Politik

Auch eine Mittagsbetreuung bis 14 Uhr zählt in Bayern zum Ganztagsangebot. Einer berufstätigen Mutter hilft das allerdings wenig. (Foto: dpa)

16.08.2013

"Ganztags ist mehr als Currywurst und Nachhilfe"

Bayern ist Schlusslicht beim Ausbau der Ganztagsschule – Experten, Opposition und sogar die CSU fordern deshalb einen Rechtsanspruch, doch das Kultusministerium mauert

Die Fachwelt ist sich weitgehend einig: Ganztagsschulen bieten große Chancen – für die Förderung einzelner Schüler und mehr Bildungsgerechtigkeit. Doch laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung gibt es weit weniger Ganztagsplätze, als benötigt werden. Heiß diskutiert wird deshalb aktuell ein Rechtsanspruch auf einen Platz. Doch wer von ganztags spricht, muss auch über die Qualität reden.

Für Antonia aus München beginnt bald eine aufregende Zeit. Die Sechsjährige kommt in die Schule, dem 12. September fiebert sie seit Wochen entgehen. Antonias Mutter ist nicht minder aufgeregt. Sie macht sich  Sorgen. Noch immer hat sie für die Tochter keine Zusage für einen Hortplatz. Einzig eine Mittagsbetreuung – in einem kleinen Hinterzimmer ohne Fenster – hat sich bislang gefunden. Eine Lösung ist das für die Werbekauffrau, die 35 Stunden in der Woche arbeitet, nicht.


Verzweifelte Eltern


Eine Lösung könnte dagegen eine Ganztagsschule sein. 70 Prozent der Eltern in Deutschland wünschen sich laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung einen Ganztagsschulplatz für ihr Kind. Doch nicht einmal ein Drittel aller Schüler hat auch einen. In Freistaat wollen 56 Prozent der Eltern ihren Nachwuchs auf eine Ganztagsschule schicken. Doch im Schuljahr 2011/12 nutzten gerade einmal 11,4 Prozent der bayerischen Schüler Ganztagsangebote. In ganz Deutschland fehlen also Plätze – doch in Bayern liegt laut der Studie das Angebot am deutlichsten hinter dem Elternwillen zurück. „Viele Eltern klagen, dass sie bei der Suche nach Plätzen verzweifeln“, bestätigt auch Ursula Walther, Sprecherin des bayerischen Elternverbands (BEV).
Damit sich das ändert,  fordert die Bertelsmann Stiftung einen Rechtsanspruch für jeden Schüler auf den Besuch einer Ganztagsschule – analog zum bereits bestehenden Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. „Ein Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz ist der entscheidende Hebel für eine staatliche Investitionsoffensive“, begründet Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Stiftung, den Vorstoß. Und er bekommt jede Menge Unterstützung – von Experten, Verbänden und Politikern. Neben dem BEV sprechen sich auch das deutsche Jugendinstitut (DJI), der deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und der deutsche Industrie- und Handelstag (DIHK) für einen Rechtsanspruch aus. Die gesamte Opposition in Bayern ist dafür. Und auch der bildungspolitische Sprecher der CSU-Landtagsfraktion Georg Eisenreich betont: „Nachdem seit August ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz besteht, ist die die Schaffung eines Ganztagsschulplatzes für jeden Schüler, der das braucht, die nächste große Aufgabe. Ein Rechtsanspruch der Eltern und Schüler muss dabei das Ziel sein.“
Im bayerischen Kultusministerium sieht man das jedoch anders. Man orientiere sich am Bedarf, und hier sei der Antrag der Kommunen als Sachaufwandsträger maßgeblich, heißt es auf Nachfrage der Staatszeitung. „In den letzten Jahren konnte in Bayern jeder genehmigungsfähige Antrag genehmigt werden“, betont ein Sprecher. Der statistische Vergleich der Zahlen der Bundesländer sei nicht das Maß aller Dinge.
Die Studie der Bertelsmann Stiftung bezieht sich auf die sogenannten offenen und gebundenen Ganztagsangebote. Das bayerische Kultusministerium rechnet auch eine verlängerte Mittagsbetreuung mit ein. In der Fachwelt herrscht jedoch weitgehend Konsens darüber, dass die gebundene Form von ganztags die größten Chancen bietet: Bildungsdefizite können leichter abgebaut und die Koppelung von sozialer Herkunft und Schulerfolg durchbrochen werden. Denn während es bei  offenen Angeboten nachmittags keinen Unterricht gibt, sondern Betreuungsangebote, deren Besuch freiwillig ist, ist bei der gebundenen Ganztagsschule der Unterricht flexibel über den ganzen Tag verteilt: Schulstunden wechseln sich mit Übungszeiten, Fördermaßnahmen und Freizeitangeboten ab. Die Teilnahme ist verpflichtend.
Laut der Bertelsmann-Studie bietet sich hier ein besonders düsteres Bild. Nur 5,1 Prozent der bayerischen Schüler gingen im Schuljahr 2011/2012 in eine gebundene Ganztagsklasse. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei knapp 14 Prozent. Im Freistaat hat sich in den vergangenen Jahren zwar viel getan. Gab es im Schuljahr 2002/2003 insgesamt 365 Schulen mit Ganztagsangeboten, waren es im Schuljahr 2012/2013 bereits 2327, davon waren 964 gebundene Ganztagsangebote. An 86 Schulen im Freistaat kommen im nächsten Schuljahr gebundene Ganztagsklassen hinzu. Doch reine staatliche Ganztagsschulen gibt es im Freistaat nicht, denn die Staatsregierung setzt auf „Wahlfreiheit“ – das heißt, jede Schule muss auch ein Halbtagsangebot bieten. „Dazu kommen Regularien zur Mindestschülerzahl für die Einrichtung einer Ganztagsklasse und die Vorgabe, dass die Errichtung von Ganztagsklassen nicht zu einer Klassenmehrung innerhalb einer Schule führen darf“, moniert Günther Felbinger, bildungspolitischer Sprecher der Freien Wähler. „Wenn man wirklich die Ganztagsschule vorantreiben will, ist deshalb ein Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz unumgänglich.“ SPD-Bildungsexperte Martin Güll setzt sich seit Jahren für einen gesetzlichen Anspruch ein. Er wirft der Staatsregierung „Schneckentempo“ beim Ausbau der Ganztagsschule vor.


