Politik

Lernen unmöglich: Ein altes Möbelhaus in Fürth dient wegen des Platzmangels in der Zirndorfer Erstaufnahmeeinrichtung als Flüchtlingsunterkunft. (Foto: dpa)

17.10.2014

Hausaufgaben machen hinterm Bauzaun

Zu wenige Betreuungsplätze, Kindergärten und qualifizierte Lehrer – das Chaos in den Flüchtlingsunterkünften trifft vor allem Kinder und Jugendliche

Während die Staatsregierung auf ihre Erfolge bei der Ausbildung junger Flüchtlinge verweist, schlagen Experten Alarm: Da die speziellen Übergangsklassen überbelegt sind, werden die Jugendlichen auf Regelschulen verteilt. Erzieher und Lehrer sind dort mit den oft schwer traumatisierten Kindern völlig überfordert. Und es kommen noch mehr.

In den zwei Erstaufnahmeeinrichtungen im Freistaat herrscht Chaos. Nicht erst seit dem von Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) verhängten Aufnahmestopp in der Bayernkaserne haben selbst die Behörden den Überblick über die genauen Flüchtlingszahlen verloren. Besonders Kinder und Jugendliche leiden unter den Zuständen. Grund: „Am Spielenachmittag dürfen nur die teilnehmen, die registriert sind“, erzählt die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin Serena Widmann. Angesichts der Lage vor Ort setzt sie sich jetzt aber über diese Regel hinweg: „Zu mir kann jeder kommen“, versichert sie. Inzwischen wisse sowieso keiner mehr, welche Kinder schulpflichtig sind und welche nicht. Dabei ist die Erfassung bei der Erstaufnahme vorgeschrieben.
Dass viele Flüchtlingskinder erstmal nicht in die Schule gehen, beklagt auch Thomas Beyer, Landeschef der Arbeiterwohlfahrt: „Oft ist es reiner Zufall, ob junge Flüchtlinge die Schule besuchen.“
Auch bei den Kitas hakt es: Der Kindergarten in der Bayernkaserne nimmt nur 20, der in der Erstaufnahmeeinrichtung Zirndorf lediglich 36 Zwergerl auf. „Der Rest muss in den kalten Hallen ausharren oder läuft unbeaufsichtigt auf dem Gelände herum – oftmals ohne zurück zu seinen Eltern zu finden“, beklagt Flüchtlingshelferin Widmann. Das Gelände mit den Kindern für einen Ausflug verlassen darf die Helferin nicht: Da sie keine pädagogische Kraft ist, ist sie nicht versichert. Eine reguläre Schulausbildung für die Jugendlichen gibt es ebenfalls nicht. „Wenn sie Glück haben, dürfen sie Deutschkurse besuchen, aber die sind mangels Raumkapazität eigentlich für Erwachsene.“ Inzwischen werden auch Aufenthaltsräume als Schlafstätten genutzt.

Kultusministerium verweist auf das Sozialministerium und dieses auf die Kommunen

Die Landtags-Grünen kämpfen deswegen für eine Art Übergangsschulbesuch in den Erstaufnahmeeinrichtungen. „Hier könnten verbunden mit Sachkunde erste Sprachkenntnisse erworben und die Fluchterlebnisse kunstpädagogisch verarbeitet werden“, erläutert die integrationspolitische Sprecherin Christine Kamm. Zusätzlich wollte ihre Fraktion wie in anderen Bundesländern ein Kindergartenangebot für geflüchtete Vorschulkinder schaffen. „Unser Vorstoß wurde jedoch von der CSU abgelehnt“, klagt sie.
Etwas besser ist die Situation in den Gemeinschaftsunterkünften. In vielen gibt es Frauentreffs für Mütter mit Babys und einen Kindergarten – allerdings in den meisten Fällen ehrenamtlich organisiert. Dabei haben auch Kinder von Flüchtlingen vom ersten bis zum dritten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Wie viele das in Bayern sind, weiß allerdings keiner so genau. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verweist auf den Freistaat, das Kultusministerium auf das Sozialministerium und dieses auf die Kommunen.
Zudem haben Flüchtlingskinder meist keinen Ort, wo sie ihre Hausaufgaben machen können. Gemeinschaftsunterkünfte befinden sich teilweise in Zelten, Tennishallen oder ehemaligen Möbelhäusern. „Die Wohnparzellen sind dann häufig nur mit Bauzäunen abgetrennt“, erklärt Alexander Thal vom bayerischen Flüchtlingsrat. Aus diesem Grund herrsche den ganzen Tag Unruhe. Mangels Platz sei das Stockbett der einzige Ort zum Lernen. „Die Unterbringung ist gerade für Kinder und Jugendlich ungeeignet“, rügt Thal und fordert die Abschaffung der Wohnpflicht in Asylunterkünften. Besser wäre es, wenn die Familien zu Angehörigen oder Bekannten ziehen dürften. Doch das lehnt die Staatsregierung bisher aber ab.
Das Sozialministerium will nun mit einer Bundesratsinitiative erreichen, dass der Bund die Kommunen entlastet und sich an den Unterbringungskosten für unbegleitete Minderjährige beteiligt. „Das ist die wesentliche Voraussetzung dafür, dass diese auch in Zukunft gut untergebracht werden können“, glaubt Sozialministerin Emilia Müller (CSU).

