Politik

Leuchten bald nicht mehr: Herkömmliche Glühlampen. Foto: dapd

11.03.2011

Giftige Hypothek

Die Einführung der so genannten Energiesparlampe gerät zum Umweltskandal

 

Von September an soll es laut EU-Recht in Deutschland nur noch Energiesparlampen geben, vorgeblich dem Wohl des Planeten zu liebe.Allerdings sind die Lampen alles andere als umweltfreundlich. Sie enthalten hohe Mengen an Quecksilber. Doch ausgerechnet dieses extrem gefährliche Gift wird nicht recycelt, sondern landet als Sondermüll unter der Erde. Ein Ortsbesuch.

Helmut Seyfahrt hält eine schraubenförmige Energiesparlampe in einer Hand, mit der anderen greift er in verschiedene Behälter, in denen Metallstücke und Glasscherben liegen. Es sind die Materialien, die von einer kaputten Energiesparlampe wiederverwendet werden. Sie machen 97 Prozent der Lampe aus. Hinter Seyfahrt rattert die Maschine, die die Glühbirnen auseinandernimmt. Ein Arbeiter steckt im Sekundentakt Lampen hinein, die Maschine zerbricht das Glas und bläst dann die Leuchtschicht aus. 6000 Birnen schafft sie am Tag.
Seyfahrt ist Geschäftsführer der Firma eds-r am Standort Nürnberg. Hier werden Energiesparlampen aus Bayern und Baden-Württemberg wiederaufbereitet. Die 3 Prozent der Lampe, die endgültig in den Müll wandern, hält Seyfahrt nicht in den Händen. Es ist die Leuchtschicht, die die Recycling-Maschine aus dem Glas ausbläst. Anfassen dürfte er das Material gar nicht, denn es ist hochgiftig. Darin enthalten ist etwa 0,05 Prozent Quecksilber.


