Politik

Zwei Taubblinde unterhalten sich mit Hilfe des Lorm-Alphabets. (Foto: dapd)

21.04.2011

Hoffnung für Taubblinde

In Bayern gibt es bislang kaum Helfer für Menschen, die weder sehen noch hören können

Erstmals werden im Freistaat Assistenten für taubblinde Menschen ausgebildet. Den Bedarf an Helfern deckt dies jedoch bei Weitem nicht ab. Lediglich in Oberbayern entspannt sich die Lage. Der Verband der bayerischen Bezirke und das bayerische Sozialministerium sagen Betroffenen nun weitere Unterstützung zu.Der Münchner Franz Kupka ist 66 Jahre alt. Von Geburt an kann er nicht hören, vor 22 Jahren hat er auch noch sein Augenlicht verloren. Ohne alltägliche Hilfe im Haushalt, beim Einkaufen und in der Freizeit wäre Kupka zu einem Leben in Isolation verdammt. Doch er hat Glück: Eine ehrenamtliche Helferin steht ihm bei Bedarf zur Seite, so dass er am Leben einigermaßen selbstbestimmt teilhaben kann.
Das Glück des gelernten Herrenschneiders Kupka teilen nicht viele der nach Schätzungen mehr als 500 taubblinden Menschen in Bayern. Einer Schätzung des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands zufolge sind es sogar 1300. Dass die Zahl nicht genau feststeht, hat einen Grund: Taubblinde und ihre besondere Hilfsbedürftigkeit sind bisher kaum wahrgenommen worden, wie Reinhard Kirchner sagt.
Der Geschäftsführer der Dachorganisation Selbsthilfe LAGH Bayern betont: „Der besondere Betreuungsbedarf wurde häufig von den Familien geleistet.“ Ohne Hilfe kann sich Franz Kupka nicht im Alltag bewegen. „Ich kann nicht telefonieren, keine Zeitung lesen, kein Radio hören, nicht fernsehen“, erläutert er. Außerhalb der eigenen vier Wände könne er Hindernisse und Gefahren nicht erkennen, selbst wenn seine Kleidung beschmutzt sei, sehe er das nicht.


Die Belastung für die Angehörigen ist enorm


Kupka, Vorsitzender der Taubblinden Regionalgruppe Oberbayern, erläutert das alles in Gebärdensprache. Die konnte er lernen, weil er spät erblindet ist. Wer ohne Augenlicht zur Welt kam und später das Gehör verlor, kommuniziert meist über das Lorm-Alphabet, bei dem die Buchstaben mit den Fingern in die Handfläche des Gegenüber geschrieben werden – für jeden Buchstaben gibt es bestimmte Punkte oder Bewegungen.
Die meisten von Kupkas Leidensgenossen werden von Verwandten betreut. Eine große Belastung für die Angehörigen wie für die Taubblinden. „Angehörige haben oft wenig Zeit“, sagt Kupka. Viele Taubblinde, die mit ihren Familien leben, seien einsam und depressiv.
Unter dem Dach der LAGH gibt es in Bayern seit drei Jahren eine Anlaufstelle für Betroffene – den Fachdienst Integration taubblinder Menschen. Der ITM setzt sich dafür ein, dass Menschen wie Kupka stärker am Leben teilhaben können. Deshalb hat er eine kleine Gruppe von Taubblinden-Assistenten aufgebaut, die Betroffene im Alltag begleiten und ihnen so ein selbstbestimmteres Leben ermöglichen. „Die Assistenz ist Auge, Ohr und Mund für den Betroffenen“, erklärt Fachdienstleiterin Susanne Günther-Wick.
Gerade ist der erste Ausbildungsgang für Taubblinden-Assistenten am Gehörloseninstitut in Nürnberg zu Ende gegangen. Insgesamt gibt es jetzt rund 20 Assistenten in Bayern. Zu wenige, wie Susanne Günther-Wick betont: „Aufgrund der verschiedenen kommunikativen Einschränkungen taubblinder Menschen benötigt man für jeden Betroffenen eine Begleitperson.“ Der kleine Pool von Assistenten decke lediglich den Bedarf in Oberbayern.
Immerhin stünden nun nach Abschluss des ersten Ausbildungsgangs auch zwei kompetente Helfer für Mittelfranken bereit. Als dem tauben Franz Kupka, der seinen Lebensunterhalt als Bügler in einer Münchner Kleiderfabrik verdiente, in den späten 70er Jahren auch die Augen versagten, wurde er zur Umschulung ins Deutsche Taubblindenwerk Hannover geschickt.
Zwei Jahre lernte er das Lormen, die Blindenschrift und Schreibmaschinenschreiben im 10-Finger-System. Er bekam beigebracht, wie man in Punktschrift rechnet und Geschäftsbriefe schreibt. Und er lernte, wie man Bürsten zieht, Körbe und Stühle flechtet – Dinge, die als Blindenhandwerk gelten.
Nach Abschluss der Umschulung arbeitete er acht Jahre lang als Korbflechter in der Lehrwerkstatt des Taubblindenwerks. Nur wenn Taubblinde eine dauerhafte Hilfe in Sachen Kommunikation bekommen, könnten sie eine ihrem Intellekt entsprechende Arbeit ausüben, betont LAGH-Geschäftsführer Kirchner. Er erzählt von einer taubblinden Frau in Schweden, wo die Hilfe für Behinderte auf der Ebene der Kommunen verankert ist.
Die Frau arbeite in der Verwaltung und werde während der Arbeitszeit von drei Assistenten unterstützt. Einer übersetze ihr die notwendigen Dinge in die Hand, ein anderer beschreibe ihr durch Berührungen auf dem Rücken Stimmung und Atmosphäre. „Im Vergleich dazu ist Deutschland hinten dran“, sagt Kirchner.
Doch mit dem abgeschlossenen ersten Ausbildungsgang für Taubblinden-Assistenten und dem Fachdienst ITM sei in Bayern ein erster Schritt getan. Kirchner sieht den Freistaat als Pionier beim Aufbau eines geeigneten Hilfswesens für taubblinde Menschen.
Als notwendigen nächsten Schritt bezeichnete Rolf Baumann vom bayerischen Sozialministerium, dass Taubblinde ein eigenes Merkzeichen für den Behindertenausweis bekommen. Dies sei Voraussetzung dafür, dass nötige Hilfsleistungen definiert werden können.
Als weiterer Schritt müsse die Taubblinden-Assistenz als Beruf anerkannt werden. „Hier ist die Kultusstaatsverwaltung gefragt“, sagte Baumann. Diese beiden Schritte werden seiner Einschätzung zufolge zwei bis drei Jahre dauern. Erst danach könne festgelegt werden, welche Hilfsleistungen wie erstattet werden.
Bis dahin sagten der Ministeriumsvertreter und der Verband der bayerischen Bezirke weitere Unterstützung zu, unter anderem bei den Aufwandsentschädigungen für die Taubblinden-Assistenten, die bislang ehrenamtlich tätig sind. Franz Kupka, dem ein Lormen-Dolmetscher diese Aussagen in die Hand buchstabierte, dürfte zufrieden sein. (Robert Zsolnay)

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