Politik

Erfolg kann man nur mit der notwendigen ethischen Qualifikation haben, sagt Experte Dyckerhoff. (Fotos: dapd, Dyckerhoff)

24.02.2012

"Gauck muss nicht Superman sein"

Der Mannheimer Personalberater Christoph Dyckerhoff beurteilt angehende Führungskräfte auch nach ethischen Kriterien. Der Ethik-Experte über charakterliche Voraussetzungen für Politiker und überzogene Erwartungen

BSZ: Herr Dyckerhoff, Sie unterziehen Kandidaten für Führungspositionen einem Ethik-Test. Nennen Sie bitte eine typische Frage daraus.
Dyckerhoff: Beschreiben Sie bitte Ihren Lebenspartner und Ihren Freundeskreis. Worauf achten Sie, was sind Ihre Erfahrungen?

BSZ: Warum ein Ethik-Test?
Dyckerhoff: Weil ich der Meinung bin, dass Ethik und Erfolg zusammengehören. Mein Test baut auf neun Säulen, also Kriterien auf, die man erfüllen muss, um erfolgreich zu sein. Früher wurde ich dafür als Gutmensch belächelt, unter ethischen Gesichtspunkten Führungskräfte rekrutieren zu wollen. Schließlich hieß es, die Wirtschaft brauche Leute, die knallhart sind und in ihren Entscheidungen auch brutal sein können. Aber wir brauchen Führungskräfte, die mit den Naturgesetzen im Einklang sind.

BSZ: Mit den Naturgesetzen?
Dyckerhoff: Ja, stellen Sie sich einen Baum vor, der keine starken Wurzeln hat. Der wird keinem Sturm standhalten können. Führungskräfte sind heute aber immer stärkeren Stürmen ausgesetzt. Deshalb müssen Sie unbedingt geerdet sein.

"Christian Wulff hätte den Ethik-Test nicht bestanden"


BSZ: Lässt sich Ihr Ethiktest auch auf Politiker anwenden?
Dyckerhoff: Natürlich, das sind ja auch Führungskräfte. Und eines ist klar: Ex-Bundespräsident Christian Wulff wäre beim Ethiktest durchgefallen.

BSZ: Hat er zu schwache Wurzeln?
Dyckerhoff: Ja, ich orientiere mich an zwei Philosophen. Immanuel Kant hat mit seinem kategorischen Imperativ – frei formuliert – gefordert: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Denn wenn Sie jemanden schädigen, produzieren Sie eine Schieflage, und dies fällt immer wieder auf Sie zurück. Sokrates hat die Menschen gefragt: „Wer bist Du?“ Nur wer sich selbst kennt, kann in Krisen stark sein. Und nur wer seine Ziele kennt und den Weg dorthin, kann standfest sein. Denn heutzutage gibt es so viele Überraschungen. Wulff konnte am Schluss gar nicht mehr stehen, so schwach war er in dem Sturm, den er selbst ausgelöst hat. Der Sturm der Entrüstung von den Menschen, die er so sehr enttäuscht hat.

BSZ: Was war in Ihren Augen Wulffs größter Fehler?
Dyckerhoff: Er war zu sehr außengesteuert und hat sich mit den falschen Leuten umgeben. Kandidaten mit einem gestörten oder schwierigen privaten Umfeld sind für Führungspositionen nur sehr bedingt geeignet.

BSZ: Hätten Sie bereits vor eineinhalb Jahren sagen können, dass Wulff die Anforderungen nicht erfüllen kann?
Dyckerhoff: Ja, ich hatte große Bedenken. Und da seine Wahl einem rein parteitaktischen Kalkül folgte, hat nicht nur er versagt, sondern auch die politische Klasse Deutschlands. Von den zwei Kandidaten konnte meines Erachtens nach nur einer – Joachim Gauck – den höchsten moralischen Maßstäben genügen. Aber in so einer Konstellation des Fraktionszwangs musste die Frage der ethischen Qualifikation zwangsläufig unter den Tisch fallen – ein großer Fehler, wie sich nun herausgestellt hat.

BSZ: Aber hat nicht jeder Mensch Fehler, also auch Joachim Gauck?
Dyckerhoff: Natürlich, aber es geht darum, wie man mit Fehlern umgeht. Intransparenz, mangelnde Kritikfähigkeit und die Verquickung politischer Amtspflichten und privater Annehmlichkeiten haben bei Wulff zu Abhängigkeiten geführt, die für das erste Amt im Staat verheerend sind.

