Politik

Blick auf das Geburtshaus von Adolf Hitler in der Salzburger Vorstadt in Braunau am Inn in Österreich. (Foto: dpa)

18.10.2016

Gezänk um Hitler-Haus

Österreich nähert sich nur schleppend einer Klärung, was mit Hitlers Geburtshaus passieren soll. Der Minister spricht von "Abriss" und beruft sich auf Experten. Die fühlen sich fehlinterpretiert. Jetzt haben bald die Architekten das Wort

Das Ziel ist klar: Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn darf keine Pilgerstätte für Neonazis werden. Der Weg dorthin ist aber selbst nach der Vorlage des Abschlussberichts einer Experten-Kommission steinig. Unter Berufung auf die 13 Historiker, Juristen, Verwaltungsfachleute und Politiker der Kommission hatte Österreichs Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) den Abriss des Gebäudes und einen Neubau an gleicher Stelle angekündigt. Diese Lesart alarmierte die Experten wenig später. Ein Abriss würde "einer Verleugnung der NS-Geschichte in Österreich gleichkommen", meldete sich für die Kommission der Historiker Oliver Rathkolb zu Wort. Was nun?

Im Abschlussbericht heißt es: Die Kommission ist dagegen, eine leere Fläche anstelle eines Gebäudes zu erzeugen. Die Variante "Abriss pur" war damit vom Tisch - und zwar einstimmig, wie Rathkolb am erklärte. Eine andere, in den vergangenen Jahren immer wieder diskutierte Variante kam für die Experten ebenfalls nicht infrage: die museale Nutzung.

Die Neonazis würden ein Museum - selbst wenn es zutiefst aufklärerische Absichten verfolge - wohl eher als Attraktion empfinden. "Die Symbolik und Aura seines Geburtsortes dient der Identifikation mit der nationalsozialistischen Ideologie und der Person Hitlers", warnen die Fachleute. Zuletzt kamen immer wieder Bustouristen, zum Beispiel aus Ungarn, die sich vor dem Haus in Braunau fotografieren ließen.

Enteignung könnte Ende des Jahres in Kraft treten

Als Lösung wird eine "tiefgreifende architektonische Umgestaltung" empfohlen, die dem Gebäude den Wiedererkennungswert und damit die Symbolkraft entziehe. "Darin kann man zum Beispiel ein Finanzamt oder eine karitative Einrichtung unterbringen", sagte Rathkolb.

Was ein Schlussstein unter den jahrelangen Debatten sein sollte, wurde wegen des vom Minister strapazierten Schlüsselworts "Abriss" zu einem Aufreger. Am Dienstag ließ Sobotka alle Möglichkeiten der Umgestaltung offen: "Wie man das jetzt macht, ob mit einer Vorsetzung, einer neuen Schale oder einem kompletten Abriss, das wird man sehen", sagte er im ORF-Radio. Das sieht wiederum die Kommission etwas enger: "Zwischen einer architektonischen Umgestaltung und einem Vollabriss liegen Welten", sagte Rathkolb.

So verwirrend im Detail die Pläne nun wirken, so klar ist doch immerhin der weitere Ablauf. Der Innenausschuss des Parlaments wollte noch am Dienstag die von der Regierung bereits im Sommer beschlossene Enteignung des Grundstücks auf den Weg bringen. Nach Abschluss des parlamentarischen Prozesses könnte die Enteignung Ende des Jahres in Kraft treten. Der Dauerstreit mit der Besitzerin wäre beendet, eine Entschädigungszahlung fällig. Ein Architektenwettbewerb soll dann für Klarheit sorgen, welche Nutzung unter welchen Voraussetzungen möglich ist.

Der Streit um die Nutzung des denkmalgeschützten Gebäudes in der 16 000-Einwohner-Gemeinde an der österreichisch-deutschen Grenze dauert schon seit 2011. Damals weigerte sich die Besitzerin, das im Kern mehrere Hundert Jahre alte Haus zu sanieren. Der Staat als Mieter überwies seitdem insgesamt rund 300 000 Euro als Miete für ein leerstehendes Gebäude. Für Bürgermeister Johannes Waidbacher galt in der Nutzungsdiskussion immer der Grundsatz: "Wir wollen einen historisch korrekten Umgang mit dem Hitler-Haus." Jetzt haben die Architekten das Wort. (Matthias Röder, dpa)

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Kommentare (1)

  1. Pferdi-Hof am 06.11.2016
    Nur weil Hitler die ersten 2 Wochen seines Lebens in diesem schönen, alten, denkmalgeschützten, kurz nach dem 30-jährigen Krieg gebauten, Biedermeier-Haus aus dem 17. Jahrhundert verbracht bzw. in die Windeln geschissen hat, soll es nun abgerissen werden. Was hat dieses Haus mit dem Hitler, den die Deutschen 25 Jahre später aus ihm gemacht hatten, zu tun, mit Hitler, so wie wir ihn heute kennen oder glauben ihn zu kennen? Dieses Haus ist so unschuldig, wie die vielen Menschen, die durch ihn umgekommen sind!

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