Politik

Als Alleinerziehende/r einen Ausbildungsplatz suchen – das ist oft ein aussichtsloses Unterfangen. (Foto: dpa)

05.06.2015

Halbe Zeit, volle Kraft

Eine Teilzeit-Ausbildung ist vor allem für Alleinerziehende die einzige Perspektive – doch es hakt bei der Umsetzung

"Meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt", sagt Christin Schmitt, "die waren richtig miserabel." Dabei hätte die Münchnerin gerne eine Ausbildung gemacht. Nur, wer würde sie schon nehmen, fragte sie sich. Sie, die junge und engagierte, aber eben auch alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter. Erst einmal niemand. „Nach einigen Bewerbungen habe ich aufgegeben.“
 Es war ihr Berater in der Agentur für Arbeit, der Christin eine Möglichkeit aufzeigte, wie es doch noch klappen könnte mit einem Berufsabschluss: Ausbildung in Teilzeit heißt das Modell. Christin war begeistert. „Ich habe mich sofort bei Firmen, die die Teilzeit-Ausbildung anboten, beworben“, erzählt die 25-Jährige. Genommen hat sie ein kleiner Betrieb für Musikhandel. Mittlerweile ist die künftige Kauffrau für Bürokommunikation im zweiten Lehrjahr. 25 Wochenstunden leistet Christin, inklusive Berufsschule. „Mehr würde nicht gehen“, sagt sie. „Ich habe den Kindergartenplatz nur bis 15 Uhr.“
Trotz der verkürzten Stundenanzahl kann Christin ihre Ausbildung in der regulären Zeit, also noch drei Jahren, abschließen. „Klar schaffe ich den Abschluss“, sagt sie und lacht. „Da bin ich mir ganz sicher.“ Und noch etwas weiß Christin „hundertprozentig“: „Ohne die Möglichkeit der Teilzeit-Ausbildung hätte ich gar keine Ausbildung machen können. Dann würde ich heute irgendwo jobben.“
Seit zehn Jahren gibt es die Teilzeit-Ausbildung, im April 2005 wurde sie im Berufsbildungsgesetz verankert. Das Angebot richtet sich an alleinerziehende Mütter und Väter und an junge Menschen, die einen Angehörigen pflegen. Auch sie sollten im dualen Ausbildungssystem die Möglichkeit erhalten, einen Beruf zu erlernen.
Die Idee ist gut: Junge Menschen, die sonst kaum eine Ausbildung abschließen könnten, bekommen eine Zukunftsperspektive, Betriebe können dringend benötigte Fachkräfte ausbilden, und die Gesellschaft profitiert von geringerer (Jugend-)Arbeitslosigkeit. Doch trotz all dieser offensichtlichen Vorteile spielt auch nach zehn Jahren die Teilzeit-Ausbildung in der Ausbildungsrealität der Betriebe erstaunlicherweise kaum eine Rolle.
2013 wurden bundesweit 1638 Ausbildungsverträge in Teilzeit neu abgeschlossen. Das entspricht einem Anteil von 0,3 Prozent an allen neuen Verträgen. Insgesamt machten damit in Deutschland gerade einmal 4167 Jugendliche eine Ausbildung in Teilzeit, 93,6 Prozent davon Frauen. In der Zielgruppe hatten 45,6 Prozent aller jungen Mütter und 33 Prozent der jungen Väter immer noch keinen Berufsabschluss.
Es ist eine maue Bilanz, die in Bayern sogar noch ein bisschen mauer ausfällt. Nur 522 Teilzeit-Azubis gab es 2013 im Freistaat, das ist ein Anteil von 0,2 Prozent. Schlechter schnitten nur Brandenburg, Sachsen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt ab. Spitzenreiter waren Schleswig- Holstein (0,9 Prozent) und das Saarland (0,8 Prozent).

