Politik

2015 bekam sie von Horst Seehofer den Bayerischen Verdienstorden überreicht: Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth von den Grünen. (Foto: Andreas Gebert/dpa)

13.09.2017

Grünen-Urgestein im schwarzen Bayern

Sie zählt bundesweit zu den bekanntesten Politikern. Doch wenn Wahlkampf ist, muss auch Claudia Roth statt im Talkshow-Studio in stickigen Veranstaltungsräumen Platz nehmen. Sie will ihre Partei zur drittgrößten Kraft machen - auch wenn es nicht danach aussieht

Der Saal ist klein und dunkel, es ist heiß und stickig, und die Akustik könnte auch besser sein. Im Wahlkampf muss auch bundespolitische Prominenz solche Bedingungen ertragen. Claudia Roth hat da keine Probleme, sie gibt mehr als zwei Stunden lang alles - schließlich geht es um eines ihrer Kernthemen, die Integrationspolitik. Den mangelnden Sauerstoffgehalt im Raum versucht sie auszugleichen, indem sie sich mit ihrem Manuskript Luft zufächert.

Die Bundestagsvizepräsidentin möchte mit ihrer Partei gerne wieder als dritte Kraft in den Berliner Reichstag einziehen, doch nach den Umfragen droht den Grünen eher das Abrutschen auf Platz sechs im Parlament - neben den Linken könnten auch die derzeit nicht im Bundestag vertretenen Parteien FDP und AfD vorbeiziehen. Die bayerische Spitzenkandidatin der Grünen tut alles dafür, dass es nicht soweit kommt. Und das heißt im schwarzen Freistaat natürlich primär die Konfrontation mit der übermächtigen CSU.

So stürzt sich die 62-jährige Roth in den Basiswahlkampf. In ihrer Heimatstadt lässt sie sich in diesen Wochen häufig sehen, sei es bei der Augsburger Radlnacht, im Dirndl beim Festumzug zum Volksfest Plärrer oder eben bei der Integrationsrunde von Augsburger Direktkandidaten im Kulturhaus Kresslesmühle. Vom Publikum aus gesehen sitzt Claudia Roth da auf der rechten Seite des Podiums neben ihrem CSU-Kollegen Volker Ullrich - doch von schwarz-grüner Koalition keine Spur.

2013 bekam Roth in Augsburg 11 Prozent

Roth schießt einige Spitzen auf den Christsozialen ab. Als Ullrich zu einer Frage etwas länger redet, fordert Roth den Moderator auf, dem CSU-Mann doch einfach das Mikro abzudrehen. "So mache ich das auch, wenn ich präsidiere", sagt sie über ihre Erfahrungen im Bundestag - um sogleich selbst ihre Redezeit ein wenig überzustrapazieren.

An diesem Abend läuft es gut für Roth, das Publikum ist eher links orientiert, und auf dem Podium sind sonst noch die SPD und die Linken vertreten. Ullrich ist in der Außenseiterrolle und gibt dennoch nicht den Hardliner. So signalisiert er Gesprächsbereitschaft bei einem möglichen Einwanderungsgesetz, ohne andererseits die derzeitige Abschiebepraxis in Frage zu stellen. "Das Asylrecht ist kein generelles Einwanderungsrecht", verteidigt er die Unions-Position.

Der CSU-Mann weiß natürlich, dass diese Veranstaltung nicht die wahren Machtverhältnisse in der schwäbischen Bezirkshauptstadt widerspiegelt. Wenn am 24. September in Augsburg ausgezählt wird, wird voraussichtlich wieder Ullrich die Nase vorn haben - wohl wieder mit großem Abstand. Im Jahr 2013 holte er bei insgesamt 13 Bewerbern mit mehr als 44 Prozent das Direktmandat, Roth erhielt nur 11 Prozent.

Das Ziel: In Berlin wieder mitregieren

Wenig deutet darauf hin, dass der überregional kaum bekannte CSU-Abgeordnete heuer die langjährige frühere Grünen-Bundesvorsitzende nicht erneut ähnlich deutlich auf die Plätze verweist. Roth kämpft zwar dagegen, indem sie beispielsweise einem regionalen Jugendportal ebenso ein Interview gibt wie dem Augsburger Lokalfernsehen, doch sie ist auch realistisch: "Es sieht einfach so aus, dass die CSU noch die mehrheitsfähige Partei ist in diesem Land", sagt sie über die bayerischen Politikverhältnisse.

Roth hofft, dass der Wahlkampf auf der Zielgeraden nun noch einmal Fahrt aufnimmt. "Es wird ein Bundestag gewählt und nicht eine Präsidentin oder ein Präsident", kritisiert sie die Fokussierung auf die beiden Kanzlerkandidaten von Union und SPD, beispielsweise beim TV-Duell, das für Roth nur ein "Duett" war. Sie will in Berlin wieder mitregieren aus einer starken Position heraus. "Da ist es wichtig zu sagen, wir wollen den dritten Platz erreichen."
(Ulf Vogler, dpa)

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Kommentare (2)

  1. otto regensbacher vor 6 Tagen
    Was hat diese Frau eigentlich für Bayern geleistet, dass sie den Verdienstorden des Landes Bayern bekommt?
    Aufgefallen ist diese Frau bisher nur durch schrille Töne und komischen Vorstellungen, wie man dieses Land bio-grün und zum Aufnahmestaat für alle Migranten dieser Welt umfunktioniert und damit unregierbar machen kann. Die Verleihung zeigt auch, dass dem genannten Verdienstorden eigentlich kaum eine besondere Bedeutung zukommt!
  2. Miiich vor 5 Tagen
    @ otto regensbacher

    Ihre erste Frage hatte ich mir auch schon früher gestellt, im Bezug auf Gerda Hasselfeldt.
    Bekam sie ihn für den Ausverkauf bayerischer Hoheitsrechte zu Gunsten des Bundes, oder die Mitarbeit bei der schleichenden Umwandlung der Bundesrepublik zu einem unitaristischen Bundesstaat, der sich nur noch marginal von einem uentralistischen Einheitsstaat unterscheidet ?

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