Politik

Themenheft der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit zu „Mein Kampf“, gedacht für den Einsatz im Unterricht. (Foto: dpa)

17.02.2017

Herausforderung im Schulalltag

Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ als Unterrichtsobjekt: Die geforderte Handreichung ist erschienen, das Streitthema scheint beigelegt, und trotzdem tun sich Lehrkräfte schwer

Nach langem Hin und Her kam vor Jahresfrist die kommentierte Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“auf den Markt. Das Kultusministerium hat kürzlich auch eine pädagogisch-didaktische Handreichung für Lehrkräfte herausgebracht. Doch in der Praxis finden viele Lehrer das Ganze schwierig – zwei Stunden Geschichtsunterricht erlauben keine großen Spielräume.

Mein Kampf im Geschichtsunterricht – ist die Dauerdiskussion nun beendet? Es scheint so.
Unablässig hatten SPD, Grüne und Freie Wähler eine ministerielle Handreichung zum Umgang mit der kommentierten Ausgabe von Hitlers Propagandaschinken gefordert. Anfang Februar präsentierte Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) im Bildungsausschuss Ulrich Baumgärtners 64-seitiges Themenheft „Mein Kampf in der historisch-politischen Bildung“, das sowohl den Umgang mit der vor einem Jahr erschienenen wissenschaftlich kommentierten Ausgabe eingehend erläutert als auch eine Fülle an eigenen Ansatzpunkten zur Behandlung des Machwerks bietet.

Seehofer wollte das Projekt canceln – erfolglos

Zwölf Jahre lang war es in jedem deutschen Haushalt zu finden, es gehörte so selbstverständlich dazu wie das Kruzifix in der Ecke: Hitlers Buch Mein Kampf (Gesamtauflage: über elf Millionen Stück). 1945 verschwand es im Giftschrank, doch seit einem Jahr ist es wieder da, in Form einer zweibändigen, wissenschaftlich kommentierten Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) mit insgesamt 2000 Seiten. Und es besteht nicht der geringste Zweifel: Das von vielen Unkenrufen begleitete Projekt ist ein durchschlagender Erfolg.

Soeben ist die sechste Auflage erschienen, 85 000 Exemplare wurden bereits verkauft – für eine wissenschaftliche Edition ziemlich einzigartig. Das IfZ hatte selbst am wenigsten damit gerechnet, mit der Ausgabe zeitweise die Spiegel-Bestsellerliste anzuführen. Sehr wohl aber verfolgte das IfZ von Anfang an die Absicht, mit den wuchtigen zwei Bänden den Neonazis, die nur darauf warteten, die Hitlersche Hetzschrift nach Ablauf des Urheberrechts am 1.1.2016 unkommentiert und somit in propagandistischer Absicht nachzudrucken, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Diese Kalkulation ist laut IfZ aufgegangen: „Ein wie auch immer geartetes ‚Konkurrenzprodukt’ zweifelhafter Provenienz ist bislang auf dem Markt nicht aufgetaucht.“

Viele Bedenkenträger werden durch den unerwarteten Erfolg der kommentierten Ausgabe Lügen gestraft. Am peinlichsten ist die Sache für Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der im Dezember 2013 dem Landtag in die Parade fuhr. Dieser hatte einstimmig beschlossen, die Edition mit einer halben Million zu subventionieren. Seehofer ließ das Projekt für beendet erklären, was gar nicht in seiner Macht stand, und drohte dem IfZ obendrein strafrechtliche Konsequenzen an – für ein Projekt, das mittlerweile weltweit als wissenschaftliche Glanzleistung gefeiert wird.