Jugendliche werden auf Regelschulen verteilt - die sind überfordert

Alle Kinder, die trotz des Chaos bei der Erstaufnahme als schulpflichtig registriert wurden, kommen in eine der 309 Übergangsklassen. „Wir weisen kein Kind und keinen Jugendlichen ab“, verspricht Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). Er verweist auf zusätzliche Deutschförderklassen, Sprachförderung für Kinder im Vorschulalter, immerhin 180 Klassen für die insgesamt 9000 berufsschulpflichtigen Flüchtlinge und den Ausbau der Übergangsklassen für jetzt 5300 Flüchtlinge – also für rund ein Drittel der Jugendlichen. Allerdings wird dieses Jahr allein mit 3000 neuen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gerechnet.
Viele der Ausbildungsklassen sind dem Ansturm von Flüchtlingskindern schon jetzt nicht mehr gewachsen, weshalb die Jugendlichen auf Regelschulen verteilt werden müssen. „An manchen Schulen müssen über Nacht 20 Flüchtlingskinder untergebracht und intensiv betreut werden“, klagt Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Die Betroffenen seien zum Teil schwer traumatisiert, depressiv und manche sogar selbstmordgefährdet. „Die meisten Lehrer wollen helfen, stoßen aber angesichts des unsagbaren Leids und der fehlenden Unterstützung an ihre Grenzen.“ Wenzel verlangt daher dringend neue Unterrichtsmaterialien, mehr Schulsozialarbeiter, die Aufstockung der Mobilen Reserve und mangels Deutschkenntnisse der Flüchtlingskinder vor allem mehr Dolmetscher.
Nachbesserungsbedarf sehen auch die Freien Wähler: „Wir benötigen grundsätzlich mehr Lehrer, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten können“, betont die Sozialpolitikerin Gabi Schmidt. Eine weitere Problematik sei die fehlende Unterstützung für pädagogisches Personal in Kindertageseinrichtungen. „Erzieher werden in den Einrichtungen mit Problemen wie beispielsweise starken Traumatisierungen der Kinder alleingelassen.“ „Die UN-Kinderrechtskonvention formuliert weltweit Grundrechte für Kinder, darunter auch den umfassenden Schutz für Flüchtlingskinder“, ergänzt Schmidts Parteikollege Hans Jürgen Fahn. „An diesen Maßstäben muss sich auch die bayerische Staatsregierung messen lassen.“
(David Lohmann)

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Kommentare (2)

  1. SuperHorsti am 17.10.2014
    Residenzpflicht abschaffen, Regelschulen für Flüchtlingskinder? Nein, auf keinen Fall! Am Ende gefällt es ihnen noch hier und dann wird nach Beendigung der Konflikte wieder gestritten ob sie jemals wieder nach Hause müssen. Dann wird von den Grünen wieder die Mitleidstour gefahren. Nein, es soll nicht angenehm sein! Ja, es soll unerträglich sein die Enge, und Ja, sie sollen sich freuen wenn der Konflikt endlich zu Ende ist und sie in ihre Heimat zurückkehren können! Hilfe zur Selbsthilfe lautet die Devise!
  2. Peter am 17.10.2014
    Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert über eine gute Schulbildung! Nur so können die flüchtlinge nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat die Lage vor Ort langfristig verbessern! Eine ausreichende Beschulung muss daher jetzt dringend mit mehr Geld und Lehrern sichergestellt werden!

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