Politik

Clifford Chanin (Mitte) vom 9/11 memorial hat Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenstätten, und Jürgen Fischer, Stiftungsbeauftragter für internationale Kontakte, zum Gedankenaustausch in New York empfangen. (Foto: BSZ)

20.08.2010

Geteilte Erinnerungsarbeit

Die Stiftung bayerischer Gedenkstätten kooperiert künftig mit dem 9/11 Memorial

Kevin Wang hat ein Tetraptychon gemalt, in dem er seine Gefühle über 9/11 ausdrückt: Auf dem ersten Bild scheint die Sonne über den imposanten Twin Towers, die die bunte Skyline von Manhattan dominieren. Auf der zweiten Darstellung ist die Sonne verschwunden; dafür hat ein Flugzeug die Türme dezimiert und dunkle Wolken verursacht. Auf dem dritten Gemälde entweichen den geschrumpften Türmen rote Herzen gen Himmel. Auf der vierten Zeichnung scheint die Sonne wieder und zwei neue Türme ragen mächtig aus der Szenerie empor – randvoll gefüllt mit roten Herzen.


„Ein ganz erstaunliches Bild“, urteilt Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten, über die Miniatur des Achtjährigen. Der war noch gar nicht geboren, als die Terroranschläge im Jahr 2011 auf das World Trade Center (WTC) verübt wurden. Freller hat die Malerei jüngst in einer der beiden 9/11-Gedenkstätten – eine staatliche und eine von den Hinterbliebenen initiierte – entdeckt und fotografiert.

Zweck seines viertägigen Aufenthalts am Big Apple war, eine Zusammenarbeit zwischen den beiden New Yorker Einrichtungen und denen in Dachau und Flossenbürg aufzubauen. Dies ist der kleinen Delegation aus Bayern im Rahmen eines regen Austausches gelungen. Die Amerikaner haben bereits die Einladung zu einem Gegenbesuch angenommen. „Sicherlich erst nach Fertigstellung des künftigen 9/11-Areals im kommenden Jahr“, sagt Freller. Darin werden auch die beiden bestehenden Anlaufstellen integriert.


Gemeinsam ist allen Stätten das „Nie wieder“


„Stätten des Gewissens“ nennt der CSU-Politiker Gedenkstätten weltweit. Die Kooperation ihrer Mitarbeiter hält er für essentiell. Auch das bayerische Gedenkstättengesetz sieht „die Zusammenarbeit mit Institutionen und Organisationen gleicher Zielsetzung im In- und Ausland“ vor. „Natürlich ist der Holocaust in seiner Singularität nicht vergleichbar mit den Geschehnissen von 9/11“, sagt Freller.


Nichtsdestotrotz habe man Gemeinsamkeiten festgestellt: In beiden Fällen sei Fanatismus ursächlich für die politisch und religiös motivierten Verbrechen. Freller: „Außerdem ist sämtlichen Gedenkstätten der Ansatz ,Nie wieder’ gemeinsam.“ Die Erinnerungsarbeit ähnele sich allerorten: Wie in Dachau suche man auch in New York gemeinsam mit Überlebenden und Angehörigen der Opfer nach einem würdigen Gedenken. Man mache sich Gedanken über die pädagogische Arbeit oder wie neue Medien eingesetzt werden können. Diese Parallelen hat der Stiftungsdirektor aus Bayern in Gesprächen mit Clifford Chanin vom „National September 11 Memorial und Museum“ festgestellt.


Als emotionalsten Moment seiner Reise erinnert Freller indes die Begegnung von Lee Ielpi, Präsident der Hinterbliebenen-Stätte Tribute-WTC-9/11, und Jack Terry, dem Überlebenden-Sprecher des Konzentrationslagers Flossenbürg. Ielpis 29-jähriger Sohn, ein Feuerwehrmann, ist am 11. September 2001 bei einem Rettungseinsatz ums Leben gekommen. Terry, der inzwischen in New York lebt, hat die Todesmaschinerie der Nazis überlebt. „Die beiden haben sich auf Anhieb verstanden“, berichtet Freller. Und sie ließen sich vor einer Tafel mit den Namen der in New York Ermordeten ablichten. Ein symbolischer Akt: Seit Jahren fordert Terry eine vergleichbare Würdigung für die im KZ Flossenbürg Getöteten.

 
Dies ist nicht die einzige Anregung, die Freller und sein Begleiter Jürgen Fischer, Stiftungsbeauftragter für internationale Kontakte, mitgenommen haben: Beide sind davon beeindruckt, wie die US-Amerikaner die Gefühle der Besucher auffangen. Beispielsweise liegen in der Hinterbliebenen-Stiftung Karten aus, mit denen die Gäste aufgefordert werden, ihre Gefühle zu dem Terroranschlag vom 11. September aufzuschreiben. Die notierten und gemalten Gedanken von Menschen aus aller Welt sind an eine Wand gepinnt, darunter auch Kevins beziehungsreiches Bild. Außerdem stehen in den Gedenkstätten viele Ehrenamtliche für Gespräche zur Verfügung.


Im Internet können Originalaufnahmen von Überlebenden und Angehörigen der Opfer des 11. September angehört werden. „Auch wir haben Berichte von Zeitzeugen, die sich im Netz abrufen lassen“, sagt Freller. Obwohl sich nicht alles eins zu eins übertragen lasse, brauche man „nicht das Rad neu zu erfinden“ und könne Ideen aus Übersee übernehmen. Umgekehrt hätten sich die amerikanischen Gesprächspartner von der hohen Besucherzahl – über 700 000 im Jahr – im ehemaligen KZ Dachau beeindruckt gezeigt.


Ein Besuch im Büro von Stararchitekt Daniel Libeskind, der den Masterplan für das 9/11-Areal entworfen hat. Und ein Besuch auf Ellis Island, wo nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland viele, vor allem jüdische Flüchtlinge ankamen: Diese Erlebnisse haben Freller darin bestätigt, die Zusammenarbeit unter den internationalen Gedenkstätten auszubauen: Mit Auschwitz unterhalte man bereits eine, mit Armenien soll in Zukunft eine entstehen.


Und noch eines will der seit 2007 amtierende Stiftungsdirektor erreichen: „Ich möchte, dass alle ehemalige Stätten des Schreckens als Weltgedenkstätten von der Unesco geschützt werden.“ Die Unterstützung aus New York ist ihm bereits gewiss – Mission erfüllt.(Alexandra Kournioti)

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