Keine gesetzliche Rücknahmeverpflichtung


Die Maschine füllt es direkt in blaue Tonnen, die abseits der Wertstoffe lagern, die wieder verkauft werden. Später werden die Tonnen vergraben, in einem Salzstock in Thüringen. Vom kommenden September an werden in Deutschland nur noch Energiesparlampen verkauft. Der Grund: Privathaushalte sollen weniger Strom verbrauchen. Doch so umweltfreundlich, wie es auf den ersten Blick aussieht, sind die Lampen gar nicht.
Das Quecksilber ist nicht nur schädlich, wenn die Lebensdauer der Lampe vorüber ist. Es ist auch gefährlich, wenn die Lampe zerbricht. Jeder, der sich in der Nähe befindet, läuft dann Gefahr, eine Quecksilbervergiftung zu erleiden.
Das Problem mit dem Gift in den Lampen kennt Johann Schmid, der Hauptgeschäftsführer der Recyclingfirma eds-r, schon länger. Denn auch die Leuchtschicht von Neonröhren enthält Quecksilber. Der giftige Staub, der in Nürnberg in den blauen Tonnen lagert, stammt zum Großteil aus den Röhren, die in Unternehmen eingesetzt werden. Nur 5 Prozent kommt derzeit aus Energiesparlampen, die in Privathaushalten leuchten.
Doch Johann Schmidt erwartet in den nächsten Jahren wegen der Gesetzesänderung eine große Steigerung beim Anteil an Sparlampen. Dass die Lampen Quecksilber enthalten, findet auch Schmidt problematisch. „Aber gefährlich ist vor allem die Tatsache, dass die Verbraucher die Birnen derzeit oft in den normalen Müll werfen.“ Mehr als 30 Prozent der Bevölkerung wissen gar nicht, dass die Lampen Quecksilber enthalten. „Und diejenigen, die über die Gefahr Bescheid wissen, entsorgen die Energiesparlampen noch lange nicht richtig“, sagt eine Sprecherin der Firma Lightcycle, die in München sitzt und in ganz Deutschland die Rücknahme der Lampen organisiert.
Die Hersteller sind gemäß einem europäischen Gesetz seit 2006 verpflichtet, die Rücknahme der Lampen zu organisieren. Osram und Philipps haben deshalb zusammen mit kleineren Fabrikanten das Unternehmen Lightcycle gegründet. Doch weil die Energiesparlampen gerade erst in Privathaushalten ankommen und die Lebensdauer mit zehn Jahren sehr lang ist, ist das Netz der Annahmestellen noch sehr grobmaschig.
Gesetzlich ist auch niemand verpflichtet, die Lampen zurückzunehmen. „Aber wir arbeiten ständig daran, neue Stellen dazuzugewinnen“, sagt die Lightcycle-Sprecherin. „Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Stellen verdoppelt.“ Gerade ist das Unternehmen mit Handwerkern in Kontakt, auch sie sollen die kaputten Energiesparlampen von ihren Kunden annehmen. Mit großen Elektronikmärkten verhandelt die Firma gerade.
Wenn ein Geschäft kaputte Energiesparlampen annimmt, stellt Lightcycle dort Behälter auf und kümmert sich darum, dass die regelmäßig geleert werden. Die Abholung übernimmt in Bayern auch die Recyclingfirma eds-r. Fünf Lastwagen sind jeden Tag im Freistaat unterwegs, um die Lampen einzusammeln.
„Trotz allem ist die Rückgabequote von Energiesparlampen von Privathaushalten immer noch sehr schlecht“, sagt Rudi Ammansberger, Energiereferent der Grünen-Fraktion im bayerischen Landtag. Die Staatsregierung hingegen ist zufrieden mit der Arbeit von Lightcycle. Aus dem Umweltministerium heißt es, die Rückgabemengen könnten kontinuierlich gesteigert werden, weil das Unternehmen so gute Öffentlichkeitsarbeit leistet.
Tatsächlich bemüht sich Lightcycle seit etwa einem Jahr darum, die Deutschen für die Entsorgung der Lampen zu sensibilisieren. In Schulen lehren Referenten, welche Gefahren von den neuen Birnen ausgehen und wie sie richtig entsorgt werden. Bei den Annahmestellen liegen Prospekte aus, und im Serviceteil von Zeitschriften werden Artikel veröffentlicht.
Doch auch wenn die Energiesparlampen richtig entsorgt werden: Das Problem der giftigen Rückstände bleibt. Der Gesetzgeber verpflichtet die Recyclingfirmen nicht, das Quecksilber wiederaufzubreiten. Und weil es wirtschaftlich nicht interessant ist, machen es die Unternehmen auch nicht. „Das Verfahren, mit dem das Quecksilber aus der Leuchtschicht geholt wird, ist aufwendig und sehr teuer. Weil das Material außerdem nicht viel Geld bringt, lohnt es sich für uns einfach nicht“, sagt Johann Schmidt von eds-r.
„Dabei ist es für uns auch teuer, den Staub im Salzstock zu entsorgen.“ Schmidt geht davon aus, dass der verseuchte Staub nicht immer in Thüringen unter Tage bleiben wird. Er rechnet damit, dass es bald ein effizienteres Verfahren geben wird, um das Quecksilber aus dem Staub zu gewinnen. Und damit, dass das Material teurer wird. „Der Staub zählt zu den seltenen Erden, die für Computer gebraucht werden“, sagt er. „Die bekommen die Hersteller gerade günstig aus China. Doch sie werden immer rarer, deshalb steigen die Preise.“ Dann könnten die blauen Fässer aus dem Salzstock in Thüringen wieder ausgegraben werden.
Überhaupt glaubt Schmidt nicht, dass Energiesparlampen die Lichtquelle der Zukunft sind. „Langfristig wird es eine wirklich saubere Lampe geben.“ Als Lösung sind gerade LED-Lampen im Gespräch. Die sind zwar auch nur zu 97 Prozent wiederverwendbar. Doch es bleibt kein giftiger Stoff zurück. Helmut Seyfahrt könnte dann nach dem Recycling alle Bestandteile der Lampen anfassen. (Veronica Frenzel)

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