Auch die vereinzelten Einwendungen, die von kompetenterer Seite gegen die kommentierte Ausgabe von Mein Kampf erhoben wurden, haben sich mittlerweile erledigt. Und selbst die Bedenken der Landtagsopposition hinsichtlich der Verwendung der Edition im Schulunterricht sind seit Anfang Februar verstummt. Das von der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit herausgebrachte Themenheft „Mein Kampf in der historisch-politischen Bildung“ erfüllt die von SPD, Grünen und Freien Wählern angemahnte Handreichung zum Umgang mit der kommentierten Ausgabe so vollständig, dass sich für viele Lehrer der Griff zu der fünf Kilo schweren zweibändigen Edition des IfZ erübrigen dürfte.

Das von Ulrich Baumgärtner erstellte Heft rückt dem von tausend Mythen umwaberten Werk des Führers mit historischem Sachverstand, aber auch mit der erforderlichen Respektlosigkeit und dem nötigen Witz zu Leibe. Der Seminarlehrer für Geschichte am Münchner Karlsgymnasium und Professor für Geschichtsdidaktik an der Universität München demonstriert anhand abgedruckter Passagen aus der kommentierten Edition deren Funktionsweise. Gleichzeitig ermuntert er die Lehrkraft zu eigenständiger, phantasievoller Unterrichtsgestaltung, nicht zuletzt unter Verweis auf die vielen künstlerischen Antworten auf Mein Kampf, von George Taboris gleichnamigem Theaterstück bis zu Helmut Qualtinger und Serdar Somuncu, die beide Lesungen aus Mein Kampf veranstalteten.

Der Bayerische Philologenverband ist von Baumgärtners Anregungen sehr angetan. Philologenchef Michael Schwägerl: „Dieses Themenheft ist gut für eine offensiv-kritische Beschäftigung mit diesem Machwerk im Unterricht geeignet.“

 

„Pseudodiskussion, die am Schulalltag vorbeigeht“

Fragt sich nur, ob Mein Kampf im Geschichtsunterricht überhaupt eine große Rolle spielt. Peter Poth, Oberstudienrat für Deutsch, Geschichte und Ethik am Regental-Gymnasium Nittenau, nennt die ganze Aufregung um Mein Kampf eine „vollkommen irrelevante Diskussion“. Die zwei Stunden Geschichte in der Woche böten „überhaupt keinen Rahmen“ für derart intensives Quellenstudium. Diese „Pseudodiskussion“ gehe an der Schulrealität komplett vorbei, sagt der Pädagoge, der regelmäßig Fahrten nach Auschwitz begleitet und auch historisch-didaktisch zu dem Thema publiziert.

Heike Wolter, Dozentin für Didaktik der Geschichte an der Uni Regensburg, hat Mein Kampf als Lehrerin schon vor Erscheinen der kommentierten Ausgabe in Ausschnitten behandelt. Die Edition des IfZ nennt sie „zweifelsohne einen Meilenstein“, der auch für einen „kompetenzorientierten Geschichtsunterricht“ zu gebrauchen sei. Ihre Kollegin Janine Körner, Lehrerin für Deutsch und Geschichte am Gymnasium Neutraubling und Lehrbeauftragte für Geschichtsdidaktik an der Uni Regensburg, ist da weniger optimistisch. Der Umgang mit historisch-kritischen Editionen „macht im gymnasialen Kontext unserer Tage keinen Sinn“, meint sie. „Die Schüler und Schülerinnen sind grundsätzlich fernab von diesen Texten.“

Auch Roland Woike, Fachbetreuer für Sozialkunde an der Berufsoberschule Regensburg, kann spontan „keinerlei Sinn darin erkennen, Mein Kampf im Unterricht durchzukauen.“ Woike selbst hat Hitlers Buch gelesen. Doch im Unterricht? Er kenne „keinen Kollegen, der eine ausführliche Lektüre dieses Buches jemals praktiziert oder überhaupt vorgeschlagen hätte. Dafür sind die Rahmenbedingungen nicht gegeben.“ Woike glaubt: „Weitaus sinnvoller wäre es, sich mit zeitgenössischen Rechtsextremisten auseinanderzusetzen, um aufzuzeigen, was ein geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild ausmacht.“ (Florian Sendtner)

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