Politik

Auch in Nürnberg gingen Hebammen auf die Straße, um auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen. (Foto: dapd)

18.05.2012

Hilferuf der Geburtshelferinnen

In Bayern steht die flächendeckende Hebammenversorgung auf dem Spiel – auch die Politik ist jetzt gefragt

Viele Hebammen ziehen sich aus der aktiven Geburtshilfe zurück. Sie können sich die enorm steigenden Kosten für ihre Berufshaftpflicht nicht mehr leisten. Immer mehr Praxen im Freistaat streichen deshalb die Hausgeburt von ihrer Angebotsliste. Und manche Kliniken schließen ihre Geburtahilfeabteilung ganz. Bayerns Hebammen verlangen nun von der Politik, sie nicht im Stich zu lassen.

Wohin, wenn die Wehen einsetzen? Gehe ich ins Krankenhaus mit medizinischer Rundumversorgung, ist mir die familiäre Atmosphäre in einem Geburtshaus lieber oder mag ich in meiner häuslichen Umgebung bleiben? Jede Frau sollte frei entscheiden können, wo sie ihr Kind zur Welt bringen will. Doch auch in Bayern geraten Hebammen finanziell immer mehr unter Druck und ziehen sich aus der Geburtshilfe zurück. Von Wahlfreiheit könnte bald nicht mehr die Rede sein.
Mit Aufsehen erregenden Aktionen in den Fußgängerzonen der Großstädte haben Bayerns Hebammen jüngst auf ihre Situation aufmerksam gemacht. Anlass war die Veröffentlichung der IGES-Studie, die im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erstellt wurde und die belegt, was die Hebammen längst wussten: Die enorm steigenden Kosten für die Berufshaftpflicht zwingen viele Kolleginnen, sich aus der aktiven Geburtshilfe zurückzuziehen. Derzeit beträgt die Versicherungsprämie fast 3700 Euro im Jahr, ab Juli müssen die Hebammen mit einer weiteren Erhöhung um zwölf Prozent fertigwerden – und das bei kaum steigenden Einnahmen. Das Durchschnittseinkommen einer freiberuflichen Hebamme liegt bei rund 24 000 Euro im Jahr.
Schwangerschaftsvorsorge, Geburtsvorbereitung, Wochenbettbetreuung: Auf der Homepage der Nürnberger Hebammenpraxis Gugelrund wird das gesamte Spektrum der Hebammentätigkeit dargestellt. Mit einer Einschränkung: Das Stichwort „Hausgeburt“ ist durchgestrichen, daneben der Vermerk „zur Zeit nicht möglich“. „Wir haben einfach niemanden mehr gefunden, der das machen mag“, sagt Conny Krell von Gugelrund. Jede Betreuung geht einher mit fünf Wochen Rufbereitschaft, die die Frauen meist selbst bezahlen müssen. Die Einnahmen hierfür und für die Hausgeburt selbst überstiegen jedoch die Kosten für die Versicherung, so Krell. Schweren Herzens habe auch sie entschieden, keine Hausgeburten mehr zu machen: „Obwohl das der Grund war, warum ich Hebamme geworden bin.“ In Nürnberg haben alle Geburtshäuser die aktive Geburtshilfe eingestellt, von 20 außerklinisch tätigen Helferinnen sind nur noch drei übrig.


Die Hebammenfehler gehen zurück, die Haftpflicht steigt


Der drastische Anstieg der Haftpflichtversicherung liegt keineswegs daran, dass die Hebammen häufiger Fehler machten. „Von jährlich 100 Meldungen in ganz Deutschland erweisen sich die meisten als unbegründet“, sagt Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbandes. Für die ein bis zwei schweren Geburtsschäden jährlich, die auf Hebammenfehler zurückgehen, sind die Heil- und Pflegekosten jedoch enorm gestiegen. Oft reiche die Schadensdeckung der Versicherungen, die die Kliniken für ihre fest angestellten Hebammen abschließen, bei Weitem nicht aus. „Da die Kollegin persönlich haftet, empfehlen wir, über uns eine Zusatzversicherung abzuschließen“, sagt Giesen. Denn der Stress im Kreißsaal wächst und damit das Risiko. Oft muss eine Hebamme vier Geburten gleichzeitig betreuen. Viele bayerische Kliniken sparen sich die Kosten für die Haftpflicht ganz und arbeiten nur mit Freiberuflerinnen.
Vor allem für außerklinisch tätige Geburtshelferinnen liegt das Aufhören nahe. Viele bieten fürderhin nur noch Geburtsvorbereitung, Kurse und Wochenbettbetreuung an. In Städten wie München wird das Angebot aber auch in diesem Bereich immer dünner: Mit einem Gebührensatz von 27 Euro pro Besuch lässt sich der Unterhalt in der teuren Großstadt kaum bestreiten. Wer schwanger ist, tut gut daran, sich sofort um eine Hebamme zu kümmern. Nach der Geburt ohne Wochenbettbetreuung dazustehen, das ist gerade beim ersten Kind keine schöne Aussicht. Weil die Wöchnerinnen heute viel früher aus der Klinik entlassen werden, ist die ambulante Betreuung immer wichtiger geworden.

Bundesgesundheitsminister Bahr appellliert an die Kassen


Auch für Schwangere auf dem Land hat sich die Situation in den letzten Jahren verschlechtert. Immer mehr Kliniken schließen ihre Geburtshilfeabteilung. „50 Kilometer bis zur nächsten Klinik kann insbesondere bei Mehrfachgebährenden sehr weit sein“, meint Susanne Weyherter, zweite Vorsitzende des Hebammen Landesverbandes. Die Tendenz gehe hin zu einer Zentralisierung der Geburtshilfe. Das sei medizinisch nicht notwendig und eigentlich viel teurer. Und wer angesichts der Entfernung zur nächsten Klinik von vornherein zu Hause gebären will, findet auch hier kaum noch eine Hebamme.
Anlässlich der Studie signalisiert die Politik den Hebammen Unterstützung. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr appelliert an Krankenkassen und Hebammenverbände, sich auf angemessene Honorare zu einigen. Spielraum für die Vereinbarung höherer Vergütung bestehe durchaus. Dabei seien auch die hohen Haftpflichtkosten zu berücksichtigen. Die Kassen hätten sich in der Vergangenheit immer auf das Beitragsstabilitätsgesetz berufen, sagt Weyherter. Danach seien Erhöhungen nur alle zwei Jahre in Höhe von bis zu zwei Prozent möglich.
Die Hebammen sehen die Politik in der Pflicht: Bis 2007 war der Bund für Gebührenaktualisierungen zuständig, mit einem großen Rückstand sei man in die Selbstverwaltung entlassen worden. Ein Lichtblick könnte die Verlagerung der Hebammenleistungen von der Reichsversicherungsordnung ins Sozialgesetzbuch V sein, die derzeit verhandelt wird: Dann könnten die Hebammen zusätzlich präventive Leistungen abrechnen.
„Natürlich würde ich jederzeit zu Hausgeburten zurückkehren, wenn ich das finanziell stemmen könnte“, sagt Hebamme Conny Krell: „Ich liebe meinen Beruf von ganzem Herzen, und die eigentliche Geburt ist seine Kernaufgabe.“ Krell mag nicht verstehen, warum die Gesellschaft die Haftpflichtkosten für die Hebammen nicht übernehmen kann – zum Beispiel in Form eines Fonds.
(Anke Sauter)

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