Politik

Teufelsaustreibung im Film: Requiem. (Foto: SWR/23/5-Filmprod)

17.02.2012

Herr Pfarrer, zu Hilfe!

Wie sich die katholische Kirche wieder einmal des vielbösen Feinds erwehrt

Teufelsaustreibung? Der Kabarettist Hagen Rether hat vor fünf Jahren das Nötige dazu gesagt: „Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Tochter, die ist 18, hat eine affektive Schizophrenie – ja da holen Sie doch den Exorzisten, oder? Ja, wenn sie katholisch sind, sollten Sie das tun!“
Der Sarkasmus Hagen Rethers hat seine Gründe: Die Teufelsaustreibung, lateinisch Exorzismus, entstammt zwar ebenso wie die Inquisition und die Hexenverbrennung der düstersten Mottenkiste der katholischen Kirche, nur gehört sie leider keineswegs der Vergangenheit an. Das wurde jetzt wieder ins Gedächtnis gerufen: „Piusbruderschaft weiht angehende Priester zu Exorzisten“, meldete die Nachrichtenagentur dpa kürzlich. Und das nicht irgendwo auf einem fernen Kontinent, sondern mitten in Bayern, in Zaitzkofen.
Auf der Internetseite der Piusbrüder kann man die Anfang Februar im Zaitzkofener Priesterseminar Herz Jesu stattgehabte Zeremonie in Wort und Bild nachverfolgen: Bleiche Burschen, kurzgeschoren und kurzgehalten, ganz offensichtlich mit Schuldkomplexen überfrachtet, knien vor Bernard Tissier de Mallerais, einem der vier Bischöfe, über die die Piusbruderschaft verfügt. Er gehört zu den vier ultraorthodoxen Priestern, die Erzbischof Marcel Lefebvre 1988 gegen den erklärten Willen des Papstes zu Bischöfen weihte und die dafür tags darauf von Papst Johannes Paul II. exkommuniziert wurden.
Gut zwanzig Jahre später, Im Januar 2009, hob Papst Benedikt XVI. in einem aufsehenerregenden „Akt der Barmherzigkeit“ die Exkommunikation wieder auf. Allerdings standen drei der vier Bischöfe, darunter Bernard Tissier de Mallerais, dabei ganz im Schatten des vierten: Von Richard Williamson wurde zur gleichen Zeit ein in Zaitzkofen aufgenommenes Fernsehinterview bekannt, in dem er sich als glühender Holocaustleugner bekennt. Wofür Williamson im Juli 2011 vom Landgericht Regensburg (in dessen Gerichtsbezirk Zaitzkofen liegt) in Abwesenheit zu einer Geldstrafe von 6500 Euro verurteilt wurde.
Williamsons Eifer gegen die Juden wird nur noch von seinem Eifer für seinen Herrn Jesus übertroffen. Dass Jesus Jude war – mit Logik darf man einem eingefleischten Antisemiten nicht kommen. Nach dem weltweiten Skandal wurde Williamson 2009 von den Piusbrüdern zurückgepfiffen und bekam einen Maulkorb verpasst. Seine drei Kollegen dagegen wirken fröhlich weiter, man kann die Verderbtheit der modernen Welt schließlich auch mit der Weihe von Exorzisten bekämpfen, wie Bischof Bernard Tissier de Mallerais.
Neun unreife, bis über die Ohren verklemmte junge Männer haben also nun nach katholischer Lehrmeinung die Befähigung erlangt, den Teufel auszutreiben. Wo sich der so einnistet – dreimal darf man raten: vorzugsweise in jungen Frauen.


Wo sitzt der Teufel? In Frauen und CSU-Ministern


Die von Hagen Rether beschriebene Prozedur des Exorzismus wurde 1976 an der 23-jährigen Würzburger Studentin Anneliese Michel vollzogen, mit dem Segen des Würzburger Bischofs Josef Stangl. Die junge Frau starb daran, die beiden Exorzisten wurden 1978 zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt. Die Filme Der Exorzismus von Emily Rose (2005) und Requiem (2006) führen den Fall vor.
Wenn der vielböse Feind nicht in Frauengestalt unterwegs ist, bevorzugt er auch gern den Habitus eines ehemaligen Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und langjährigen bayerischen CSU-Kultusministers. Dem 80-jährigen Hans Maier ist nun auch vom Augsburger Bischof eine Lesung aus seiner 2011 erschienenen Autobiographie Böse Jahre, gute Jahre untersagt worden – bereits der Regensburger Bischof hatte ihm den Stuhl vor die Tür gesetzt. Maier, der Zeit seines Lebens für den katholischen Glauben gestritten hat, bricht in seinem Buch eine Lanze für den Schwangerenberatungsverein Donum Vitae, der aber ist vom Vatikan geächtet. Der SZ sagte Hans Maier, der mit Joseph Ratzinger seit Jahrzehnten mehr als bekannt ist, lapidar: „Zum Zustand der Kirche möchte ich nichts weiter sagen.“
(Florian Sendtner)

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