BSZ: Wulff gab den Medien die Schuld.
Dyckerhoff: Andere für etwas verantwortlich zu machen, für das man selbst die Verantwortung trägt, ist einer der größten Fehler. Wulff hat bis heute nicht begriffen, um was es wirklich ging. Auch bei seinem Rücktritt hat er noch behauptet, er hätte zulässig gehandelt und sei immer um Öffentlichkeit bemüht gewesen.

BSZ: Die öffentliche Debatte über Moral scheint, gerade was das Amt des Bundespräsidenten angeht, auch überhitzt. Kann die Erwartungen überhaupt noch jemand erfüllen?
Dyckerhoff: Das stimmt, jeder will jetzt die sogenannte eierlegende Wollmilchsau. Es geht aber nicht darum, fehlerlos zu sein, sondern kritikfähig und unabhängig – in seiner Denkrichtung, aber auch finanziell.

BSZ: Auch bei Gauck werden dunkle Stellen gesucht. Da gibt es zum Beispiel die Aussage zu Thilo Sarrazin.
Dyckerhoff: Ja, und da ist auch noch seine wilde Ehe.

BSZ: Muss Gauck aus Ihrer Sicht seine langjährige Partnerin jetzt heiraten?
Dyckerhoff: Will man den Ethiktest bestehen, muss man auch Vorbild sein können. Und natürlich werden Sie als Mensch, der ganz oben steht, besonders durchleuchtet. So wie sich das Handeln eines Vorstandvorsitzenden auf das Unternehmen auswirkt, wirkt sich das Handeln des Bundespräsidenten auf die Bevölkerung aus. Gauck muss jetzt das von Wulff zerstörte Vertrauen wieder aufbauen. Und das kann er nur, wenn er nicht all viele dunkle Stellen aufweist. Ob ein Bundespräsident aber nun verheiratet sein muss, ist Geschmackssache. Ich würde Herrn Gauck übrigens sehr gerne einem Ethiktest unterziehen. Ich bin überzeugt, dass er ihn bestehen würde.

BSZ: Bei seinem ersten Auftritt als Bundespräsidentschaftskandidat hat er gesagt, er sei verwirrt und ungewaschen. War das angemessen?
Dyckerhoff: Das war wirklich klasse. Es hat gezeigt, dass er Charisma und Humor hat. Damit zeigt er auch Identität. Gauck muss, um im Amt bestehen zu können, nicht Superman sein.

BSZ: Welcher Politiker, glauben Sie, würde den Ethiktest noch bestehen?
Dyckerhoff: Da bin ich grundsätzlich zurückhaltend. Man muss erst einmal hinter die Fassade schauen, um ein abgewogenes Urteil abzugeben.

BSZ: Erfüllen Sie denn selbst alle Kriterien Ihres Tests?
Dyckerhoff: Natürlich weiß ich, dass ich als Ethik-Experte und Erfinder dieses Tests eine besondere Vorbildfunktion zu erfüllen habe. Aber auch ich mache Fehler, ansonsten wäre ich eine Maschine.
(Interview: Angelika Kahl)

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Kommentare (1)

  1. Guido Schümann am 25.02.2012
    Herr Christian Wulff hat sich durch verschiedenartige Verstrickungen in ein Netz der Gewährung gegenseitiger Gefälligkeiten selbst zu Fall gebracht und durch seinen überfälligen Rücktritt den Weg für einen Neuanfang im Berliner Schloss Bellevue frei gemacht.

    In einer Zeit, in der wir einen Werteverfall auf breiter Front erleben, kommt dem deutschen Staatsoberhaupt eine bedeutende Rolle als moralische Instanz in unserem Lande zu, quasi als integerer, nicht zwingend fehlerfreier, aber überzeugender Mahner für eine wertschätzende Umgangskultur in allen gesellschaftlichen Bereichen.

    Großes Ansehen im Volk und auch bei mir genießt Herr Joachim Gauck, dem ich zutraue, den ramponierten Ruf und die angeschlagene Autorität des Amtes des Bundespräsidenten wiederherzustellen. Ich würde mir wünschen, dass sich eine große und parteiübergreifende Mehrheit in der Bundesversammlung für diesen unerschrockenen Verfechter von Grund- und Bürgerrechten einsetzt.

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