Politik

Aus der Rückkehr zum 9-jährigen Gymnasium wird erst einmal nichts. Das Volksbegehren der Freien Wähler ist Geschichte. (Foto: dpa)

16.07.2014

G8 bleibt - und ein Problem auch

Mit dem Scheitern des G8/G9-Volksbegehrens ist eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium vorerst vom Tisch. Die CSU will stattdessen das G8 verbessern - aber ein Geburtsfehler wird bleiben.

Eigentlich wollte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bis zum Ende des Volksbegehrens zur Wahlfreiheit zwischen acht- und neunjährigem Gymnasiums schweigen. Doch die Freien Wähler sind mit einer so niedrigen Beteiligung von plus/minus drei Prozent gescheitert, dass es schon vorher aus ihm herausbricht: "Wir sind offensichtlich näher dran an der Bevölkerung als andere", sagt der Erfinder der "Koalition mit dem Bürger" am Mittwoch am Rande der Landtagssitzung. "Man darf das so interpretieren, dass das keine Watschn für die bayerische Bildungspolitik war, sondern für den Herrn Aiwanger."  
Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger sieht sich jedoch keineswegs als Opfer einer Watschn: "Der Triumph bei der CSUhält sich sehr in Grenzen", findet Aiwanger. Der Freie Wähler-Chef baut darauf, dass die CSU mit dem Festhalten am G8 den Bayerischen Philologenverband schwer enttäuscht. Denn die Gymnasiallehrer wollen eine Rückkehr zum G9. Die CSU hatte ihnen eine Lösung in Aussicht gestellt, die der Philologenverband akzeptieren kann.  

Aiwanger sieht viele Gründe für das Scheitern


Danach sieht es derzeit aber nicht aus. "Wir werden nicht die Hand reichen für Lösungen, die nicht auf einem neunjährigen Gymnasium für die Mehrheit der Schüler beruhen", drohte bpv-Präsident Max Schmidt deswegen bereits am Dienstag. "Die Philologen sind vielleicht hinter die Fichte geführt worden", kommentiert Aiwanger. "Die CSU kann es sich nicht leisten, diesen eingerissenen Fingernagel bis zur Landtagswahl 2018 mit sich herumzutragen." 
Aiwanger nennt viele Gründe für das Scheitern des Volksbegehrens - fehlendes Geld, die Vielzahl verwirrender Reformvorschläge, mangelnde Motivation vieler Bürger, Eifersüchteleien bei Philologenverband, SPDund Grünen.
Es gibt noch einen weiteren naheliegenden Grund: Das G8ist möglicherweise bei den Eltern weniger unbeliebt, als die Kritiker glauben. Die Statistik legt nahe, dass das G8 durchaus erfolgreich ist: Der Anteil der Gymnasiasten an der Schülerschaft ist in den vergangenen Jahren von 30 auf 40 Prozent gestiegen.  
Der Anteil der unglücklichen Schüler, die das Gymnasium vor dem Abitur wegen schlechter Noten wieder verlassen müssen, ist von über 35 Prozent auf etwa 30 Prozent gesunken. Ein knappes Drittel der Abiturienten erreicht einen Notendurchschnitt von 1,0 bis 2,0. Die Quote der Sitzenbleiber ist von 2,7 auf 2,2 Prozent gesunken.

Kultusminister Spaenle setzt jetzt auf das Flexijahr

Und heutzutage vergessen viele G8-Gegner, dass die Unzufriedenheit mit dem Gymnasium war auch schon zu alten G9-Zeiten sehr hoch war. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) will nun das G8 verbessern. Er setzt auf das bereits eingeführte Flexibilisierungsjahr. Die Schüler können damit individuell entscheiden, ob sie in der Mittelstufe ein zusätzliches Jahr einlegen und so das G8 in neun Jahren absolvieren. Spaenle wählt dafür eine etwas kryptische Formel: "unterschiedliche Lernzeiten in einem bayerischen Gymnasium".
Aiwanger verweist darauf, dass das ein Grundproblem des G8 nicht lösen wird: Die hohe Belastung der Kinder vor allem in den ersten Jahren des Gymnasiums. Als das G8 vor zehn Jahren eingeführt wurde, trafen die Kultusminister der Länder einen folgenschweren Entschluss: Es blieb bei den 265 Jahreswochenstunden, die im neunjährigen Gymnasium bis zum Erreichen des Abiturs nötig waren.  
Die Stundenzahl des G9 wurde auf acht Jahre verteilt, so dass die wöchentliche Stundenzahl stieg und regelmäßiger Nachmittagsunterricht eingeführt werden musste. Viele Eltern klagen seither, dass ihre Kinder keine Zeit für Freunde, Sport oder Klavier mehr haben. Einschließlich der Hausaufgaben kann die wöchentliche "Arbeitszeit" eines Fünftklässlers leicht die 40 Stunden überschreiten. "Das G8 geht auf Kosten des Sozialen und der Freizeit", sagt Aiwanger. Schwierig für viele Kinder ist vor allem die zweite Fremdsprache in der sechsten Klasse.
An diesem Grundproblem wird sich nichts ändern. Denn die Staatsregierung kann nicht einseitig die Zahl der Jahreswochenstunden reduzieren. Damit liefe sie Gefahr, dass das bayerische Abitur außerhalb des Freistaats nicht mehr anerkannt wird.
Auch SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher will inzwischen ein G9 und fordert die Staatsregierung auf, den Konsens mit der Opposition zu suchen. "Wenn die CSU meint, dass nun eine Mini-Lösung akzeptiert würde, ist das ein Trugschluss." Doch ungeklärt bleibt eine Frage: Wie Konsens herstellen, wenn jeder etwas anderes will? (Carsten Hoefer, dpa)

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