicht wäre ein eigenes Fach „mehr als wünschenswert“, sagt Kirsten Schlegel-Matthies, Professorin am Institut für Ernährung, Konsum, Gesundheit an der Universität in Paderborn – auch wenn der Titel „Lebenskunde“ eher fragwürdig sei. Schlegel-Matthies war am Forschungsprojekt REVIS (Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in allgemein bildenden Schulen) beteiligt, das im Auftrag der Bundesregierung ein Kerncurriculum und Standards für eine zukunftsgerechte Ernährungs- und Verbraucherbildung erarbeitet hat.
Dass das Grundwissen über ein gesundes und erfolgreiches Leben nicht mehr sehr verbreitet sei, merke sie schon an ihren Studierenden: „Am Gymnasium lernt man vielleicht etwas über makroökonomische Zusammenhänge, aber der Unterschied zwischen Giro- und Sparkonto ist nicht allen bekannt.“ Für das Defizit seien jedoch nicht immer die Elternhäuser verantwortlich. „Unsere Welt wandelt sich ständig, da hilft Alltagswissen nicht immer weiter. Themen wie EHEC oder Pferdefleisch in der Lasagne müssten aktuell aufbereitet und die Schüler befähigt werden, sich immer wieder neue Informationen zu beschaffen und bewusst durchs Leben zu gehen. „Das ist eine anspruchsvolle und aufwendige Aufgabe“, meint Schlegel-Matthies. Deshalb wäre es besser, das Fach auch in der universitären Lehrerausbildung zu verankern. Die Thematik in die Ganztagsangebote  zu integrieren, sei nicht zielführend. „Das ist ja dann nicht flächendeckend und insofern pädagogisch fragwürdig.“ Keinesfalls dürfe man den Unterricht externen Experten allein überlassen, das verstoße gegen die Bildungshoheit des Staates. (Anke Sauter)

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