An Berufsschulen gibt es so gut wie keine Teilzeitklassen

Immerhin stimmt die Tendenz, das zeigt der Vergleich zu den Vorjahren: 2010 gab es in Bayern nur 302 Teilzeit-Auszubildende. „Es kommt langsam Bewegung in die Sache“, sagt Annette Land von Jobstarter, einem Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das sich für die Teilzeit-Ausbildung einsetzt. „Zum einen wird das Modell immer bekannter, zum anderen erkennen die Betriebe, dass sie, um ihre Ausbildungsplätze besetzen zu können, auch neue Wege gehen müssen. Der Fachkräftemangel fängt allmählich an zu wirken.“
In Bayern gibt es etwa ein Dutzend Initiativen, die sich gezielt um die Vermittlung von Teilzeit-Auszubildenden kümmern. Ganz neu ist das Projekt des Sozialdiensts katholischer Frauen (SKF) in Nürnberg, Aschaffenburg und Prien, das vom bayerischen Sozialministerium gefördert wird. Von der Berufsorientierung über das Bewerbungstraining bis zur Begleitung in den ersten Monaten der Ausbildung sollen die Jugendlichen betreut werden. „Wir sind gerade mitten in Gesprächen mit potenziellen Teilnehmerinnen“, sagt Tanja Leibold vom SKF Nürnberg. In zwei Monaten, schätzt sie, könne man starten.
Eine Initiative der IHK München und Oberbayern dagegen läuft gerade aus. 2012 war das Pilotprojekt „Halbe Zeit, volle Kraft“ gestartet, 15 Teilzeit-Azubis machen im Rahmen dieses Projekts gerade ihren Abschluss, 14 haben die Ausbildung abgebrochen, aus unterschiedlichsten Gründen. Hierfür haben sich die Verantwortlichen besonders interessiert, wollten sie mit dem Projekt doch auch herausfinden, wo es denn hakt bei der Umsetzung der Teilzeit-Ausbildung. In drei Punkten wurden sie fündig:
„Die Kinderbetreuung ist immer noch schwierig, trotz des mittlerweile geltenden Rechtsanspruchs“, sagt Hubert Schöffmann, bildungspolitischer Sprecher der bayerischen IHKs. „Aber es nützt den Müttern wenig, wenn sie für ihr Kind nur einen Kita-Platz bekommen, der weder nah an ihrer Wohnung noch nah an ihrem Ausbildungsbetrieb liegt.“
Ein zweites großes Problem sei die Berufsschule. Denn die müssen die Teilzeit-Azubis in Vollzeit ableisten. „Für unser Projekt haben wir zwar eine Teilzeitklasse bilden können, aber das ist die Ausnahme“, sagt Schöffmann. Berufsschule, fordert er, muss auch in Teilzeit machbar sein. Hier seien flexiblere Modelle gefragt.
Die dritte Schwierigkeit sei die Finanzierung. Die Auszubildenden fallen aus den Hartz-IV-Leistungen raus, bis sie die Ausbildungsvergütung und mögliche Zusatzleistungen erhalten, vergehen aber oft Monate. „Diese Übergangszeit bereitet vielen massive Probleme“, so Schöffmann.
 Die finanzielle Sicherheit der Teilzeit-Azubis ist ein Punkt, der Kerstin Celina von den Grünen besonders am Herzen liegt. „Junge Mütter müssen von der Teilzeit-Ausbildung auch leben können“, sagt sie. Sie fordert eine bessere finanzielle Unterstützung, damit die Azubis ihre Ausbildungsziele erreichen können.
Bei Christin Schmitt waren es zwei Monate, in denen sie gar kein Geld bekam. „Das war schon hart“, sagt sie. Und auch jetzt kommt sie gerade so über die Runden. „Es darf halt nichts passieren“, gesteht sie. „Nichts darf kaputt gehen, nicht der Kühlschrank, nicht die Waschmaschine. Dann hätte ich sofort Probleme.“ Also hofft sie, dass sie nichts Unvorhergesehenes ereilt, das Geld kostet. Zumindest ein Jahr noch, bis sie mit ihrer Ausbildung fertig ist. (Beatrice Oßberger)

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