Lern- und Lebensraum


Die FDP dagegen lehnt den Rechtsanspruch ab. „Ich bin ein großer Fan der Ganztagsschule“, sagt Renate Will, schulpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion. „Aber ein freiwilliger flächendeckender Ausbau wäre sinnvoller.“  Die Lücke zwischen Nachfrage und Angebot führt sie auf einen Mangel an räumlicher und finanzieller Ausstattung zurück. Will fordert, dass sich neben Staat und Kommunen auch der Bund finanziell beteiligen sollte. Dazu müsste aber das Kooperationsverbot im Bildungsbereich fallen, was die Staatsregierung strikt ablehnt.
Der bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) betrachtet einen Rechtsanspruch ebenfalls skeptisch, obwohl er sich für den Ausbau des gebundenen Ganztagsangebots stark einsetzt. BLLV-Präsident Klaus Wenzel sieht wie  Will die Voraussetzungen dafür schlicht nicht erfüllt. „Currywurst und Hausaufgabenbetreuung zu bieten, reicht nicht“, sagt er. Es brauche umfassende Konzepte. „Doch die Erfahrungen mit dem Gesetzanspruch auf einen Kita-Platz haben gezeigt: Wie es mit der Qualität aussieht, wird nicht überprüft“, sagt Wenzel.
Auf Konfrontationskurs geht der bayerische Realschullehrerverband (brlv). Das Ganztagsangebot liege nicht hinter dem Elternwillen zurück, glaubt der brlv-Vorsitzende Anton Huber. „Durch gezielt gesetzte Studien wird der Eindruck erweckt, dass der Bedarf sehr viel höher sei.“ Das Gegenteil sei oft der Fall, sagt Huber. Vorteile der gebundenen Form müssten vielen Eltern erst bewusst gemacht werden, deshalb sei es oft so, „dass nicht die Eltern den Bedarf anmelden, sondern die Realschulen die Eltern überzeugen müssen“.
In einem sind sich Befürworter und Gegner eines Rechtsanspruchs indes einig: Funktionierende Ganztagsschulen brauchen eine entsprechende Ausstattung – sowohl finanziell als auch personell. Derzeit erhalten je nach Schulart gebundene Ganztagszüge acht bis zwölf Wochenstunden für Lehrkräfte zusätzlich. Dazu kommen 6000 Euro für externe Kräfte pro Klasse und Schuljahr – zu wenig in den Augen vieler Experten. „Dafür bekommen sie Billigkräfte, aber kein qualifiziertes Personal“, sagt Wenzel. Er wünscht sich, dass gebundene Ganztagsschulen mit einer besseren Ausstattung zur Regel werden. „Denn das bietet die Möglichkeit, dass Schule dann nicht mehr nur als Lernraum erlebt wird, sondern auch als Lebensraum.“ (Angelika Kahl)

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